ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1998Stadt Köln und KV Nordrhein kooperieren: „Rollende Ambulanz“ versorgt Obdachlose

POLITIK: Aktuell

Stadt Köln und KV Nordrhein kooperieren: „Rollende Ambulanz“ versorgt Obdachlose

Dtsch Arztebl 1998; 95(41): A-2522 / B-2152 / C-2016

Naundorf, Frank

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LNSLNS Obdachlose in Köln können auf eine bessere medizinische Betreuung hoffen. Ein beispielhafter Vertrag zwischen der Stadt und der KV Nordrhein schafft die Voraussetzungen. Bis zu 700 000 DM pro Jahr stellt die Stadt Köln zusammen mit den nordrheinischen Vertragsärzten für eine bislang bundesweit einmalige Vereinbarung zur Verfügung. Durch die Beteiligung der KV Nordrhein wird die aufsuchende Betreuung von Wohnungslosen in der rheinischen Metropole jetzt entscheidend verbessert. "Das Leben draußen macht krank", sagte Dr. med. Winfried Schorre, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, bei der Vorstellung des Projekts in Köln. "Viele Menschen, die auf der Straße leben, haben Haut- und Infektionskrankheiten. Der Anteil der psychotischen Leiden ist erheblich, wobei oft Alkohol und Drogen eine Rolle spielen." Studien kommen zu dem Ergebnis, daß rund 80 Prozent der Wohnungslosen medizinisch behandelt werden müßten, viele von ihnen dringend. Dennoch: Wohnungslose nehmen ärztliche Hilfe kaum in Anspruch. Manche hätten Schwierigkeiten, sich an Termine zu halten, andere schämten sich oder hätten Angst, ein Wartezimmer zu betreten. Aufsuchende Betreuung dagegen werde gut angenommen. Schorres Fazit: "Wir müssen zu den Obdachlosen gehen."
Zwar existiert in Köln bereits eine aufsuchende Betreuung, doch stieß der sogenannte Mobile Medizinische Dienst an seine Grenzen: 1997 versorgte er nach Angaben des Kölner Gesundheitsamtes bereits 1 200 Patienten. Die dringend notwendige Ausweitung ist aber aus Mitteln der Stadt, der Arbeitsverwaltung und über Spenden nicht zu finanzieren gewesen.
In dieser Situation wandte sich Dr. Jan Leidel, Leiter des Kölner Ge-sundheitsamtes, an die KV No - und fand dort ein offenes Ohr. "Wir Ver-tragsärzte in Nordrhein sehen das als unsere gesellschaftliche Aufgabe", erklärte Schorre den Beschluß des Vorstandes der KV No, das Projekt finanziell zu unterstützen. Maximal 350 000 DM pro Jahr stellt die KV No zur Verfügung. Dies entspricht einem Betrag von 25 DM pro Vertragsarzt und Jahr. Die Abrechnung erfolgt im Rahmen einer Institutsermächtigung für das Kölner Gesundheitsamt. Die Stadt Köln beteiligt sich jährlich ebenfalls mit bis zu 350 000 DM an dem Projekt. Mit diesen Mitteln kann die medizinische Basisversorgung sichergestellt werden. Sie wird vom 1. Oktober an von drei ärztlichen Vollzeitkräften und zwei Pflegerinnen geleistet. Das Team unter der Leitung des Urologen Dr. med. Hans-Georg Kiemont fährt in einem Behandlungsbus Räume der Nichtseßhaftenhilfe an. Die "rollende Ambulanz" soll auch jene Plätze aufsuchen, auf denen im Obachlosenjargon "Platte" gemacht wird. "Den Bus des Mobilen Medizinischen Dienstes gibt es schon seit 1993", erläuterte der Arzt Jo Shibata, seit vier Jahren mit der "rollenden Praxis" auf Achse. Der nunmehr abgeschlossene Vertrag erlaube aber eine Ausweitung des Angebots. Zwar bleibe die Versorgung räumlich auf das Kölner Stadtgebiet beschränkt, doch könne man zusätzliche Sprechstunden anbieten. Vor allem aber habe das Jonglieren mit Teilzeit- und ABM-Stellen ein Ende.
Die Ärzte arbeiten mit geringen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten. Leidel: "Wenn der Dienst an seine Grenzen stößt, muß er an Fachärzte überweisen." Dort sei die Bereitschaft zu helfen genauso vorhanden, ergänzte Schorre. Etwa 40 Ärztinnen und Ärzte in Köln hätten sich spontan bereit erklärt mitzumachen. Komplettiert wird das Angebot einer niederschwelligen Gesundheitsversorgung künftig durch Krankenwohnungen, die das Amt für Diakonie eingerichtet hat. Wermutstropfen: Die Krankenkassen haben sich dem Projekt bislang verweigert. Dabei hätte ihnen nach Schorres Ansicht eine Beteiligung gut zu Gesicht gestanden. Schließlich gehe es darum, unklare Versicherungsverhältnisse nicht zu einem Behandlungshemmnis werden zu lassen. Das sei bislang bei etwa einem Drittel der Wohnungslosen der Fall gewesen - die Vereinbarung zwischen der Stadt Köln und der KV Nordrhein löse nunmehr dieses Problem.
Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein betrachtet das Projekt durchaus als Beispiel, das Schule machen sollte. Andere Großstädte könnten ähnliche Modelle organisieren. Eine Beteiligung der Krankenkassen wäre dafür jedoch hilfreich. Frank Naundorf
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