ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Psychoanalytische Psychotherapie: Therapeutische Hausbesuche

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Psychoanalytische Psychotherapie: Therapeutische Hausbesuche

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 118

Moser, Tilmann

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Der Aufsatz geht der Frage nach, was es an neuem, in der Therapie zu bearbeitendem Material mit sich bringt, wenn der Psychotherapeut nicht nur den oft sehr auswählenden Berichten der Patienten zuhört, sondern sie real zu Hause aufsucht.

Foto: iStockphoto
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Lange Zeit war ich äußerst zurückhaltend im bekennenden Umgang mit regelgläubigen Kollegen, was meine gelegentlichen Besuche bei einzelnen Patienten zu Hause angeht. Natürlich konnte ich ungeniert zugeben, dass ich eine Patientin, die mit schweren Schnitt- und Bruchverletzungen für mehrere Wochen in der Klinik lag, dort im gleichen Rhythmus unserer Stunden, nämlich zweimal wöchentlich, am Krankenbett besuchte. Dass sie sich dort nicht von mir verlassen fühlen musste, hat unsere Beziehung heilsam vertieft.

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Aber dass ich ein erstes Mal, nach langer orthodoxer Gewissensprüfung und dem Kampf gegen den Verdacht des „Agierens“, eine Patientin in ihrer Wohnung besuchte, weil ihr Wunsch, ich möge endlich ihre Behausung kennenlernen, immer drängender wurde? Ich hatte Angst vor so viel Privatheit, war mir meiner eigenen Reaktionen nicht sicher, war besorgt, ich würde befangen und steif wirken oder aber „kontraphobisch“ aufgekratzt. Natürlich prüfte ich lange den Verdacht, sie wolle mich zu einer unstatthaften „persönlichen“ Beziehung verführen, traute mich aber endlich an Gedanken über „legitime Bedürfnisse“ heran, und siehe da: Ihre Erleichterung, als ich kam, belohnte mich für meinen Mut zur Abweichung vom regelgesicherten Üblichen.

Keine Heimlichkeit mit Patienten

Ihre Familie war sozial geächtet, es kam nie Besuch, sie durfte ihre Klassenkameraden nie zu sich einladen. Natürlich kann man darüber auf der Couch die berühmte Trauerarbeit leisten und die kollegiale Gewissheit teilen, dass es nie eine „wiedergutmachende emotionale Korrektur“ geben kann und darf. Von der Patientin fiel nach dem Erleben und durch die Nachbearbeitung des Besuchs in den darauffolgenden Stunden die Schamschicht der gesellschaftlichen Aussätzigkeit langsam ab. Und trotz des Gefühls des verdienten Erfolgs hütete ich unter Kollegen lange das uns verbindende Geheimnis, eingedenk des Gebots: keine Heimlichkeiten mit Patienten.

Und dann stieß ich auf drei wunderbare Seiten von Irvin D. Yalom in seinem Buch „Der Panama-Hut“ im Kapitel „Machen Sie Hausbesuche“, aus dem ich zitiere. Natürlich spricht der Analytiker, der zugleich Familientherapeut ist, hier mehr aus der Erfahrung des letzteren, indem Sitzungen vor Ort dringend notwendig sein können, aber er schreibt ebenfalls über Besuche bei therapeutischen Einzelpatienten, und erntet auch dort zunächst schwer vorstellbare Fortschritte.

„Ich habe einige Hausbesuche bei meinen Patienten gemacht. Viel zu wenig – denn ohne Ausnahme hat sich jeder als lohnend erwiesen. Jeder Besuch informiert mich über Aspekte meines Patienten, von denen ich sonst nie etwas erfahren hätte – . . .“ Yalom hebt seltsamerweise fast nur die zusätzlichen Informationen hervor, die sich freilich als höchst bedeutsam erwiesen. Erst seine Gegenwart in der Wohnung oder vielleicht auch am Arbeitsplatz „triggerten“ bei ihm wie beim Patienten Themen, die sonst wegen scheinbarer Beiläufigkeit und Unerheblichkeit im Dunkel des Unbesprochenen oder Uneingestandenen geblieben wären.

Deshalb möchte ich den Bedeutungsgehalt solcher Besuche erweitern: Was bringt es an neuem Seelenstoff mit sich, wenn ich als Therapeut oder Analytiker nicht nur den oft sehr auswählenden Berichten des Patienten lausche, vielleicht sogar manches nachfrage, sondern wenn ich real auf der Bühne der Häuslichkeit erscheine? Mein Lehranalytiker hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich mein Wohnungsinneres genau beschreiben zu lassen. Zuerst fand ich sein Interesse fast zudringlich, bis ich verstand, dass er nach versteckten, aber optisch ablesbaren Spuren meiner Neurose forschte und war ihm dankbar für den gemeinsamen Fantasiegang durch meine Gemächer. Er bildete mit seiner Neugier, die ich ihm sogar einmal ärgerlich untersagen wollte, die Brücke zu meinem späteren Mut zu Hausbesuchen.

Die intensivsten Erfahrungen machte ich mit Besuchen in den Ateliers von zwei Künstlerinnen. Bei der einen, einer inzwischen bereits erfolgreichen Malerin, von der ich in der Stadt bereits eine Ausstellung gesehen hatte, wurde der Wunsch, ich möge sie doch einmal im Atelier besuchen, immer deutlicher, obwohl ich ihn zuerst aus mancherlei Andeutungen erraten und formuliert hatte. Es brauchte aber noch mindestens ein Jahr, bis wir ihn realisierten. Ihr war einfach die Aufregung zu groß, mich in ihren Räumen mit viel Chaos, fertigen und unfertigen Gemälden, auch nur vorauszufantasieren. Auch ich war zögerlich, scheu, und Künstlern gegenüber bin ich ohnehin vor lauter Bewunderung befangen und weiß nie so recht, wie ich ihr Werk würdigen soll: Ob ich die rechten Worte finde, genug Kunstverstand erkennen lasse und als Therapeut den Hochseilakt zwischen Lob, Inkompetenz, vorsichtiger Kritik und vielleicht erwünschter Deutung gut absolviere. Denn ich ahnte, wie sehr sie meine Äußerungen auf die Goldwaage legen würde, schon bevor ich das Ausmaß ihres Traumas durch scharfe väterliche Kritik an ihren musikalischen Leistungen kannte.

Wir übten also lange insgeheim unsere Vorbereitungen, bis sie eines Tages meinte, nun könnte ich mein längst getroffenes Versprechen einlösen. Sie hatte Tee bereitet, sprach mit leicht zitternder Stimme über ihre Maltechnik und die Bedeutung einiger Motive für eine kommende Ausstellung. Ich spazierte ein wenig steif in dem riesigen Raum herum, verweilte mit angeblichem Kennerblick vor einzelnen Bildern und genoss meine schwindende Befangenheit. Ich spürte eine ähnliche Entwicklung bei ihr. Wieder war die Nacharbeit eine Sache von Wochen, und wir verstanden, warum sie aus Angst vor Kritik und Scham, öffentlich aufzutreten, viele Ausstellungschancen nicht wahrnehmen konnte und ab und zu eine unerklärliche Malhemmung ihre Kreativität lahmlegte. Sie hatte mir zwar bereits einzelne Bilder in die Praxis mitgebracht, über deren Traummotive wir wichtige Zusammenhänge herausgefunden hatten, aber der Besuch im Atelier hatte für uns beide eine ganze andere Dimension von Bedeutung.

Anerkennendes „Agieren“ förderlich und wirksam

Es ging um eine Revision des väterlichen Blicks auf ihre Begabung, der einmal vernichtend gewesen war, und aus Protest gegen ihre Verheiratung hatte er sie auch nie an ihren Lern- und Wirkungsstätten besucht. Es begann sich ein Bann für sie zu lösen, und aus meiner Art, ihre Bilder zu kommentieren oder einfach schön zu finden, entnahm sie ein fundamentales Akzeptiert-werden ihres Könnens. Während wir gefürchtet hatten, der Stand heftiger Übertragung und unsicherer Gegenübertragung könnte uns einen Streich spielen, erwies sich gerade das anerkennende „Agieren“ inmitten der Übertragung als förderlich und wirksam. Auch ihre geheime Angst, eine bereits eingestandene Übertragungsgefahr der Erotisierung der Beziehung könnte unkontrollierbar werden, fiel in sich zusammen.

Beweis für meine Wertschätzung

Eine andere Hausbegegnung fand im Atelier einer viel älteren Malerin statt, deren Voraufregung aber ähnlich hoch war wie die eben beschriebene. Ihre Hausfrauentugenden zwangen sie vorher zu einer intensiven Putz- und Aufräumungsaktion. Aber darunter lag eine Grundangst, ihre Bilder, von denen sie nur wenige in kleinen lokalen Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt hatte, könnten auch mir den Eindruck des absolut Unzeitgemäßen machen, weil sie viele düstere Szenen gemalt hatte, die ihr in hoffnungslosem Widerspruch zum heiteren oder poppigem Zeitgeist zu stehen schienen. Auch sie hatte Tee gemacht, und so konnten wir uns zuerst eine Weile an unseren Tassen festhalten und Annäherungskonversation machen. Aber dann spürte sie mein wachsendes Erstaunen und meine Bewunderung für die starke seelische Aussagekraft der Bilder. Sie sprach über biografische Hintergründe, und so erfuhr ich viel wichtiges Neues über bisher nur angedeutete Lebenskrisen, Ängste und traumatische Erinnerungen. Als ich gar zwei Bilder kaufen wollte und mich über ihren gering veranschlagten Preis wunderte, war ebenfalls ein Bann gebrochen: Mein Kauf war ihr ein schlüssiger Beweis für meine Wertschätzung, und sie spürte selbst, dass es kein tröstender Höflichkeitskauf war.

Auch hier stießen wir bei ihr auf eine tiefe mütterliche, nicht väterliche Einschüchterung und Entwertung im Hintergrund des Selbstwertgefühls, und außerdem kam es zu einer Milderung ihres sozialen Schamgefühls, das wir in viel tieferer Weise in der Nacharbeit erkunden konnten. Sie sprach mit größerem Mut von schambesetzten Eigenschaften und Erlebnissen, und das Generalthema Scham lag nun wie eine offene Landschaft vor uns.

Yalom beschließt seinen beinahe eine Werbeschrift zu nennenden Aufsatz mit einer vorsichtigen Warnung: „Hausbesuche sind wichtige Ereignisse, und ich will nicht behaupten, dass junge Therapeuten diesen Schritt leichtfertig tun sollten. Zunächst müssen Grenzen gezogen und respektiert werden, doch wenn die Situation es erfordert, sollten wir bereit sein, flexibel, kreativ und individuell zu reagieren.“ Was er nicht erwähnt, ist, wenn der Besuch sich schließlich innerhalb einer langen Therapie ereignet, dass es der vorausfantasierenden Vorbereitung bedarf. In ihr werden nicht nur sich abzeichnende neue Themen und Gefühle sichtbar, sondern drohende Befangenheit, Angst und Scheu werden angesprochen und ansatzweise vorweggenommen. Man begegnet sich dann auf einem in der Fantasie bereits einmal abgeschrittenen Gelände.

Verständnis für das Lebensgefühl junger Kollegen

Spannend waren auch wenige Besuche in der Praxis von jungen Kollegen in Therapie oder Supervision: Die Besichtigung der Orte ihres eigenen Wirkens erwies sich als wichtig für das Verständnis ihres eigenen Lebens- und Tätigkeitsgefühls, ihrer Raumwahrnehmung, ihres Sitzplatzes. Wichtig war es auch für das Bild, das sie in mir aufgrund meiner Tätigkeit und Kompetenz vermuteten oder fürchteten. Auch bei starker Übertragung kann sich ein wichtiges Gefühl beruflicher und kollegialer Solidarität herausbilden, die beides enthält: Würdigung in der Übertragung und erwachsene Anerkennung der verwandten Aktivität und des gemeinsamen Selbstverständnisses im Beruf.

Meine Scheu wie mein Geheimhaltungsbedürfnis haben sich stark ermäßigt, auch wenn ich weit davon entfernt bin, von einer Routinehandlung von Hausbesuchen zu sprechen. Jeder Besuch hat seine eigene Gestalt, sein eigenes Gewicht und seine eigene Bedeutung, und seine Einfügung in den Gang der Therapie oder Analyse muss immer individuell erarbeitet werden. Einige meiner Erfahrungen hat Yalom bereits formuliert, ohne deutend in die Tiefe zu gehen: „Das Gespräch, das einem Hausbesuch vorausgeht, kann besonders produktiv sein. Manche Patienten bekommen Angst, sich derartig zu exponieren; vielleicht schwanken sie, ob sie noch einen Hausputz machen oder zulassen sollen, wenn ihr Heim au naturel besichtigt wird.“ . . . „Wieder andere zeigten wenig Interesse an sich selbst, als ob sie keine Schönheit, keinen Komfort in ihrem Leben verdienten.“ Also ist auch er auf Tiefenschichten im Selbstverständnis der Patienten gestoßen, er hat sie in seinem kurzen Aufruf „Machen Sie Hausbesuche“ nur nicht gründlicher untersucht.

Wichtig ist, dass beide Partner sich trauen, „unterbelichtete“ Selbstaspekte zu zeigen oder zu sehen zu bekommen. In harmloserer Form spielt das auch eine Rolle, wenn es darum geht, ob der Therapeut Aufführungen oder Darbietungen unter Beteiligung seines Patienten besucht. Bedeutsam für die Behandlungen waren meine Besuche bei Promotions- oder Habilitationsvorträgen: In der Vorbereitung des Ereignisses konnte noch die ängstliche Befangenheit vor mir dominieren, je nach vorgängiger Übertragungslage, während der Veranstaltung jedoch überwog das Gefühl der Anerkennung, sogar des Schutzes vor allzu großer Aufgeregtheit vor großem Publikum. Wenn es um gewichtige Leistungen geht, muss man sogar mit eigenen Kleinheits- oder Unterlegenheitsgefühlen umgehen, oder gar Rivalitätsproblemen, wenn unsere Person nicht mehr den Schutz der idealisierenden Übertragungsumhüllung genießt.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2013; 12(2): 118–20

Anschrift des Verfassers:
Dr. phil. Tilmann Moser
Aumattenweg 3
79117 Freiburg

Irvin D. Yalom: Der Panama-Hut: oder Was einen guten Therapeuten ausmacht.
btb-Verlag, 2010.

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