ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2013Von schräg unten: Ernsthaft

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ernsthaft

Dtsch Arztebl 2013; 110(12): [64]

Böhmeke, Thomas

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Medizin und Humor gehören eigentlich nicht zusammen, genauso wenig wie Narzissen am Nordpol blühen oder Sonnenbänke in der Sahara Touristen grillen. Denn unsere Themen, von A wie Analfissur bis Z wie Zirrhose, sind viel zu ernsthaft, als dass sie von der vergnüglichen Seite betrachtet werden können. Es mag sein, dass es Kollegen gibt, die dieses kontraindizierte Duo sogar in den Medien präsentieren; ich nehme aber zu deren Entlastung an, dass eine bipolare Störung oder sonst ein Missverständnis vorliegt.

Ich aber biete meinen Schutzbefohlenen ganz unmissverständlich eine Atmosphäre der Ernsthaftigkeit, die, vermengt mit chronisch schlechter Laune und Gereiztheit meinerseits, den Inhalten meiner Arbeit angemessen ist. Wer sich nicht darauf einlässt, also versucht, eine heitere Note in meine geminderte Moll-Stimmung zu setzen, dem treibe ich den Humor aus. Dafür habe ich in jahrzehntelanger Feldforschung Erfahrungen gesammelt, an Argumenten gefeilt, Rabulistik geprobt. Als Goldstandard hat sich, so darf ich hier stolz verkünden, Folgendes bewährt: Ich befeuere Vorurteile über Ärzte. Denn nichts kann ein Lachen schneller ersticken lassen als grenzenloser Neid, die Laune verderben wie schreiende Ungerechtigkeit, die Stimmung stürzen lassen wie schamlose Bereicherung.

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Wie das geht? Heute bitte ich ein sichtlich gut gelauntes Ehepaar in mein Sprechzimmer, der Dame helfe ich aus der etwas zu niedrigen Couch, die sich gegenüber der Sprechzimmertür befindet, was sie zu einer scherzhaften Bemerkung veranlasst. Das geht ganz und gar nicht, das muss ich unterbinden, schließlich trage ich die Verantwortung, dass die Atmosphäre stimmig ist: „Ja, die Couch ist in der Tat zu niedrig, und wissen Sie, warum? Ich kann danach die lädierten Bandscheiben zu meinem Orthopäden überweisen!“ Das Ehepaar schmunzelt. Das darf doch nicht wahr sein. Das ist beileibe nicht witzig. Weil das mit den Bandscheiben noch nie geklappt hat. „Vorher klären wir die Patienten darüber auf, dass sie gefälligst privat behandelt werden müssen, und nachher machen der Orthopäde und ich halbe-halbe!“ Das Ehepaar lacht. Ich finde das gar nicht zum Lachen. Weil es nicht stimmt. Leider. „Dem nicht genug: Mit der Schwemme schwarzen Schotters beteilige ich mich an einer Pharmafirma, die irgendwelche Vitamine herstellt, die keiner braucht, und damit Millionen macht, die ich brauche!“ Das Ehepaar kriegt sich nicht mehr ein, ich dafür ein rotes Gesicht vor Zorn. Weil ich im Leben nicht an die Millionen her- ankommen werde. „Und was mache ich noch mit dem erzockten Zaster? Ich fahre Mittwochnachmittag mit meinem übermotorisierten Sportwagen in die Werkstatt, um den Meister anzuweisen, dass gefälligst der Beifahrersitz zu entfernen ist, damit ich die Golftasche reinkriege!“ Beide kriegen Luftnot vom Lachen, ich die Krätze. Dieses Ehepaar ist nicht kleinzukriegen.

„Ach, Herr Doktor Böhmeke, wann schreiben Sie eigentlich wieder Ihre Glossen?“ Jetzt. Wenn ich schon zu blöd bin, richtig Kohle zu machen, muss ich mich wenigstens am Deutschen Ärzteblatt schadlos halten.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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