ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2013Arztpraxis: Auf Augenhöhe

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Arztpraxis: Auf Augenhöhe

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): A-549 / B-489 / C-489

Hussel, Elke

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Als Arztgattin turne ich gern auf meinem zweistufigen Antritt durchs Büro, um hoch oben vom letzten Regalboden die jeweils dringend einzusehende Ablage unseres Qualitätsmanagements zu angeln. Eben gilt die Übung der Desinfektionsautomaten-Dokumentation, als das Telefon klingelt. In einem Anflug von Hellsichtigkeit hatte ich das Mobilteil schon so positioniert, dass ich es unter mäßiger Luxation meiner Wirbelsäule erreichen kann. Die Anzeige verkündet den Anruf unseres Steuerberaters. Ich tue es meinem Blutdruck gleich und bleibe oben auf der Leiter, auch wegen der Augenhöhe. Routinemäßige Betriebsprüfung nach dem Sozialgesetzbuch, er erspare mir die detaillierte Aufzählung unserer Pflichten, übernehme vielmehr selbige und stelle uns das in Rechnung. Äh. Ja. Danke. Das mit der Augenhöhe war noch nicht ganz perfekt. Eher so wie zwischen Reflexhammer und Patellarsehne.

Aus dem Desinfektionsraum brüllt es, was denn nun sei mit Garantie und Wartungsvertrag. Im Abstieg schnappe ich besagten Ordner und spurte eilfertig und mit angemessen gesenktem Haupt in den Bannkreis des wild schnaufenden Technikers. Der Desinfektionsautomat schaltet sich selbst ab. Leichtfertig möchte ich antworten, dies hätten auch wir schon bemerkt und sei der Grund seiner Anwesenheit in unserer Praxis, doch bedeutet mir mein Gefühl für Augenhöhen, besser zu schweigen.

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Ob er denn den Grund kenne, frage ich und verkneife mir den Hinweis auf seine bereits in die zweite Stunde gehende Ursachenforschung. Zwei red- undante Temperaturfühler lieferten unterschiedliche Messergebnisse und schalteten so die Maschine ab. Und nun? Ja, neue Fühler hätte er nicht dabei, er käme so bald wie möglich wieder. Jetzt wird es schwierig. Das Gefühl sagt, nicht widersprechen, sonst rutschen wir in der Terminliste weit, weit nach unten. Andererseits wage ich darauf hinzuweisen, wir seien als Arztpraxis ohne automatisierte Desinfektion eher über kurz als lang am Ende. Der Techniker würdigt mich keines Blickes. Schon halb im Treppenhaus murmelt er mehr zu sich selbst, alle seine Kunden seien Praxen. Dann stehe ich allein auf dem Schlachtfeld im Desinfektionsraum. So fühlt sich die Augenhöhe von Zahnschmerz und Bohrer an.

Meine gedrückte Grundstimmung droht, in eine wahnhafte Depression umzuschlagen, als unser Audiometrie-PC streikt. Er scheint auf abgelegte Patientendaten keinen Zugriff zu haben. Ich fürchte, das Problem hängt mit dem zentralen Server zusammen und rufe die Fernwartung an. Nach 100 Jahren in der Warteschleife sehe ich auf dem Servermonitor einen von Zauberhand geführten Zeiger, Batchdateien werden programmiert, Speicherplätze definiert, Zugriffsrechte vergeben. Gefühlte Augenhöhe zwischen Programmierer und mir etwa die von Phagozyt und Virus kurz vor dem Exitus.

Die Tür öffnet sich. Nein, weder Teufel noch Beelzebub, ein blasser Herr, der sich mittels Versicherungskarte als Patient ausweist. Damit ist er in höchstem Maße privilegiert, und zwar seit neuestem gesetzlich. Denn unser Ge­sund­heits­mi­nis­ter weiß: „Ein informierter und mit ausreichenden Rechten ausgestatteter Patient kann seinem Arzt auf Augenhöhe gegenübertreten.“ Welche Augenhöhe meint er bloß? Und sollte ich prophylaktisch die Sprechzimmer mit Trittleitern ausstatten?

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