ArchivDeutsches Ärzteblatt11/20131933-1938-1945: Berliner Themenjahr

KULTUR

1933-1938-1945: Berliner Themenjahr

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): A-516 / B-460 / C-460

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein Projekt bringt die zerstörerischen Folgen des Nationalsozialismus auf die Straße.

Georg Klemperer vor dem Krankenhaus Moabit im Jahr 1930 (2. v. r.). Ihm wurde 1933 gekündigt. An sein Schicksal erinnert die Berliner Medizinische Gesellschaft. Foto: © bpk
Georg Klemperer vor dem Krankenhaus Moabit im Jahr 1930 (2. v. r.). Ihm wurde 1933 gekündigt. An sein Schicksal erinnert die Berliner Medizinische Gesellschaft. Foto: © bpk

Ein ungewöhnliches Projekt wird derzeit in Berlin realisiert: Im Stadtbild wird an zahllosen Orten an die Folgen der NS-Zeit erinnert. Unter dem Obertitel „Zerstörte Vielfalt“ sollen 2013 Vertreibung, Ausgrenzung, Ermordung Tausender Berliner Bürger und Bürgerinnen und die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens in Erinnerung gerufen werden.

Anzeige

Erinnerungsorte gibt es in Berlin zwar zuhauf. Einige sind weltbekannt wie etwa die Holocaust-Gedenkstätte, die Topographie des Terrors oder das Jüdische Museum. Doch andere fallen kaum auf. Beim Themenjahr machen etwa 120 solcher Initiativen mit. Sie warten mit Ausstellungen und Theaterstücken, Gedenkorten und Filmen oder Publikationen auf. Einen Überblick vermittelt das Deutsche Historische Museum. Hinzu kommen mobile Säulen im Straßenbild; sie erinnern mit Bildern und Kurzbiografien an vertriebene Künstler, Wissenschaftler und Politiker.

Der Nationalsozialismus blieb nicht an der Oberfläche, er reichte bis in die Verästelungen von Gesellschaft und Kultur. Die Vernichtung der Unerwünschten traf Große in Wirtschaft und Kunst genauso wie hilflose Anstaltsinsassen und Behinderte. Und das ist das eigentlich Lehrreiche an diesem Berliner Projekt der vielen kleinen Projekte: Es zeigt, wie der Nationalsozialismus die Gesellschaft durchzog und wie diese mitmachte. Medizin und Gesundheitswesen sind beim Themenjahr mehrfach vertreten. Mit unterschiedlichem Schwerpunkt wird die „Euthanasie“ behandelt: Unter dem Titel „Auf freundlichen Zuspruch lächelt das Kind“ informiert das Heimatmuseum Reinickendorf über medizinische Verbrechen der Städtischen Nervenklinik für Kinder 1941–45 (31. Mai bis 31. Januar).

Am 2. Mai jährt sich die Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten zum 80. Mal. Foto: DHM
Am 2. Mai jährt sich die Zerschlagung der Gewerk­schaften durch die National­sozialisten zum 80. Mal. Foto: DHM

An die Opfer der NS-„Euthanasie“ auf dem Gelände der ehemaligen 3. Heil- und Pflegeanstalt in Berlin-Buch (heute Helios-Klinikum) erinnert ein Kunstwettbewerb des Bezirksamtes Pankow (Ausstellung der Entwürfe, bis Oktober). Eine temporäre Open-air-Ausstellung, veranstaltet von einer Gruppe Historiker und Architekten, vom 5. Mai bis 17. November gilt der „Euthanasie“Zentrale an der Tiergartenstraße 4. Die Medizinhistoriker der Charité und der Verein „Totgeschwiegen“ richten die Ausstellung „Doppelt stigmatisiert“ über die Schicksale jüdischer Psychiatriepatienten aus (bis 29. November). Zwei Filmprojekte gelten den Gehörlosen: „Die Gehörlosen in der NS-Zeit“ (14. September bis Mitte November) und „Taubes jüdisches Leben im Umkreis des Centrum Judaicum“ (Gebärdensprachfilm und Ortsbegehung). An die Blinden erinnert das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt ( in der ehemaligen Bürstenwerkstatt, Rosenthaler Straße 39). Die Berliner Medizinische Gesellschaft berichtet in einem Buch über ihre Zeit „unter dem Hakenkreuz“ (Jaron-Verlag, März 2013). Das Mitte Museum stellt die Rassenpolitik anhand der Reichsmütterschule Berlin-Wedding vor (Ausstellung, 19. September bis Sommer 2014).

Trotz der Vielzahl der Projekte – es gibt Lücken. So scheint sich kein Veranstalter gefunden zu haben, der die Vertreibung jüdischer Mediziner aus der Charité und anderen Kliniken thematisiert hätte. Immerhin gibt es die „Jüdischen Miniaturen“ des Verlags Hentrich & Hentrich, in denen Ärzte von heute dem Schicksal ihrer Fachkollegen in der NS-Zeit nachgehen. Doch trotz solcher Beckmesserei: Am Berliner Projekt könnte sich manche Stadt in Deutschland ein Beispiel nehmen. Bis dahin bleibt Berlin pars pro toto.

Norbert Jachertz

@Alles über Veranstalter, Themen,
Termine und Orte unter www.berlin.de/2013

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema