ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/201320 Jahre Thure-von-Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin: Dualismus von Körper und Geist

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20 Jahre Thure-von-Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin: Dualismus von Körper und Geist

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 121

Sonnenmoser, Marion

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Thure von Uexküll, hier 1999, gründete vor 20 Jahren die Akademie für Integrierte Medizin. Foto: dpa
Thure von Uexküll, hier 1999, gründete vor 20 Jahren die Akademie für Integrierte Medizin. Foto: dpa

Thure von Uexküll († 2004) gilt als Pionier und Nestor der psychosomatischen Medizin. Sein Konzept der „Integrierten Medizin“ wollte die biopsychosoziale Dimension des Menschen in die Spezialgebiete der Medizin zurückzubringen.

Ein Dualismus, der Körper und Geist voneinander trennt, herrscht seit vielen Jahren in der naturwissenschaftlichen Medizin. Einfache Ursache-Wirkungs-Modelle gehen von linearen Zusammenhängen aus, die aber vielen komplexen und chronischen Erkrankungen oft nicht gerecht werden. Denn warum wird ein Mensch krank? Und warum gerade jetzt? Diese vermeintlich einfachen Fragen offenbaren das ganze Dilemma ärztlicher Heilkunst und stellen jeden Praktiker vor eine große Herausforderung. Nur ein umfassendes Verständnis für die körperlichen, seelischen und sozialen Belange des Patienten ermöglicht es, seine Beschwerden richtig zu deuten und zu behandeln.

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Thure von Uexküll (1908–2004) erkannte die Bedeutung dieser Zusammenhänge und verband für sein Modell einer integrierten Medizin Konzepte der Biosemiotik, des Konstruktivismus und der Systemtheorie miteinander. Symptome sind nach diesem Ansatz Zeichen im Sinne von Indizien, die keine festgeschriebene, sondern eine zugewiesene Bedeutung haben und daher von Patient und Arzt gemeinsam interpretiert werden müssen. Der vom Patienten beklagte Schmerz kann demnach ein Hinweis auf eine organische Störung, aber beispielsweise auch ein Symbol für Traurigkeit und Verlust sein. „Über dieses gemeinsame Deuten entsteht bestenfalls eine neue gemeinsame Wirklichkeit“, sagt Dr. Sven Eisenreich, Oberarzt am Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt am Main und Vorstand der Thure-von-Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin. Darüber hinaus ist Krankheit in erster Linie kein ausschließlicher Funktions-, sondern vielmehr ein Passungsverlust oder eine Passungsstörung. So muss beispielsweise der junge Typ-I-Diabetiker durch das regelmäßige Blutzuckermessen und Insulinspritzen nicht nur auf der körperlichen Ebene eine Anpassungsleistung erbringen, sondern auch psychisch die Erkrankung integrieren und in seinem sozialen Leben berücksichtigen. Der Arzt wiederum muss erkennen, auf welcher Ebene unter Umständen noch keine hinreichende Passung besteht oder diese bedroht ist.

Thure von Uexküll gilt seither als Pionier und Nestor der psychosomatischen Medizin in Deutschland, obwohl er selbst die Eigenständigkeit des Faches eher kritisch sah. Vielmehr trat er dafür ein, diese grundsätzliche Art ärztlichen Denkens in alle Fachdisziplinen hineinzutragen. Integrierte Medizin war für ihn immer und ausdrücklich auch psychosomatisch. Er gründete 1992 gemeinsam mit Freunden und Kollegen die „Akademie für Integrierte Medizin (AIM)“. Das Ziel war es, den Dualismus zu überwinden und die verloren gegangene oder unterpräsentierte biopsychosoziale Dimension des Menschen in die Spezialgebiete der Medizin zurückzubringen. Die Akademie hat heute etwa 180 Mitglieder, vornehmlich Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte, aber auch Physiotherapeuten oder Körpertherapeuten. Es finden regelmäßige Treffen in den Regionalgruppen statt, die gewissermaßen die Keimzelle integrierter Medizin darstellen. Fallbesprechungen aus dem klinischen Alltag laufen vor dem Hintergrund des theoretischen Modells ab, um dadurch neue Verstehensansätze zu schaffen. Auf den Jahrestagungen und in Modellwerkstätten gibt es einen intensiven interdisziplinären Austausch, nicht nur innerhalb der Medizin, sondern auch mit anderen Fachgebieten wie zum Beispiel den System- oder der Kommunikationswissenschaften. So solle das ursprüngliche Modell Thure von Uexkülls stetig weiterentwickelt werden, damit „der Patient wieder im Vordergrund ärztlichen Denkens und Handelns steht“, fordert Eisenreich.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@www.int-med.de

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