ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2013Europäische Kulturhauptstadt Marseille: Eine Stadt sucht ihr wahres Gesicht

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Europäische Kulturhauptstadt Marseille: Eine Stadt sucht ihr wahres Gesicht

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): A-515 / B-459 / C-459

Buhr, Uta

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Vielen gilt die Hafenmetropole als eine Art südfranzösisches Chicago – kriminell und dreckig. Inzwischen wurden 670 Millionen Euro investiert, um das zu ändern.

Foto: wikipedia
Foto: wikipedia

Ein bleierner Himmel hängt über der Hafenstadt im Golf de Lion. Nieselregen setzt ein und schafft ein Verkehrschaos auf der Canebière, einer lärmenden Verkehrsader im Herzen Marseilles. Gegen Mittag klart es auf. Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Die Stadt verwandelt sich von einem Augenblick zum anderen. Die Straßencafés füllen sich mit Menschen, Teller klappern, Gläser klirren. Ein verführerisches Aroma von gegrilltem Fisch, exotischen Gewürzen und Knoblauch liegt in der Luft.

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Mittlerin zwischen Kulturen

Die Segeljachten im Vieux Port lichten ihre Anker und nehmen Kurs auf das offene Meer. Ihre Stadt zeigt jetzt ihr wahres Gesicht, sagen die Marseillais. Der Regen von vorhin war nur ein „meteorologischer Betriebsunfall“.

Frisch vom Kutter: Am frühen Morgen bieten die Fischer im Vieux Port ihren Fang zum Verkauf an. Foto: dpa
Frisch vom Kutter: Am frühen Morgen bieten die Fischer im Vieux Port ihren Fang zum Verkauf an. Foto: dpa

Mit der alten Fähre, die schon der provenzalische Dichter Marcel Pagnol benutzte, schippern wir gemütlich durch den Mastenwald des Alten Hafens. Eine Jolle schneidet die Fähre. Der Mann an Bord weist mit dem Finger auf den Hügel am südlichen Ufer. Auf seinem Gipfel erhebt sich die Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde, das Wahrzeichen Marseilles. Die vergoldete Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm misst fast 13 Meter. Nachts in gleißendes Licht getaucht, ist diesem in neobyzantinischem Zuckerbäckerstil erbauten Monument ein gewisser Charme nicht abzusprechen. Stadtführer Jean-Louis, gebürtiger Marseillais, sieht seine Aufgabe darin, Fremden seine Heimat als ebenso liebenswerte wie avantgardistische Stadt nahezubringen. „Nicht wenige sind der Meinung, Marseille sei eine Art französisches Chicago. Kriminell und dreckig“, sagt er. Inzwischen wurde die enorme Summe von 670 Millionen Euro investiert, um Marseilles Image zu verbessern und die südfranzösische Metropole als Mittlerin zwischen den Kulturen Europas und Nordafrikas zu präsentieren. Ein 15 000 Quadratmeter großer Glasquader, der das brandneue Museum für Europa und die Kulturen des Mittelmeerraumes beherbergt, wurde vom französischen Architekten Rudy Ricciotti, einer Art Enfant terrible seiner Zunft, entworfen. Und auch das Museum für provenzalische Kunst ist eine Sensation. Die Hälfte dieses futuristischen Bauwerks liegt unter Wasser. Marseille erwartet im Kulturjahr „Marseille Provence 2013“ an die drei Millionen Besucher und lädt zu 900 Veranstaltungen ein.

Wer sich auf Erkundungstour begibt, wird neben bekannten Bauwerken wie dem Hôtel Dieu, einem prächtigen, 1593 erbauten Hospital, und der Vieille Major, der romanischen Bischofskirche aus dem 12. Jahrhundert, viel Reizvolles entdecken. Insgesamt 16 Arrondissements (Stadtteile) zählt Marseille. Einige davon sind intakte Fischerdörfer mit schmucken Häusern und farbenfroh lackierten Booten, die direkt vor der Haustür im Wasser dümpeln. Ein Erlebnis ist der Fischmarkt im Vieux Port am frühen Morgen. Hier preisen Fischer ihren frischen Fang lauthals an: Seebarsch, Petersfisch, Seeteufel und anderes Seegetier. Hausfrauen prüfen die Qualität, feilschen und lassen sich am Quai des Belges zu einem „petit café“ nieder.

Sonnenbad inklusive

Währenddessen legt die Fähre ab, die ihre Passagiere zum Château d’If bringt. Hinter den dicken Mauern dieser Zitadelle ließ Alexandre Dumas seinen literarischen Märtyrer, den Grafen von Monte Christo, schmachten. Die Realität war nicht minder düster. Hier wurden nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV. Protestanten und andere der Krone unliebsame Untertanen eingekerkert. Heute hat die Festung ihren Schrecken verloren. Man durchquert hohe Gewölbe und erreicht über steinerne Treppen eine breite Aussichtsplattform, die sich vorzüglich für ein Sonnenbad eignet.

Uta Buhr

@Information: www.franceguide.com

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Marseille
am Sonntag, 7. April 2013, 18:25

Kulturhauptstadt-Rundgang

ein Tipp: wer sich gerne durch die Kulturhauptstadt führen oder sich das Kultur-Programm für den Marseille-Provence-Aufenthalt zusammenstellen lassen möchte - www.capcult.org

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