ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Patientenbeschwerden in der Psychotherapie: Sie werden ernst genommen

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Patientenbeschwerden in der Psychotherapie: Sie werden ernst genommen

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 104

Bühring, Petra

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Die Psychotherapeutenkammern haben den Umgang mit Beschwerden in den letzten Jahren professionalisiert und für Betroffene transparent gemacht.

Auch über die Besonderheiten von Verfahren sollten Psychotherapeuten ihre Patienten aufklären. Foto: picture alliance
Auch über die Besonderheiten von Verfahren sollten Psychotherapeuten ihre Patienten aufklären. Foto: picture alliance

Die Anlässe für Patientenbeschwerden sind vielfältig. Sie reichen von Kritik über unpünktliche oder während der Therapiesitzung telefonierende Psychotherapeuten, über zu kurzfristige Terminabsagen, als ungerecht empfundene Ausfallhonorare bis hin zu privaten Kontakten und sexuellen Übergriffen seitens der Therapeuten. Bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten kommen häufig auch Unstimmigkeiten getrennt lebender Eltern über die Behandlung ihres Kindes hinzu.

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Grundsätzlich sollten die Regeln der Berufsausübung den Psychotherapeuten bekannt sein. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat sie in der (Muster-)Berufsordnung zusammengestellt (siehe Internet-Link).

Die Landespsychotherapeutenkammern haben ihr Beschwerdemanagement professionalisiert. Die meisten informieren ihre Patienten auf ihren Homepages über den möglichen Ablauf. Seit dem Aufbau der Strukturen stellen einige Kammern einen leichten Anstieg an Beschwerden fest, manche auch einfach nur jährliche Schwankungen. Generell halten sich die Patientenbeschwerden bei den Kammern jedoch in Grenzen, das ergab eine Anfrage bei den Psychotherapeutenkammern (PTK). Die bundesweit größte PTK Nordrhein-Westfalen gibt 465 Beschwerden in den letzten zehn Jahren an, 2012 waren es 62. Die PTK Baden-Württemberg erhielt 290 schriftliche Beschwerden in den letzten zehn Jahren, in den vergangenen drei Jahren gingen jeweils 20 bis 25 Beschwerden ein. Zusätzlich nahmen die Mitarbeiter am eigens eingerichteten Patiententelefon in Baden-Württemberg etwa 100 Beschwerden pro Jahr entgegen, auch anonyme. Die PTK Hamburg erhielt in den Jahren 2009 bis 2012 insgesamt 75 Beschwerden. Niedersachsen kommt in denselben Jahren jährlich im Durchschnitt auf etwa 30 Beschwerden.

Die Unabhängige Beschwerdeberatung Psychotherapie in Köln, die Betroffene bundesweit berät, führte 2012 ungefähr 150 Beratungen durch (siehe Interview). Die PTK Nordrhein-Westfalen kooperiert mit dieser Beratungsstelle. Grundsätzlich kooperieren aber alle Psychotherapeutenkammern mit regionalen Stellen der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland, um es den Patienten zu erleichtern, ihre Beschwerderechte in Anspruch zu nehmen.

Strukturierte Abläufe

Das strukturierte Beschwerdemanagement wird im folgenden am Beispiel von Niedersachsen, der ältesten Psychotherapeutenkammer, zusammengefasst dargestellt:

Jeder Psychotherapeut, über den eine Beschwerde eingeht, erhält zunächst die Aufforderung, zu den geäußerten Vorwürfen Stellung zu nehmen. Abhängig von der Schwere des Vorwurfs, den Ergebnissen von Ermittlungen der Verwaltung sowie der Bereitschaft zur Teilnahme am Schlichtungsverfahren entscheidet die Kammer über das weitere Vorgehen. Sie versucht zunächst durch Schlichtung oder Schiedsspruch zu einer Lösung beizutragen. Voraussetzung hierfür ist jedoch die Bereitschaft beider Parteien, sich auf das freiwillige Verfahren im Rahmen der Schlichtungsstelle oder des Schlichtungsausschusses einzulassen.

Erforderliche Ermittlungen

Beschwerden, die das Behandlungsverhältnis zwischen Patient und Psychotherapeut betreffen, werden von der Schlichtungsstelle der Kammer in Niedersachsen bearbeitet. Diese besteht aus drei Personen: Der Vorsitzende besitzt die Voraussetzung zum Richteramt, ein beisitzendes Mitglied ist Psychotherapeut, präsent ist außerdem ein Vertreter der Patienten.

Beschwerden, die das kollegiale Verhältnis zwischen Kammermitgliedern betreffen und auf eine Schlichtung oder einen Schiedsspruch abzielen, werden vom Schlichtungsausschuss bearbeitet. Er besteht aus einem vorsitzenden Juristen, zwei beisitzenden Kammermitgliedern und einer Verwaltungskraft.

Werden der Kammer Informationen zugetragen, die den Verdacht eines Berufsvergehens rechtfertigen, so ist sie aufgrund des sogenannten Amtsermittlungsgrundsatzes gesetzlich dazu verpflichtet, die erforderlichen Ermittlungen einzuleiten. Das Verfahren ist aufgrund der Vorgaben des Niedersächsischen Kammergesetzes für die Heilberufe nicht öffentlich. Das betroffene Mitglied erhält die Möglichkeit der Stellungnahme und kann sich einen Rechtsbeistand nehmen. Nach juristischer Prüfung und Würdigung des Sachverhaltes unter psychotherapeutischen Aspekten entscheidet der Vorstand über den Fall. Das Verfahren wird eingestellt, falls die Ermittlungen ergeben, dass keine Verletzung der Berufspflichten vorliegt. Bei geringfügigen Verstößen gegen die Berufspflichten kann der Vorstand mit einer Rüge oder einem Ordnungsgeld bis zu 3 000 Euro ahnden. Bei schwerwiegenden Verstößen findet ein Verfahren vor dem Psychotherapeutischen Berufsgericht Niedersachsen statt.

Nicht alle Psychotherapeutenkammern haben Schlichtungsstellen oder -ausschüsse eingerichtet. Eine moderierende Vermittlung und die Berufsaufsichtsverfahren übernehmen dann der Vorstand mit rechtlicher Unterstützung aus der Geschäftsstelle. Die PTK Berlin hat eine sogenannte Ombudsstelle: Dort beraten erfahrene unparteiische Kammermitglieder Patienten und auch Psychotherapeuten, die im Streit mit Kollegen sind, vertraulich und auf Wunsch anonym.

Die Approbation wurde in den letzten zehn Jahren nur ganz selten entzogen. Die PTK Niedersachsen weiß von einem Fall, die meisten anderen Kammern kennen keinen. Zuständig dafür sind die Approbationsbehörden der Länder, nicht die Kammern. Einige Psychotherapeutenkammern wissen jedoch von Therapeuten, die ihre Approbation von selbst zurückgegeben haben.

Petra Bühring

@Die Musterberufsordnung im Internet: www.bptk.de/uploads/media/20060117_musterberufsordnung.pdf

Unabhängige Beratung

Die „Unabhängige Beschwerdeberatung Psychotherapie“ berät Betroffene bundesweit. Träger ist der gesundheitsladen köln e.v.. Die Psychologische Psychotherapeutin Rosemarie Petry-Lehn und ihre Kollegen stehen derzeit zwei Stunden pro Woche zur Verfügung.

Telefon: 0221 16952149, petry-lehn@gesundheitsladen-koeln.de, www.gesundheitsladen-koeln.de

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