ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013DAK-Gesundheitsreport 2013: Burn-out kein Massenphänomen

POLITIK

DAK-Gesundheitsreport 2013: Burn-out kein Massenphänomen

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 106

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen sind so hoch wie nie. Depressionen verursachen achtmal mehr Fehltage als Burn-out. Ständige Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit ist weniger verbreitet als vermutet.

Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen erreichten 2012 bei DAK-Versicherten einen neuen Höhepunkt. Nach dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse haben sich zwischen 1997 und 2012 die Fehltage durch Depressionen, Anpassungsstörungen und andere psychische Krankheiten mehr als verdoppelt (plus 165 Prozent). Während sich 1997 nur jeder 50. Erwerbstätige wegen eines psychischen Leidens krankmeldete, war es bereits jeder 22. im Jahr 2012.

Keine Zunahme der Prävalenz

Anzeige

Epidemiologische Studien belegen jedoch: Psychische Störungen sind seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet. Aktuell haben dies auch der Deutsche Gesundheitssurvey (DEGS) vom Robert-Koch-Institut und dessen Modul „Psychische Gesundheit“ festgestellt (siehe PP, Heft 2/2013).

„Es gibt keine Zunahme der Prävalenz, die die Zunahme an Fehltagen abbildet“, erklärte Prof. Dr. Frank Jakobi, Dipl.-Psych., Leiter Epidemiologie und Versorgungsforschung an der Technischen Universität Dresden. Die Zunahme sei jedoch kein Artefakt, sondern ein Aufholen an Erkenntnissen. „Das Bewusstsein und die Sensibilität von Ärzten und Patienten psychischen Erkrankungen gegenüber haben sich deutlich verändert“, betonte Herbert Rebscher, Vorsitzender der DAK-Gesundheit.

Vier Prozent der Arbeitsunfähigkeitsfälle dauerten nach der Krankenstandsanalyse der DAK länger als sechs Wochen und riefen 44,4 Prozent der Fehltage hervor. Die Länge der Arbeitsausfälle ist ein deutlicher Hinweis auf psychische Erkrankungen. Das Gesundheitswesen war 2012 mit etwa 300 Prozent (AU-Tage pro 100 Versichertenjahre) besonders stark betroffen von den Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen; gefolgt von der öffentlichen Verwaltung mit circa 270 Prozent. Der Durchschnitt liegt bei 200 Prozent.

„Wir brauchen eine sachliche Debatte, um diese Entwicklung in der Arbeitswelt richtig bewerten zu können“, erklärte Rebscher und hat deshalb zusätzliche Studien beim IGES-Institut in Berlin in Auftrag gegeben. Hinterfragt wurde, ob das Thema Burn-out bei den psychischen Krankheiten wirklich die Bedeutung hat, wie es in der öffentlichen Debatte häufig scheint. Analysiert wurde darüber hinaus, welche Rolle die Arbeitswelt für psychische Erkrankungen spielt. Dazu wurden mehr als 3 000 Erwerbstätige befragt und Gruppendiskussionen mit Hausärzten durchgeführt.

Heraus stellte sich dabei, dass Burn-out nicht das Massenphänomen ist, zu dem die mediale Berichterstattung es in den letzten Jahren gemacht hat. Die Zusatzkodierung (Z 73, „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“) wurde noch im Jahr 2004 so gut wie gar nicht auf der Krankmeldung vermerkt. Bis 2012 lässt sich – auch bedingt durch das geringe Anfangsniveau – ein steiler Anstieg verzeichnen. Insgesamt werden durch die Zusatzkodierung Krankschreibungen mit einem Volumen von etwa zehn Ausfalltagen pro 100 Erwerbstätige begründet. Zum Vergleich: Die Depression verursacht mit 85 Fehltagen pro 100 Arbeitnehmer mehr als achtmal so viele Ausfalltage.

Die in die Studie einbezogenen Hausärzte nahmen zu dem Begriff Burn-out eine eher distanzierte Haltung ein, vor allem in Abgrenzung zu „echten psychischen Erkrankungen“. Positiv bewerteten sie jedoch, dass die öffentliche Burn-out-Diskussion bei vielen Patienten in der Praxis geholfen habe, psychische Probleme anzusprechen.

Die Ärzte sehen in Arbeitsverdichtung, Konkurrenzdruck und langen Arbeitszeiten eine Ursache für mehr Krankschreibungen mit psychischen Diagnosen. Psychische Erkrankungen werden nach Erfahrungen der Ärzte vom Patienten immer mehr als Grund für eine Krankschreibung akzeptiert.

Die Zunahme der ständigen Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit wird in der öffentlichen Diskussion häufig mit dem Burn-out-Phänomen in Verbindung gebracht. Die Arbeitnehmer-Befragung zeigte jedoch, dass berufliche Telefonate außerhalb der Arbeitszeit sehr viel weniger verbreitet sind. Zwar haben neun von zehn Arbeitnehmern ihre Telefonnummern beim Arbeitgeber hinterlegt, doch offenbar macht dieser wenig Gebrauch davon. Denn mehr als die Hälfte der Befragten werden nie von Kollegen oder Vorgesetzten außerhalb der Arbeitszeit angerufen. Deutlich höher ist das Gesundheitsrisiko für die etwa acht Prozent der ständig erreichbaren Mitarbeiter: Jeder Vierte von ihnen leidet unter einer Depression. Das sind etwa zwei Prozent der Arbeitnehmer.

Mails lesen wenig belastend

Im Vergleich dazu empfinden die Befragten die Belastung durch E-Mails geringer. Auch wenn zwei Drittel der Beschäftigten nicht ständig per Mail erreichbar sind, liest mehr als jeder Zehnte täglich dienstliche Mails außerhalb der Arbeitszeit. Allerdings fühlen sich die meisten nicht dadurch belastet.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema