ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2013Körperbilder: Georg Baselitz (*1938) – Der Kopfstand des Künstlers

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Georg Baselitz (*1938) – Der Kopfstand des Künstlers

Dtsch Arztebl 2013; 110(11): [72]

Schuchart, Sabine

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Sein expressiver Knabe mit riesigem Penis war das Skandalbild der jungen Bundesrepublik. 1963 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft „Die große Nacht im Eimer“ zusammen mit einem weiteren Baselitzwerk aus der Berliner Galerie Werner-Katz und stellte den Maler und die beiden Galeristen wegen „unzüchtiger Darstellungen“ vor Gericht. Das Gemälde sei eine Provokation gewesen, ein Akt der Auflehnung gegen die deutsche Geschichte und die von ihm als leer empfundene abstrakte Kunst der Nachkriegszeit, hat Georg Baselitz im Nachhinein erklärt. Ein Provokateur ist der inzwischen 75-Jährige zeitlebens geblieben. Zehn Jahre nach seinen überdimensionalen männlichen Genitalien bekannte er sich zwar zu traditionelleren, weniger aufreizenden Aktmotiven wie dem hier vorgestellten Selbstporträt. Dafür suchte er die Provokation nun in der Bildmethodik.

Georg Baselitz: „Fingermalerei – Akt“, 1972, Öl auf Leinwand, 200 × 162 cm: Der nackte Künstler steht auf dem Kopf. Frontal und in voller Lebensgröße präsentiert er sich dem Betrachter – und entzieht sich dessen Blicken zugleich durch seine Umkehrhaltung. Die Disharmonien des Selbstporträts sollen ihn davor bewahren, als Person zu sehr in Erscheinung zu treten. Deshalb malte sich Baselitz auch mit den Fingern. © Georg Baselitz; Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien
Georg Baselitz: „Fingermalerei – Akt“, 1972, Öl auf Leinwand, 200 × 162 cm: Der nackte Künstler steht auf dem Kopf. Frontal und in voller Lebensgröße präsentiert er sich dem Betrachter – und entzieht sich dessen Blicken zugleich durch seine Umkehrhaltung. Die Disharmonien des Selbstporträts sollen ihn davor bewahren, als Person zu sehr in Erscheinung zu treten. Deshalb malte sich Baselitz auch mit den Fingern. © Georg Baselitz; Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

1969 begann Baselitz seine berühmten um 180 Grad gedrehten Kompositionen, bei denen ihm die umgekehrte Malweise ebenso wichtig ist wie die umgekehrte Hängung: „Wenn Sie das Verkehrte, also einen Akt oder eine Figur, umdrehen, Füße unten, so schaut das fürchterlich verkrümmt aus. Da stimmen die Proportionen nicht mehr“, warnte er anlässlich einer Ausstellung im Kunstverein Braunschweig 2006. Indem er sich mit dem Kopf nach unten und mit seinem Geschlecht im oberen Bilddrittel darstellt, will er den Betrachter irritieren und aus der „fatalen Abhängigkeit von der Realität“ (Baselitz) befreien. Den eigenen Körper betrachtet er dabei als eher willkürliches Motiv. Dieser bietet ihm Gelegenheit, die Eigenständigkeit von Farbe und Form auf der Leinwand vor Augen zu führen, ohne auf den Gegenstand zu verzichten. Seine rohe Malweise mit den Fingern soll ebenfalls dazu beitragen, Inhalte zu verfremden und zu neutralisieren.

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Mit diesem Konzept avancierte der 1958 aus Ostberlin in den Westen emigrierte Maler zu einem der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Seine millionenschweren Bilder sind längst kein Stoff mehr für die Gerichte, aber dafür für das Kino: Am 11. April startet eine deutschlandweit zu sehende Dokumentation zu Leben und Werk von Georg Baselitz. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Georg Baselitz. Werke von 1968 bis 2012“
Essl Museum, An der Donau-Au 1, Klosterneuburg bei Wien; www.essl.museum/index.html; Di.–So. 10–18, Mi. 10–21 Uhr; bis 20. Mai

1. „Georg Baselitz: Werke von 1986 bis 2012“, 145 Seiten, Edition Sammlung Essl 2013; 25 Euro (über den Internet-„Bookshop“ des Museums).

2. „Georg Baselitz: Gesammelte Schriften und Interviews“, 367 Seiten, Hirmer 2011; 9,90 Euro.

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