ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2013Qualitätsgesicherte Versorgung für ADHS-Patienten: Multimodal und vielfältig

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Qualitätsgesicherte Versorgung für ADHS-Patienten: Multimodal und vielfältig

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): A-535 / B-479 / C-479

Bühring, Petra

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Von der koordinierten multidisziplinären Behandlung von Heranwachsenden mit ADHS können alle profitieren, wie die Evaluation von Versorgungsverträgen aus Baden-Württemberg und Bremerhaven zeigt. Es gibt nur viel zu wenige.

Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren sind von ADHS betroffen – Jungen viermal häufiger als Mädchen. Foto: dpa
Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren sind von ADHS betroffen – Jungen viermal häufiger als Mädchen. Foto: dpa

Knapp zwei Jahre sind vergangen seit die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Verträge zur multidisziplinären Versorgung junger Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) zuletzt der Öffentlichkeit präsentierte (DÄ, Heft 24/2011). Die Forderung ist dieselbe geblieben: „Wir wünschen uns, dass sich weitere Krankenkassen der qualitätsgesicherten Versorgung bei ADHS anschließen“, sagte Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vorstand der KBV, bei der Präsentation der Evaluationsergebnisse am 4. März in Berlin.

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Wissenschaftlich evaluiert – mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit – wurde die ADHS-Versorgung in Baden-Württemberg und Bremerhaven. Nach dem Konzept der KBV-Vertragswerkstatt werden in Baden-Württemberg seit April 2009 mehr als 2 000 Kinder und Jugendliche leitliniengerecht nach gesicherter Differenzialdiagnose und koordiniert im Team von 212 Pädiatern, Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) versorgt. Koordinator ist jeweils derjenige, den die Eltern zuerst aufsuchen. Bei Bedarf werden Heilpädagogen oder Ergotherapeuten hinzugezogen. Den Vertrag nach § 73 c SGB V schloss die KBV zunächst mit der KV Baden-Württemberg und der BKK-Vertragsarbeitsgemeinschaft; die DAK Gesundheit folgte.

Auch Regelversorgung gut

Die Leistungserbringer beurteilen den Vertrag „übereinstimmend positiv“. Das hat die an der Philipps-Universität Marburg durchgeführte Evaluation, eine naturalistische Längsschnittstudie mit zwei Kontrollarmen, gezeigt. Wesentlich dafür ist die verbesserte Kooperation der Fachgruppen, die als „sehr bereichernd“ erlebt wird. Die koordinierte Versorgung führte bei allen befragten 25 Praxen zu „einem besseren Verständnis für die jeweils anderen Fachgruppen“. Weiter begrüßten alle die intensiveren und besser finanzierten Therapiemöglichkeiten sowie die obligaten Elterntrainings.

Ansonsten waren die Unterschiede in Diagnostik und Behandlung in der „Vertragsversorgung“ und in der Regelversorgung weniger stark als vor Studienbeginn angenommen. Innerhalb der ADHS-Verträge wird allein etwas mehr kooperiert, und es wird mehr Elternarbeit durchgeführt. Doch in allen Studienpraxen waren die Behandlungen vielfältig und multimodal; es wurden kaum rein medikamentöse Behandlungen durchgeführt; die Lebensqualität der jungen Patienten, die allgemeine psychiatrische Diagnostik sowie die ADHS-Symptomatik nahmen einen günstigen Verlauf. Die geringen Unterschiede sind wohl auch darauf zurückzuführen, dass die Studienpraxen ebenfalls die Regelversorgung engagiert und kooperativ durchführen.

In Bremerhaven wurde ein einziges multidisziplinäres ADHS-Team aus fünf Teilnehmern und 69 Patienten vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie evaluiert. Den Vertrag nach § 73 c SGB V hat zum 1. Januar 2011 die KV Bremen mit der AOK Bremen/Bremerhaven abgeschlossen. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern und jungen Patienten gaben an, mit der Behandlung sehr zufrieden gewesen zu sein.

Auch die KV Nordrhein bietet seit Oktober 2010 zusammen mit der AOK Rheinland-Hamburg, dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und zwei psychotherapeutischen Berufsverbänden qualitätsgesicherte ADHS-Versorgung nach § 136 Abs. 4 SGB V an, die aber noch nicht evaluiert wurde. Nach Angaben der Pressesprecherin der KV läuft der Vertrag „sehr gut“. Das ursprüngliche Konzept der KBV wurde „moduliert“ übernommen. 175 Kinderärzte und 25 KJP behandeln aktuell 2 780 Patienten. Koordinator können der Kinderarzt oder der Psychotherapeut sein. Die Kinderpsychiater haben sich dem Vertrag allerdings nicht angeschlossen.

Petra Bühring

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