ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2013Kassenärztliche Bundesvereinigung: Wahltarife zur besseren Steuerung

POLITIK

Kassenärztliche Bundesvereinigung: Wahltarife zur besseren Steuerung

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): A-483 / B-431 / C-431

Maus, Josef

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Andreas Köhler will den Sicherstellungsauftrag stärken und Wahltarife zur besseren Patientensteuerung einführen. Hierbei ist der Gesetzgeber gefragt. Fotos: KBV
Andreas Köhler will den Sicherstellungsauftrag stärken und Wahltarife zur besseren Patientensteuerung ein­führen. Hierbei ist der Gesetzgeber gefragt. Fotos: KBV

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl legt die KBV ein Grundsatzpapier zur Sicherung der ambulanten medizinischen Versorgung der Bevölkerung vor. Kurs und Positionen der niedergelassenen Ärzte sind damit klar umrissen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) möchte, dass die etwa 72 Millionen gesetzlich versicherten Bundesbürger künftig unter drei Tarifen in der ambulanten Versorgung wählen können. Mit diesen Tarifen will die KBV das bisher praktizierte Sachleistungssystem mit der bei vielen niedergelassenen Ärzten favorisierten Kostenerstattung kombinieren. Hintergrund für die differenzierte Tariflandschaft in der ambulanten Versorgung ist die unveränderte Notwendigkeit, die Inanspruchnahme von Haus- und Fachärzten durch die Versicherten besser steuern zu können. Die Praxisgebühr, eingeführt 2004 und mit Beginn dieses Jahres wieder abgeschafft, hatte dieses Ziel nie erreicht. Nun sollen es die Wahltarife richten.

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Wie sie aufgebaut sind, erläuterte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Köhler bei der Vorstellung des zuvor von der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung verabschiedeten Grundsatzpapiers „Erwartungen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten an eine zukunftssichere Gesundheitspolitik“ am 7. März in Berlin.

  • Im Wahltarif 1 wählt der Versicherte im Sachleistungssystem seinen Hausarzt, der im Bedarfsfall Überweisungen zu Fachärzten ausstellt. Konsultiert der Patient jedoch einen Facharzt ohne Überweisung, würde in diesem Tarif und in diesem Fall die Kostenerstattung gelten.
  • Beim Wahltarif 2 hat der Versicherte freien Zugang zum Haus- und Facharzt – beim Hausarzt im Sachleistungssystem, beim Facharzt mit Kostenerstattung. Gegebenenfalls wäre letzteres mit einer Eigenbeteiligung verbunden.
  • Wahltarif 3 sieht ebenfalls den freien Zugang zu Haus- und Facharzt vor – aber im Sachleistungsprinzip. Versicherte, die diesen Tarif wählen würden, sollten nach Auffassung der KBV dafür einen Zusatzbeitrag an ihre Krankenkasse entrichten.

Köhler glaubt, dass dieses Modell tatsächlich eine Steuerung der Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärzten bewirken kann, und zwar so, dass der einzelne Arzt wieder mehr Zeit für seine Patienten habe. Die Wahltarife sind eine von mehreren Maßnahmen, mit denen die KBV die Herausforderungen der nahen Zukunft – alternde Bevölkerung bei gleichzeitigem Mangel an Ärzten – meistern will. Die gezielte Stärkung des Sicherstellungsauftrages der KBV und der KVen für die ambulante Versorgung der Bevölkerung ist ein weiterer Schwerpunkt.

Frieden mit Selektivverträgen

Die Stichworte hierzu lauten unter anderen: Wiederherstellung der diagnostischen und therapeutischen Freiheit, feste und kostendeckende Preise für die ärztlichen Leistungen, Abschaffung der versorgungsfernen Mengensteuerung, die Stärkung der haus- und fachärztlichen Grundversorgung und die Schaffung einer klaren Wettbewerbsordnung für Kollektiv- und Selektivverträge.

Regina Feldmann: „Die ambulante Versorgung muss künftig eine stärkere Rolle bei der Aus- und Weiterbildung spielen.“
Regina Feldmann: „Die ambulante Versorgung muss künftig eine stärkere Rolle bei der Aus- und Weiterbildung spielen.“

Zwar räumte Köhler bei der Vorstellung des Positionspapiers ein, dass er „seinen Frieden mit den Selektivverträgen“ gefunden habe, dennoch ist der KBV an einer eindeutigen Abgrenzung der Aufgaben gelegen. Selektivverträge, die zwischen den Krankenkassen und ärztlichen Verbänden (zumeist ohne Beteiligung der KVen) geschlossen werden, sollten Innovationen bringen und Möglichkeiten aufzeigen, die Versorgung zu verbessern. Diese Fortschritte müssten dann aber in den Kollektivvertrag einfließen und damit allen gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen.

Ärzte als Präventionslotsen

Nach wie vor besteht die KBV auf dem Vorrang der ambulanten Betreuung der Patienten durch Vertragsärzte und Psychotherapeuten. Sie ist gegen die wachsende institutionelle Öffnung der Krankenhäuser, aber für eine sektorenübergreifende Versorgung durch ein systematisches Einweisungs- und Entlassungsmanagement. In dem Papier fordert die KBV ferner, kassenspezifische Gesamtverträge wieder zu ermöglichen. Sie will zudem die Delegation ärztlicher Leistungen an nichtärztliche Fachkräfte fördern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken.

Einen weiteren Schwerpunkt sieht Köhler in der Prävention: „Künftig müssen unabhängige und freiberufliche Ärzte und Psychotherapeuten als Präventionslotsen dafür sorgen, dass Menschen mit hohen Gesundheitsrisiken frühzeitig die richtigen Programme für ein effizientes Selbstmanagement bekommen.“ Das sei schon allein deshalb sinnvoll, weil die meisten Menschen den niedergelassenen Ärzten als Berater in Gesundheitsfragen vertrauen und die Vertragsärzte in der Regel auch die ersten Ansprechpartner sind.

Feldmann: „Jetzt handeln“

Köhlers Vorstandskollegin Regina Feldmann plädierte bei der Vorstellung des KBV-Papiers insbesondere für Änderungen in der Aus- und Weiterbildung der Ärzte. So müsse die ambulante Tätigkeit in der universitären Ausbildung eine stärkere Rolle spielen. Feldmann: „Viele Behandlungen erfolgen heute fast ausschließlich ambulant und nicht mehr in den Kliniken.“ Diesen neuen Versorgungsrealitäten müsse in der Aus- und Weiterbildung Rechnung getragen werden. Die Studierenden sollten so früh wie möglich mit der ambulanten Versorgung in Kontakt kommen, denn die Entscheidung für die Klinik oder eine eventuelle spätere Niederlassung falle bereits sehr früh im Studium. Regina Feldmann ist bewusst, dass die geforderten Änderungen Zeit benötigen, aber sie sagt: „Wir müssen jetzt handeln, wenn wir in Zukunft nicht ohne die Grundversorger in der ambulanten Versorgung dastehen wollen.“

Josef Maus

@Das KBV-Grundsatzpapier im Internet unter www.aerzteblatt.de/13483

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