ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2013Vergewaltigung: Seit Pius IX.
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Wenn die katholische Kirche einem Vergewaltigungsopfer die „Pille danach“ verweigert, so hat das mit Moral absolut nichts mehr zu tun, sondern mit unverstandener Ideologie fundamentalistischer Katholiken vom Schlage Dr. Lohmann und anderer. Denn hier missachtet die katholische Kirche nicht nur das Wohl der Patientin, sondern auch göttliche Moral.

Das Missverständnis stammt von Pius IX. aus dem 19. Jahrhundert. Denn als die Biologie entdeckt hatte, dass menschliches Leben mit der Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium beginnt, zog Pius IX., der für moderne wissenschaftliche Erkenntnisse höchst aufgeschlossen war, die damals theologisch korrekte Schlussfolgerung, dass mit der Befruchtung der Eizelle gleichzeitig auch die Beseelung erfolgen müsse. Bis dahin galt die aus der Antike stammende und vom heiligen Augustinus (354 bis 430) als Kirchenlehre übernommene strenge Unterscheidung zwischen der amorphen, unbeseelten Leibesfrucht der ersten Schwangerschaftswochen, die deshalb auch abgetrieben werden durfte, und dem menschenähnlichen, beseelten Fetus, der damit auch das Recht auf Leben und den Schutz der Kirche besaß. Mit seiner Bulle Apostolicae Sedis verwarf Pius IX. 1869 das Jahrtausende alte, praktikable Kirchenrecht und ersetzte es durch ein bis heute umstrittenes embryonales Lebensrecht, ein striktes Abtreibungsverbot . . . und stürzte Millionen Frauen in Gewissensbisse.

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Inzwischen wissen wir, dass der Sitz der Seele weder in den Chromosomen noch im schlagenden Herzen, sondern im Nervengewebe unseres Gehirns liegt. Menschliche Einzeller und selbst Embryonen im Morulastadium können noch gar keine Seele haben und sind daher auch noch keine menschlichen Wesen, wie seither immer wieder behauptet wird, sondern lediglich biologische Wesen mit menschlichen Chromosomen.

Im Gegensatz zu aufgeschlossenen katholischen Theologen, wie beispielsweise Karl Rahner, der ebenso eine Sukzessivbeseelung favorisiert wie die moderne Biologie, hat sich das römische Lehramt seit Pius IX. nicht mehr bewegt und nichts mehr dazugelernt . . . Mutwillig leugnet die katholische Kirche nicht nur die wissenschaftliche Erkenntnis, sondern verschließt sich auch der Lebenswirklichkeit der Menschen . . .

Hoffen wir, dass der neue Papst die Zusammenhänge klarer erkennt und die Vernunft tatsächlich wieder mit dem Glauben zusammenführt.

Prof. Dr. Dr. Hans E. Müller, 38126 Braunschweig

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Avatar #660653
Peter Loske
am Mittwoch, 27. März 2013, 17:40

Ungeahntes Wissen

Ohne tiefgreifende medizinhistorische, philosophische und geschichtliche Kenntnisse zu haben, bin ich doch beim Lesen des Briefes von Prof. Hans E. Müller im DÄ (12/2013) sehr erstaunt gewesen. Jetzt wäre es schön, wenn er den Nachweis für seine Behauptung, die Seele sitze im Nervengewebe, auch noch erbringen würde. Ganz nett wäre dann auch noch eine handfeste Definiton von Seele.
Avatar #557711
Rowik
am Dienstag, 26. März 2013, 20:34

Aufklärung von sog. "Missverständnissen"

Herr Prof. Müller spricht von einem "Mißverständnis" von Pius IX. Vielleicht sollten hier einige tatsächliche Mißverständnisse aufgeklärt werden:
Die Theorie die "Sukzessivbeseelung", der die Fristenregelung und letztendlich unser "modernes" Abtreibungsrecht zugrunde liegt, ist in Wirklichkeit ein Rückfall in die Antike. Die Theorie einer "Sukzessivbeseelung" stammt von Aristoteles, nach seiner Auffassung wäre der Leibesfrucht zunächst nur eine Art Pflanzenleben, dann ein Stadium animalistisch- sensitiven Lebens und erst dann wird der Fetus mit einer „Vernunftseele“ ausgestattet. Die Belebung der Frucht sieht er unterschiedlich bei den Geschlechtern: Bei der männlichen Frucht am 40. Tag, bei der weiblichen erst im 4. SSW.
Aristoteles wie auch andere hellenistische Philosophen wie z.B. Platon gingen noch weiter in der Missachtung beginnendes menschlichen Lebens: Sie propagierten Abtreibungen als sinnvolles Instrument für ein ausgeglichenes Bevölkerungswachstum. Platon empfahl für einen „Idealstaat“ die Aussetzung von Kindern mit Geburtsfehlern. Bei den Römern nicht viel anders: Sie betrachteten den Fötus nicht als Lebewesen. Bezeichnend ist hierzu die Aussage des römischen Jurist Papinian: „Eine noch nicht geborene Leibesfrucht war kein richtiger Mensch“. Bei diesem geringen Lebensschutz waren Abtreibungen und die diesbezüglichen medizinischen Kenntnisse im antiken Rom weit verbreitet, einige Historiker sprechen sogar von einer „exzessiven Abtreibungspraxis“.
Das wurde vom immer stärker werdenden Christentum dagegen ganz anders gesehen: Im Christentum wurde von Anfang an die Abtreibungspraxis des römisch-hellenistischen Kulturkreises grundsätzlich abgelehnt- aus konkreten biblischen Gründen, denn entgegen dem griechischen und römischen Gedankengut einer „Beseelung“ sukzessiv oder gar erst mit der Geburt zeigte die biblische Sicht auf, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und auch schon vor der Geburt ein geliebtes Wesen Gottes darstellt. Es war fortan nicht mehr das männliche Familienoberhaupt, sondern Gott, dem das Recht über Leben und Tod zustand. Dies war die entscheidende Wende in der Geschichte der Abtreibungen, welche sich völlig gegen die bisherige antike Praxis stellte
Erst deutlich später wurde im christlichen Lager leider die klare Linie einer Ablehnung von Abtreibungen teilweise verlassen- in der Tat aufgrund eines Mißverständnisses- jedoch eines anderen als Prof. Müller vermutet::
Auf der einen Seite gab es weiterhin die klare Auffassung von vielen Kirchenvätern (z.B. Tertullian), dass die Beseelung bereits mit dem Akt der Zeugung eintritt.
Neben dieser gut bekannten christlichen Lehre gab es jedoch eine weitere christliche Tradition, die sich im Gegensatz zur Vulgata- (und Lutherübersetzung) auf eine inkorrekte Septuaginta-Übersetzung der Bibel von 2. Mose 21,22 berief. Dort wurde aus dem Hebräischen fälschlicherweise übersetzt, dass von einem Verlust eines „noch nicht geformten Feten“ (anstatt eines Kindes) gesprochen wird. Dies wurde als eine fahrlässige Fremdabtreibung gewertet, welche lediglich einen finanziellen Schadensersatz nach sich zog. Die Tötung eines „bereits geformten“ Kindes wurde dagegen als Totschlag unterschieden und entsprechend sanktioniert. Mit der ursprünglichen Fassung hatte diese Neuformulierung des mosaischen Abtreibungsverbotes kaum mehr etwas gemein. Indem sich die Schadensersatzpflicht auf die fahrlässige Fremdabtreibung des noch nicht geformten Feten erstreckte, die des Geformten aber der Totschlagsanktion unterfiel, machte sich die Septuaginta die Vorstellung zu eigen, der noch nicht geformte Fetus sei noch kein Mensch, während erst der Geformte, bereits menschlich Gestaltete als Mensch angesehen wurde.
Zwar befindet sich auch diese, biblisch jedoch falsche Lehre im Einklang mit dem generellen Abtreibungsverbot der christlichen Kirche, ermöglicht nun aber eine Art Fristenlösung, da sie den Beginn menschlichen Lebens zwar gleichfalls gleichsetzt mit der Beseelung, diese aber abhängig macht vom Vorhandensein einer menschlichen Gestalt, die sich erst zu einem späteren Zeitpunkt sichtbar entwickelt. Einer der einflussreichen Vertreter dieser Auslegung war in der Tat Augustinus, der jedoch auf der anderen Seite vorbehaltlos zum generellen Abtreibungsverbot stand

Prof. Müller spricht nun davon, daß der "Sitz der Seele" nicht in den Chromosomen oder im Herzen zu finden sei, sondern im Nervengewebe. Da würde doch interessieren, wie Prof Müller dieser aufsehenerregende Nachweis der Seele im Nervengewebe gelungen ist. Dieser Nachweis wäre ja Nobelpreisverdächtig!

Vom medizinisch-naturwissenschaftlichen Standpunkt her ist der Beginn menschlichen Lebens dagegen eigentlich unstrittig: Ab dem Zeitpunkt der Befruchtung, der Verschmelzung mütterlichen und väterlichen Erbgutes, entsteht ein neuer, einzigartiger und unverwechselbarer Mensch (mit der Entwicklung einer einzigartigen, individuellen DNA geschieht dies bereits vor der Nidation). Zu keinem späteren Zeitpunkt gibt es einen Einschnitt, der in seiner Bedeutung diesem Ereignis auch nur nahe kommt. Freilich: Ab wann einem Mensch der Status einer „juristischen Person“ zugerechnet wird, bleibt weiterhin umstritten, nicht jedoch die menschliche Individualität ab der Befruchtung. Von diesem Zeitpunkt an ist es medizinisch gesehen unstrittig, dass die fortschreitende Entwicklung des Menschen mit der Ausreifung der Organanlagen, der Sinnesorgane, des Schmerzempfindens und des Denkens ihren Anfang genommen hat und sich der Mensch kontinuierlich (und nicht stufenweise) von einer befruchteten Eizelle zu 6Tausend Millionen Zellen des Menschen bei der Geburt entwickelt...
Hoffen wir, daß der neue Papst diese Zusammenhänge klar erkennt und ausspricht- aber im übrigen sind es nicht nur (fundamentalistische laut Prof. Müller) Katholiken, die diese Auffassung vertreten, sondern eine große Zahl von Christen unabhängig der Denomination, sowie eine große Zahl von Juden, Ethikern, Philosophen, Wissenschaftlern- und Ärzten- die auf einem soliden Fundament stehen!

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