ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Interview mit Rosemarie Petry-Lehn, Dipl.-Psych., Unabhängige Beschwerdeberatung Psychotherapie: „Gewisses Misstrauen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Rosemarie Petry-Lehn, Dipl.-Psych., Unabhängige Beschwerdeberatung Psychotherapie: „Gewisses Misstrauen“

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 105

Bühring, Petra

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Warum sich Patienten an eine unabhängige Beratungsstelle wenden, und was diese leisten kann

Warum wenden sich Patienten an eine unabhängige Patientenberatung statt an eine Kammer?

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Petry-Lehn: Bei den Patienten besteht durch ihre Erfahrungen, die ja teilweise recht gravierend sind, ein gewisses Misstrauen. Sie wenden sich eher an eine unabhängige Stelle, weil sie glauben, dass Therapeuten sich gegenseitig nichts tun; sie haben oft nicht das Vertrauen, dort ernst genommen zu werden.

Was sind die häufigsten Anlässe für eine Beratung?

Petry-Lehn: Es gibt die ganze Bandbreite: Therapietypische Konflikte wie: „Mein Therapeut versteht mich nicht, der sagt immer ganz wenig.“ Ich erkläre dann, wie Therapie funktionieren kann, welche Methoden es gibt, was Therapie vom Verfahren her nicht leisten kann, bis hin zu schwersten Berufsverstößen. Dazu gehören Abstinenzverletzungen, von privaten Kontakten bis hin zu sexuellen Übergriffen. Schweigepflichtverletzungen sind auch ein häufiges Thema, ebenso Therapieverträge. Zum Beispiel, dass Therapeuten Ausfallhonorare verlangen, obwohl der Patient lange vorher angekündigt hatte, dass er in der Woche nicht kann. Auch von Patienten erlebtes Fehlverhalten höre ich oft, wie große Unpünktlichkeit des Therapeuten oder während der Therapiesitzung ans Telefon zu gehen.

Wie gehen Sie mit schweren Berufsverstößen um?

Petry-Lehn: Wir beraten anonym, das ist ganz wichtig. Das können viele Kammern nicht. Einige Kammern richten jetzt aber anonyme Beratungen ein. Ich erfahre auch interessanterweise fast nie die Namen der Therapeuten, und ich frage auch nicht danach. Wir beraten ressourcenorientiert. Bei sexuellen Übergriffen gucken wir sehr genau hin, was die Patientin überhaupt verkraften kann. Häufig wollen die Frauen dem übergriffigen Therapeuten nicht schaden, sondern sie wollen, dass es ihnen besser geht. Wir weisen aber natürlich auf die Möglichkeit hin, dies anzuzeigen oder sich bei der zuständigen Kammer zu beschweren.

Können sich Betroffene im weiteren Verlauf an Sie wenden?

Petry-Lehn: Immer, jederzeit. Wir begleiten, zwar nicht psychosozial, obwohl sich viele Ratsuchende das wünschen würden. Dazu reichen unsere Kapazitäten nicht aus. Wir weisen auch darauf hin, dass sie sich an einen anderen Psychotherapeuten wenden können. Häufig finden die Betroffenen jedoch zeitnah niemanden. Manchmal bieten die Frauenberatungsstellen Gesprächsmöglichkeiten für von sexuellen Missbrauch Betroffene an. An die verweisen wir auch bundesweit.

Was könnten Psychotherapeuten grundsätzlich besser machen?

Psychotherapie so transparent wie möglich machen, auf jeden Fall über die Besonderheiten des Verfahrens gut aufklären. Auch mitteilen, dass ein Ausfallhonorar anfallen kann und unter welchen Bedingungen. Therapeuten sollten auch explizit darum bitten, wenn es Probleme innerhalb der Therapie gibt, dass der Patient diese ansprechen kann.

Das Interview führte Petra Bühring.

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