ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2013Ärztlicher Arbeitsmarkt: Gegenläufige Tendenzen

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Ärztlicher Arbeitsmarkt: Gegenläufige Tendenzen

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): A-525 / B-469 / C-469

Martin, Wolfgang

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In der Chirurgie hat sich der Bewerbermangel leicht entspannt, im Bereich Psychiatrie/Psychosomatik spitzt sich die Situation zu.

Leeres Behandlungszimmer – die Krankenhäuser suchen händeringend Psychiaterinnen und Psychiater. Foto: picture alliance
Leeres Behandlungszimmer – die Krankenhäuser suchen händeringend Psychiaterinnen und Psychiater. Foto: picture alliance
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Die Nachfrage nach Fachärztinnen und Fachärzten hat sich in den letzten vier Jahren langsam, aber sicher verschoben: 2009 waren in erster Linie Spezialisten in den Fachgebieten Chirurgie und Innere Medizin knapp. Während dies für die Innere Medizin auch weiterhin gilt, hat sich die Bewerbersituation in den chirurgischen Fachgebieten anscheinend leicht entspannt. Nochmals zugespitzt hat sich dagegen die Lage im Spektrum Psychiatrie/Psychosomatik.

Einen Vergleich der Nachfragesituation in den verschiedenen Fachgebieten ermöglicht der von „mainmedico“ jedes Jahr ermittelte Facharztindex. Für diesen wird die Zahl der für ein Fachgebiet im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Stellenanzeigen ins Verhältnis zur Zahl der in diesem Fachgebiet angestellt tätigen Ärztinnen und Ärzte gesetzt. So erhält man einen spezifischen Indexwert: Dieser gibt an, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung entfallen; der Durchschnittswert aller Fachgebiete lag im letzten Jahr bei 28,6.

Unter den fünf Fachgebieten mit der geringsten Zahl an potenziellen Bewerbern pro Stellenausschreibung rangieren inzwischen alle drei Fachgebiete aus dem psychiatrisch-psychosomatischen Spektrum (Grafik). Während die Kinder- und Jugendpsychiatrie bis auf wenige Ausnahmen in der Vergangenheit immer mit einer äußerst dünnen Bewerberdecke zu kämpfen hatte, rückte das Fachgebiet Psychiatrie erstmals im Jahr 2010 in diese Spitzengruppe auf.

In welchen Fachgebieten die Bewerberdecke besonders dünn ist
In welchen Fachgebieten die Bewerberdecke besonders dünn ist
Grafik
In welchen Fachgebieten die Bewerberdecke besonders dünn ist

Der Bedarf an Behandlungsangeboten für Menschen mit psychischen Erkrankungen hat in den letzten Jahren nochmals stark zugenommen und damit die Nachfrage nach Psychiaterinnen und Psychiatern. Und obwohl deren Gesamtzahl im Krankenhaus seit Ende der 90er Jahre kontinuierlich gestiegen ist und sich so innerhalb dieser Zeit verdreifacht hat, haben die Weiterbildungskapazitäten mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt gehalten. Kamen 2001 rein rechnerisch noch sechs „frisch gebackene“ Psychiaterinnen und Psychiater auf eine im Deutschen Ärzteblatt ausgeschriebene „einfache“ Facharztposition, waren es zehn Jahre später nur noch drei. Dies verdeutlicht, wie knapp die Personalressourcen in diesem Fachgebiet inzwischen sind.

Ähnlich verhält es sich in Teilbereichen der Inneren Medizin: Für die Krankenhäuser ist es schon seit längerem nicht einfach, die Spezialisten zu finden, die sie für die Profilierung ihres Leistungsspektrums benötigen. So kamen auch 2012 in den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hämatologie/Onkologie, Kardiologie und Pneumologie rein rechnerisch noch nicht einmal zwei neue Fachärztinnen und Fachärzte auf eine ausgeschriebene Einstiegsposition (einschließlich Oberarztpositionen). Gleichzeitig entstehen auch für Spezialisten immer mehr Beschäftigungsmöglichkeiten an der Schnittstelle von ambulantem und stationärem Sektor. Dazu gehören zum Beispiel Modelle, in denen Hämatologen/Onkologen mit der Hälfte der Arbeitszeit als Oberarzt im Krankenhaus angestellt sind, mit der anderen Hälfte die ambulante Versorgung der Patienten in einem Medizinischen Versorgungszentrum gewährleisten.

In der Chirurgie verläuft die Entwicklung dagegen etwas anders: Sah die Bewerbersituation in den meisten Schwerpunkten vor wenigen Jahren noch ähnlich aus wie in der Inneren Medizin, hat sich die Situation im vergangenen Jahr leicht entspannt: So kamen 2012 in der Gefäß- und Viszeralchirurgie immerhin schon drei frisch beurkundete Fachärztinnen und Fachärzte auf eine Ausschreibung. Diese Entwicklung macht sich inzwischen auch im Nachfrageranking bemerkbar: Lagen 2006 noch drei chirurgische Schwerpunkte unter den fünf Fachgebieten mit der geringsten Zahl an potenziellen Bewerbern, wurden sie in den folgenden Jahren nach und nach von anderen Fachgebieten abgelöst. 2012 erschien mit der Gefäßchirurgie das erste chirurgische Fachgebiet erst auf Platz neun.

Die Bewerbersituation in der Chirurgie hat sich also anscheinend etwas entspannt. Damit würde sich durchaus ein Trend bestätigen, den der Berufsverband der Chirurgen (BDC) bereits im vergangenen Jahr ausgemacht hat, dass sich nämlich wieder mehr Ärztinnen und Ärzte für eine Weiterbildung in der Chirurgie entscheiden. In den letzten Jahren war vonseiten der Chirurgen immer wieder das während des Medizinstudiums kontinuierlich sinkende und nach dem praktischen Jahr dramatisch abfallende Interesse an ihrem Fach beklagt worden. Inzwischen sieht es ganz danach aus, dass die Nachwuchskampagne des BDC schon erste Wirkung zeigt. Ob es sich hierbei um eine dauerhafte Trendumkehr handelt, bleibt allerdings abzuwarten.

Die Strahlentherapie belegt überhaupt zum ersten Mal einen der führenden Plätze im Nachfrageranking. Dies ist durchaus bemerkenswert, da in den kleineren Fachgebieten erfahrungsgemäß ein überproportionaler Anteil an Vakanzen über informelle Kanäle besetzt und gar nicht erst im Deutschen Ärzteblatt ausgeschrieben wird. Wenn dennoch überproportional viele Stellenanzeigen geschaltet werden, ist dies ein eindeutiges Zeichen für Bewerbermangel.

Dr. Wolfgang Martin, Mainmedico GmbH, Consulting & Services, Frankfurt am Main

In welchen Fachgebieten die Bewerberdecke besonders dünn ist
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