ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2013Karfreitag in Lohr am Main: Das Erbe der Kapuziner

KULTUR

Karfreitag in Lohr am Main: Das Erbe der Kapuziner

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): A-567 / B-505 / C-505

Traub, Ulrich

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Bei der größten Figurenprozession in Deutschland werden 13 teils lebensgroße Figuren aus der Kapelle getragen und auf dem Vorplatz präsentiert.

Alle Figuren werden auf dem Platz vor der Kapelle aufgestellt. Hier stehen die Jesusdarstellungen zur Abholung bereit. Foto: Ulrich Traub
Alle Figuren werden auf dem Platz vor der Kapelle aufgestellt. Hier stehen die Jesusdarstellungen zur Abholung bereit. Foto: Ulrich Traub

Ruhe ist in der von Hektik und Geschäftigkeit, von lärmenden Nichtigkeiten und medialer Dauerversorgung gezeichneten Zeit die Ausnahme. Wie ungewohnt, ja fast schon verstörend Stille im öffentlichen Leben wirken kann, lässt sich am Karfreitag im unterfränkischen Lohr eindrucksvoll erleben. Schwarz gekleidete Männer huschen am Morgen durch die Gassen des Fachwerkstädtchens am Main. Cafés und Gaststätten haben die Tische noch nicht eingedeckt. Nirgendwo ist Musik zu hören. Man hat den Eindruck, als sei die Zeit stehengeblieben.

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Das Ziel der Männer ist die Kapelle neben der Stadtpfarrkirche St. Michael. Dort findet der Auftakt der größten Figurenprozession in Deutschland statt. Die 13 teils lebensgroßen Figuren werden aus der Kapelle getragen und auf dem Vorplatz präsentiert. „Vor rund 350 Jahren ist unsere Prozession entstanden“, blickt Joachim Salzmann auf die Anfänge zurück. Der ehemalige Finanzbeamte ist einer der Initiatoren und Vorsitzender des Fördervereins der Karfreitagsprozession. Wahrscheinlich sind es die Kapuziner gewesen, die die Prozession eingeführt haben. Salzmann betont den missionarischen Charakter, den sie bis heute bewahrt hätte: „Es ging um die Vermittlung des Glaubens durch Bilder.“ Ein verständliches Anliegen in einer Zeit, in der der Gottesdienst in lateinischer Sprache gehalten wurde.

Auf dem Platz vor der Kapelle sind mittlerweile alle Figuren aufgestellt. Fünf blutrote Bänder werden akkurat an den Wundmalen des Gekreuzigten befestigt. Sie sollen Gnadenströme symbolisieren. Immer mehr Herren in Schwarz versammeln sich um die Figuren. Es sind die Träger, die früher Angehörige einer Zunft waren. Jede Station der Prozession wurde von einer Handwerkerzunft betreut. Die Tradition hat sich gehalten, musste aber den veränderten Umständen angepasst werden. „Da es, um mal ein deutliches Beispiel zu nennen, keine Bader und keine Knochenbrecher mehr gibt, haben Ärzte und Physiotherapeuten deren Plätze eingenommen“, erzählt der Vereinsvorsitzende. Viele Handwerke sind ausgestorben, also wurden vergleichbare Berufe angefragt. Um 10.30 Uhr startet die Prozession durch die Lohrer Altstadt. Gelegentlich stimmt die Stadtkapelle Passions- choräle an. Zwischendurch schlägt eine Pauke im Takt der langsamen Schritte. Gesprochen wird kein Wort. Etwas Archaisches geht von der Prozession aus, die immer unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und vieler Besucher stattfindet.

„Wir kennen keine Ausgrenzung, wir sind liberal“, beantwortet Salzmann die Frage nach der Bedeutung der Glaubenszugehörigkeit. Der evangelische Pfarrer nehme in Talar an der Prozession teil. Und es würde auch keine Rolle spielen, wie aktiv der Teilnehmer als Christ sei. „Wir freuen uns über jeden, der sich vom Geist der Karfreitagsprozession angesprochen fühlt“, äußert der gebürtige Lohrer. Das sehe übrigens der katholische Pfarrer genauso. Dass die Veranstaltung überlebt hat, ist ein kleines Wunder. Es gibt nur noch zwei vergleichbare Prozessionen in Deutschland, in Heiligenstadt im Eichsfeld und in Neunkirchen am Brand bei Forchheim. Bis ins 18. Jahrhundert waren Bilderprozessionen weit verbreitet. Fast alle wurden im Zuge der Aufklärung abgeschafft. In Lohr verteidigten die Bürger ihre Prozession. 1818 überzeugte der damalige Pfarrer die bayerischen Behörden. Veränderungen hat die Prozession in den Jahrhunderten schon erfahren. Seit den 60er Jahren gibt es etwa das vier Meter hohe „Kreuz unsrer Zeit“, auf dem die Wörter Hass, Hunger, Lauheit und Spaltung stehen. Ob diese Begriffe noch zeitgemäß sind, darüber diskutiert man in Lohr immer mal wieder.

Ulrich Traub

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