ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt: Keine Gesetze gegen Stress

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Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt: Keine Gesetze gegen Stress

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 103

Bühring, Petra

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Die Bundesarbeitsministerin macht den Schutz der psychischen Gesundheit zu einem Schwerpunktthema. Zunehmende Fehlzeiten und Milliardenausfälle für die Wirtschaft lassen Unternehmen aktiv werden.

Den Schutz der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt will Bundesarbeitsministerin Dr. med. Ursula von der Leyen (CDU) zu einem Schwerpunktthema ihrer Arbeit machen. Auf einer Fachtagung ihres Ministeriums zu dem Thema Ende Januar in Berlin forderte sie: „Psychische Belastungen am Arbeitsplatz müssen aus der Tabuzone heraus.“ Wenn es um den Schutz vor körperlichen Gefahren gehe, seien deutsche Unternehmen „spitze, leider machen sich aber noch viel zu wenige Betriebe Gedanken, wie sie ihre Mitarbeiter vor Stress und Burnout schützen können“.

Das Arbeitsprogramm „Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung“ soll im Fokus der zweiten Amtsperiode der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) stehen, einer konzertierten Aktion von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern (www.gda-portal.de).

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Dafür sei es nun „höchste Zeit“, denn 2011 seien bundesweit 59,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert worden. Das sei ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den vergangenen 15 Jahren. Dies habe zu einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10,3 Milliarden Euro geführt. Psychische Erkrankungen gelten als Hauptgrund für Frühverrentungen.

Stress am Arbeitsplatz ist in Deutschland nach wie vor weit verbreitet. Das zeigt der „Stressreport 2012“, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zur Fachtagung vorgelegt hat. Danach beklagen 43 Prozent der Arbeitnehmer, dass Stress und Leistungsdruck für sie in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hätten. Konkret sehen sich die Beschäftigten häufig Multitasking und starkem Termin- und Leistungsdruck ausgesetzt. 44 Prozent erleben während ihrer Arbeit oftmals Störungen. Immer häufiger lassen Arbeitnehmer Pausen ausfallen. 17 Prozent der Befragten fühlten sich in den letzten zwölf Monaten während der Arbeit oft körperlich und emotional erschöpft.

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Prof. Dr. Dieter Hundt, wies darauf hin, dass Arbeit auch einen positiven Effekt auf die Gesundheit habe und Arbeitnehmer im Schnitt gesünder seien als Arbeitslose. Dennoch: „Wir Arbeitgeber stehen zu unserer Verantwortung.“ Aber auch jeder Einzelne müsse etwas für seine psychische Gesundheit tun. Hundt teilt die Forderung der Ministerin, das Thema aus der Tabuzone herausholen zu müssen. Doch noch sei man nicht so weit: „Nur 16 Prozent der Berufstätigen informieren den Arbeitgeber über psychische Belastungen.“

Kritik an langen Wartezeiten in der Psychotherapie

Es sei jedoch nicht hinzunehmen, dass sich Arbeitgeber schnelle Hilfe für ihre Angestellten bei privaten Anbietern „teuer erkaufen müssen“, kritisierte Hundt. „Wie kann es sein, dass psychisch Kranke drei Monate allein auf ein erstes Gespräch beim Therapeuten warten?“ Der Arbeitgeberpräsident sieht hier die ärztliche Selbstverwaltung in der Pflicht, für Veränderung zu sorgen. Auch der Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, Gernot Kiefer, findet „den Zustand mit extrem langen Wartezeiten in der Psychotherapie unzumutbar“, verwies aber darauf, dass mit der Reform der Bedarfsplanung 1 350 neue Praxissitze für Psychotherapeuten geschaffen wurden. Kiefer bedauerte, dass die Kassen vor allem die klein- und mittelständigen Betriebe mit den Präventionsangeboten nicht erreichten.

„Beauftragter für psychische Gesundheit“ gefordert

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, wies darauf hin, dass „das Zusammenspiel von psychischer Gesundheit und Arbeit sehr individuell ist“. Seiner Ansicht nach sollte jeder Betrieb einen „Beauftragten für psychische Gesundheit“ haben. Die DGPPN kritisiert, dass die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie lediglich vorsieht, die bestehenden Strukturen zu stärken. Verpflichtende Regelungen zur Reduktion von psychosozialem Stress am Arbeitsplatz, wie in anderen Ländern der Europäischen Union üblich, seien nicht vorgesehen.

An der Fachtagung nahmen neben dem BDA auch Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) teil. Eine geplante gemeinsame Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit kam aber nicht zustande. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sprach von einer „Arbeitgeber-Blockade“. „Notwendig sind klare Regeln durch eine Antistressverordnung, mehr Mitbestimmung und Sanktionen gegen Unternehmen, die das Arbeitsschutzgesetz nicht einhalten“, betonte sie. Die Arbeitgeber lehnten die Forderungen der Gewerkschaften ab. „Wir brauchen keine neuen Rechtsvorschriften, sondern eine verbesserte Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen“, sagte der BDA-Präsident Hundt.

Petra Bühring

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