ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2013Psychosomatik: Ergebnis eines langen Prozesses

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Psychosomatik: Ergebnis eines langen Prozesses

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): A-509 / B-453 / C-453

Maier, Wolfgang; Falkai, Peter; Bohus, Martin

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Im Artikel wurde sehr umfangreich die Position des deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) und der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) dargestellt, die die Namensergänzung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als „Vereinnahmung“ der Psychosomatik durch die Psychiatrie und als „klaren Rückschritt in der Behandlung der Betroffenen mit psychosomatischen Erkrankungen“ bezeichnet. Gerne ergreifen wir die Gelegenheit, die Beweggründe der DGPPN an dieser Stelle zu erläutern . . . Zunächst sollte erwähnt werden, dass die Namenserweiterung das Resultat eines langen, auch selbstkritischen Reflexionsprozesses der DGPPN ist, der zu jedem Zeitpunkt gegenüber den oben genannten Fachgesellschaften offen kommuniziert wurde. Bis 2011 wurde in konstruktiven kollegialen Gesprächen nach Möglichkeiten gesucht, um die beiden Fächer im Sinne eines „Common Trunks“ – wie international üblich – zusammenzuführen. Zu unserem Bedauern sprach sich der Vorstand der DGPM im Frühjahr 2011 jedoch mehrheitlich gegen dieses Modell aus und verhinderte somit eine Weiterführung des konstruktiven Dialogs.

Wenn die DGPPN sich nun infolge dieser Entwicklungen entschlossen hat, das Thema Psychosomatik offiziell im Namen zu führen, so soll hier ein jahrelanger Entwicklungsprozess innerhalb der Psychiatrie und Psychotherapie seinen Ausdruck finden:

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Es ist mittlerweile eindeutig belegt, dass in unserem Fachgebiet psychosomatische Aspekte im Sinne der Interaktion von psychischen und körperlichen Faktoren eine herausragende Rolle spielen. Psychosomatische beziehungsweise somato-psychische Wechselwirkungen werden von Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie in die Diagnostik einbezogen und in der Behandlung berücksichtigt. Zudem sind psychosomatische Wechselwirkungen Gegenstand intensiver hochkarätiger auch DFG- und BMBF-geförderter psychiatrischer Forschung, die in den letzten Jahren zu einer erheblichen Wissenserweiterung auf diesem Gebiet beigetragen hat. Hinzu kommt, dass die Versorgung in psychosomatischen Kliniken heute schon in großem Umfang von Fachärzten für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde geleistet wird: Etwa ein Drittel der Kliniken für psychosomatische Medizin werden von Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie geleitet. Angesichts des bedauerlichen, aber manifesten Nachwuchsmangels im Fachgebiet der Psychosomatik wird sich dieser Trend in naher Zukunft erheblich verstärken.

Die DGPPN erhebt keineswegs einen Alleinanspruch auf die Versorgung von psychosomatischen Erkrankungen, genauso wenig wie die Psychosomatik einen Anspruch erheben sollte auf die alleinige psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Wir sehen diesen Schritt als Parallele zur Namenserweiterung der DGPPN um den Begriff „Psychotherapie“ vor zwei Jahrzehnten. Auch dies stieß zunächst auf erheblichen Widerstand und wurde unter dem Verdikt der feindlichen Übernahme gebrandmarkt. Heute ist die Psychotherapie aus der Psychiatrie nicht mehr wegzudenken. Wir werden daran arbeiten, dass das Themengebiet der Psychosomatik eine ähnlich erfolgreiche Entwicklung nimmt und hoffen dabei auf die kooperative Unterstützung der benachbarten Fachgesellschaften.

Prof. Dr. Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Bonn, 53105 Bonn

Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität, 80336 München

Prof. Dr. Martin Bohus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, 68159 Mannheim

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Dr. H.-M. Rothe
am Mittwoch, 3. April 2013, 10:08

Etikettenschwindel im Glashaus: wenn der Wolf Kreide frisst

Etikettenschwindel im Glashaus: wenn der Wolf Kreide frisst

Leserbrief zu: Psychosomatik: Ergebnis eines langen Prozesses, DÄ 11/2013

Sehr geehrte Herrn Professoren Maier, Falkai und Bohus,


vielen Dank, dass Sie dem Thema Psychosomatik wieder einmal Aufmerksamkeit schenken! Wenn es dabei aber, wie es mir bei aufmerksamer Lektüre scheint, zu einer expliziten Irreführung der ärztlichen Fachöffentlichkeit kommt, müssen doch einige Fragen aufgeworfen und interessante Details ergänzt werden. Damit soll transparent werden, wen Sie hier mit welchem Ziel desinformieren wollen.

Dass nun nach langen Jahrzehnten ein bio-psycho-soziales Denken auch in der Psychiatrie Einzug gehalten hat, stimmt mich als Psychosomatiker glücklich; das sah in meinen Studienjahren kurz nach der Ära der Psychiatrie-Enquete bei weitem noch nicht so aus.

Dass die Querschnittsaspekte des Fachgebietes Psychosomatische Medizin für die Psychiatrie unverzichtbar sind - der bio-psycho-soziale Ansatz -, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Wenn man daraus eine Umbenennung seiner Fachgesellschaft notwendig ableitet, könnte die Dt. Gesellschaft für Innere Medizin sich mit der gleichen Begründung auch noch Dt. Gesellschaft für Innere Medizin, Radiologie, Bakteriologie und Elektrophysiologie nennen, weil sie natürlich Grundaspekte auch dieser Fachgebiete in der täglichen Praxis benutzt und auch wissenschaftlich bearbeitet.

Dass Psychosomatische Kliniken zum gewissen Teil von Fachärzten für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde geleitet werden, bedarf der nicht ganz unwichtigen Ergänzung, dass diese leitenden Ärzte in beachtlicher Anzahl Doppelfachärzte sind, also auch die Gebietsbezeichnung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie tragen. Dies nicht zugleich auch zu sagen, halte ich für Irreführung der Fachöffentlichkeit. Übrigens sind ein sehr hoher Anteil der Mitglieder der Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie Doppelfachärzte, 50 % für Psychiatrie und Psychotherapie. Weshalb ist es denn überhaupt zu dieser hohen Zahl an Doppelfachärzten gekommen ist, wenn beide Gebiete doch mehr oder weniger breite Überschneidungen hätten? Die Mühe einen zweiten Facharzttitel zu erwerben, nimmt doch nur jemand auf sich, der hier noch deutliche fachlich-qualitative Ergänzungen erwerben will (oder im Rahmen von Übergangsregelungen nachweisen konnte, dass er inhaltlich-qualitativ noch etwas anderes als "nur" Psychiatrie gemacht hat), denn die pekuniären Argumente wiesen ja eher in eine andere Richtung. Dass die Zufriedenheit mit der Facharztweiterbildung und auch mit der praktischen Berufsausübung bei den Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie überdurchschnittlich hoch ist, mindert das Nachwuchsproblem durchaus erheblich. Nur der hohe Standard, der hinsichtlich der Psychotherapieausbildung gefordert ist, hindert gelegentlich, diesen Facharzt-Titel als ersten zu erwerben.

Dass die DGPPN nicht den Alleinanspruch auf die Versorgung von psychosomatischen Erkrankungen erheben möchte, ist leider eine Pseudoberuhigung der Fachöffentlichkeit. Nicht wenigen Kollegen, die in den Allgemeinarzt- und somatischen Facharztpraxen die ambulante Versorgung tragen, würde Angst und Bange werden, wenn dies doch zu befürchten wären. Wissen diese doch oft sehr genau, was sie von den Kliniken für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und den in diesem Fach niedergelassenen Kollegen im Unterschied zu den Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie zu erwarten haben und was eben auch nicht. Leider merkt man hier doch die - speziell für den nicht ganz so in der Materie bewanderten Leser des Dt. Ärzteblattes - etwas kreide-modulierte Stimme des "Raubtieres", das an anderer Stelle ganz andere Töne von sich gibt. Da ist im vermeintlich internen Kreis von "Platt- und Überflüssig-machen" und feindlicher Übernahme im Originalton und ohne verschämte Untertöne zu hören!! Wer es nachlesen möchte, findet dergleichen in druckadaptierter Form in "Psychiatrie 2020 plus" S. 25 f.. Aber auch hier wird redundant und perseverierend ein längst überholter, eigentlich nur medizinhistorisch noch relevanter Entwicklungsstand des Fachgebietes Psychosomatik referiert. Mit der selben Argumentationslogik könnte man "die Psychiatrie" am Stand des wissenschaftlichen Werkes von Kurt Schneider aus der Mitte des letzten Jahrhunderts kritisieren und abfertigen.... . Deutschland ist auch z.B. bei weitem nicht mehr die einzige Hochtechnologie-Nation, in der sich die Psychosomatik eigenständig etabliert hat, wie ein einfacher Blick z.B. nach Japan offensichtlich macht. Liebe Kollegen: fair play war gestern - gezielte Irreführung ist heute?

Noch "schöner", weil vollmundiger und offener, hörte sich das aber in den Ausführungen von Prof. Bohus bei seiner Initiierung des neuen Referates "Psychosomatik" auf der vorletztjährigen DGPPN-Tagung in Berlin an. Was ist davon zu halten, wenn führende Fachvertreter - noch dazu Doppel-Psych-Fachärzte - einerseits polemisch in Frage stellen "Psychosomatik: was soll das denn sein?" und dann auf ihrer nächsten Mitgliederversammlung nichts Besseres zu tun haben, als den Namen Psychosomatik schnell zu ergänzen? Da lob ich mir den sächsischen Zweig der DGPPN, die SWGN (Sächsische Wissenschaftliche Ges. f. Nervenheilkunde), die sich trotz heftiger Werbung seitens der Bundesverbands-Protagonisten der DGPPN gegen die Namenserweiterung ausgesprochen hatte. Eine gewisse Bescheidenheit stünde dem Fachgebiet Psychiatrie vielleicht doch besser?

Wir werden ja sehen, was das höchste Gremium unserer Ärzteschaft anlässlich der geplanten Veränderung der Musterweiterbildungsordnungen der Gebiete dazu festlegen wird. Vielleicht stolpert dieses Gremium ja auch einmal über die Unsitte, sich mit fremden Federn zu schmücken, wenn es um die anmaßende Benennung von Kliniken geht, die Patienten-irreführend neuerlich gerne "Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik" genannt werden, ohne das eine entsprechend Weiter­bildungs­ordnung festlegte Fachkompetenz für Psychosomatik strukturqualitativ auf Facharztniveau vorhanden ist. Ähnliches findet sich übrigens auch im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo Kliniken dann anders tituliert werden, als es die Fachkompetenz laut Bereichsbezeichnung hergibt, obwohl das der Thema Psychosomatik des Kinder- und Jugendalters bereits anderweitig besetzt ist.

Den Schritt der jetzigen "Namenserweiterung" analog der Erweiterung um den Begriff Psychotherapie zu sehen, ist gleichfalls eine verharmlosende Irreführung: Als 1992 die Namensdoppelung entstand, kamen die Widerstände gegen die Umbenennung des Gebietes "Psychiatrie" in "Psychiatrie und Psychotherapie" auch noch aus den eigenen psychiatrischen Reihen. Der Druck zur Umbenennung und Modernisierung des Gebietes Psychiatrie auf dem Ärztetag kam durchaus auch von außen. Fast 20 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete musste "die Psychiatrie" in der Weiter­bildungs­ordnung kräftig nachbessern, um endlich die Psychotherapie strukturell und qualitativ auf Niveau des Zusatztitels Psychotherapie in der Weiter­bildungs­ordnung zu verankern.

Dass die Psychiatrie die Psychotherapie als eine ihrer Hauptmethoden braucht, ist zum Glück mittlerweile unstrittig. Welche Bedeutung und welche Aufmerksamkeit sie ihr jedoch in der Weiterbildung im Gebiet zukommen lässt, wird deutlich, wenn man die Anforderungen gemäß Weiter­bildungs­ordnung selbst nur mit den Leistungsanforderungen vergleicht, die schon ein psychologischer Psychotherapeut zu erbringen hat, geschweige denn ein Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Sehr geehrte Herren Professoren: wenn schon ein langer selbstkritischer Reflexionsprozess - so schreiben Sie in Ihrem Leserbrief- , dann bitte doch auch hier die Kirche im Dorf lassen.

Die meisten unserer ambulanten wie stationären Kollegen der nicht Psych-Fächer haben zum Glück eine Ihre sogenannte Namenserweiterung an Präzision übertreffende Zuweisungsgenauigkeit, wann ein Patient in einer Praxis oder Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und wann in eine Klinik oder Praxis für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am besten aufgehoben ist und wissen Etikettenschwindel wenig zu schätzen. Auch die Patienten wirken hier vergleichsweise aufgeklärt.

Insofern ist Ihrem längeren (auch) selbstkritischen Prozess eine weitere, mehr fachlich wieder kollegialere Weiterentwicklung zu wünschen.

Mit besten Grüßen
H.-M. Rothe
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
am Zentrum für Seelische Gesundheit des
Städtischen Klinikums Görlitz

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