MEDIZIN: Zur Fortbildung

Meßwertinterpretation in der Osteodensitometrie: Von Frakturschwelle und Prozenten hin zu T- und Z-Werten

Dtsch Arztebl 1998; 95(41): A-2547 / B-1990 / C-1817

Wüster, Christian; Engels, Klaus; Renner, Eberhard L.; Hesch, Rolf Dieter; Hadji, Peymann; Pourfard, Jasmin Yazdan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Die Osteodensitometrie ist inzwischen eine international anerkannte Methode zur Beurteilung des Frakturrisikos im Rahmen der Osteoporosediagnostik. In dieser Beziehung sind die radiologischen Verfahren wie die duale Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und quantitative Computertomographie (QCT) den quantitativen Ultrasonometriemethoden (QUS) ebenbürtig. Die Meßwerte sollten nicht mehr in Prozenten angegeben werden, da diese zwischen den einzelnen Verfahren nicht vergleichbar sind, sondern als T- oder Z-Werte, das heißt, die Abweichung eines Meßwertes vom Mittelwert eines 30jährigen (T) oder altersgleichen (Z) Referenzkollektivs. Dabei entspricht die Verwendung eines T-Wertes von <-2,5 SD (WHO-Definition der Osteoporose) der alten Frakturschwelle. Die Frage, ob T- oder Z-Werte für die Beurteilung heranzuziehen sind, hängt von der klinischen Fragestellung ab, deretwegen die Messung durchgeführt wurde. T-Werte machen die Diagnose, ZWerte werden für die Therapie-Entscheidung herangezogen. Bezüglich der Sicherheit, mit der Therapien gemonitort werden können, ist die Datenlage und Erfahrung zur DXA ungleich größer als zu QCT oder QUS.
Schlüsselwörter: Osteodensitometrie, Osteoporose, Knochendichte, Fraktur
Interpretation of Measured Values in Osteodensitometry - From Fracture Threshold and Percentages to T- and Z-Scores
Osteodensitometry is an internationally accepted method to determine the risks of fractures within the diagnostic work-up of osteoporosis. In this field, radiological devices like dual-X-ray-absorptiometry (DXA) and quantitative computed tomography (QCT) are equivalent to quantitative ultrasound (QUS). Measured values should not be given as percentages, as these are not comparable between the methods, but as T- and Z-scores, which stand for the deviation of the measured value from the means of the reference ranges of 30 year old (T) or the age-matched (Z) population. A T-score of less than -2.5 standard deviations (SD) below the mean of young normals (WHO definition of osteoporosis) reflects the principle of the former fracture threshold. Whether T- or Z-scores should be used for interpretation depends on the clinical question. T-scores lead to the diagnosis, Z-scores are needed for the decision to treat. Regarding monitoring of treatment, the amount of data using DXA is much larger than for QCT or QUS.
Key words: Osteodensitometry, osteoporosis, bone density, fractures
Osteoporose ist eine Erkrankung, die nicht nur durch den möglicherweise physiologischen altersbedingten Knochenmassenverlust gekennzeichnet ist, sondern auch durch einen Knochenstrukturdefekt (12, 25, 33, 37, 39, 40, 41). Im Rahmen verstärkter Knochenresorption können Trabekelperforationen auftreten, wodurch diese Trabekel nicht mehr in der Lage sind, die biomechanische Stabilität des Knochens zu gewährleisten. Da sie aber Mineral enthalten, werden sie bei der Knochendichtemessung mitgemessen, was unter anderem erklärt, warum mit diesem Verfahren nicht hundertprozentig zwischen krank und gesund unterschieden werden kann. Dies allein ist allerdings nicht der Grund, warum die Osteodensitometrie besonders in Deutschland in Mißkredit gelangte. Sie ist nämlich eine der bestevaluierten Methoden in der Medizin überhaupt. Die Verunsicherung wurde durch Ärzte verursacht, die sich nicht genügend über mögliche Fehlerquellen der Meßmethode weitergebildet haben und ihre Interpretation nicht kannten. Darüber hinaus gibt es Hersteller, die unzutreffende Referenzwerte den Geräten mitlieferten, und es gab und gibt keine Autorität, die vor Anwendung solcher Verfahren an Patienten kontaktiert werden müßte. Es soll der Versuch unternommen werden, Klarheit in die Endlosdiskussion über Meßmethoden, Meßstellen und Interpretationen zu bringen, möglicherweise als Grundlage für eine systematische Standardisierung. Knochendichtemessungen sind nötig, da ein Knochenmassenverlust mittels konventioneller Radiographie erst nach zirka 30 Prozent Verlust visualisierbar ist (32). Das konventionelle Röntgenbild ist jedoch Methode der Wahl zur Abklärung von Skelettschmerzen. Schmerzen sind keine Indikation zur Osteodensitometrie.
Stadieneinteilung der Osteoporose
Die Tabelle 1 zeigt eine praktikable Stadieneinteilung der Osteoporose, wie sie in der Praxis von Osteologen gängig ist (40, 41). Dabei werden in Anlehnung an die Definition der Studiengruppe der Welt-GesundheitsOrganisation (WHO) drei Stadien unterteilt.
1 Erhöhtes Osteoporoserisiko: die Knochendichte ist im unteren Normbereich oder leicht erniedrigt (T < 0 und > -2,5 SD), die Patienten sind beschwerdefrei und es reicht je nach individuellem Osteoporose-Risikoprofil meist aus, knochenfreundliche Lebensführung zu empfehlen (40, 41).
1 Früh-Stadium der Osteoporose ohne Frakturen: Synonyme sind präklinische Osteoporose oder Osteopenie, die Knochendichte ist erniedrigt (T < - 2,5 SD), es bestehen meist ebenfalls keine Beschwerden und Knochenschmerzen oder Knochenbrüche. Hier gibt es die Möglichkeit der adäquaten therapeutischen Intervention bis hin zur Heilung mit Basistherapeutika plus Fluoride oder Bisphosphonate (3, 7, 23, 28).
1 Manifeste Osteoporose: früher auch Osteofraktose genannt, charakterisiert durch typische osteoporoseassoziierte Knochenbrüche (Wirbelsäule, Schenkelhals, Unterarm), Patienten haben Schmerzen, Funktionseinschränkungen und massive Einbußen in ihrer Lebensqualität. Es müssen Gesamtkonzepte zur Analgesie und Restauration der Knochendichte und -struktur für individuelle Patienten über Jahre bis Jahrzehnte hinweg am besten durch ein geschultes Ärzteteam aus Endokrinologen, Gynäkologen, Orthopäden und Radiologen oder weitere osteologisch versierte Kollegen erarbeitet werden. Die Höhe der Knochendichte ist in diesem Stadium sekundär in bezug auf die Diagnosestellung, jedoch essentiell für die Therapieüberwachung, das heißt normale Knochendichte bei radiologisch eindeutig mit Osteoporose assoziierter Fraktur schließt die Diagnose "manifeste Osteoporose" nicht aus.
Knochendichtemessung zur Bestimmung des prospektiven Frakturrisikos
Zahlreiche Studien haben belegt, daß sowohl mit Dualröntgen-Absorptiometrie (DXA), quantitativer Computertomographie (QCT) oder quantitativer Knochenultrasonometrie und -graphie (QUS) das Frakturrisiko von Wirbelkörperfrakturen, Radiusfrakturen und/oder Schenkelhalsfrakturen prospektiv vorhergesagt werden kann (8, 9, 10, 15, 31, 36, 41). Dabei ist unerheblich, ob zentral an Wirbelsäule oder Schenkelhals beziehungsweise an Unterarm, Fingern oder Fersenbein oder Tibia gemessen wurde. Es gibt allerdings in seltenen Fällen reine Wirbelsäulen-Osteoporosen. Grob kann gesagt werden, daß mit Abnahme der Knochendichte um eine Standardabweichung das Risiko für zukünftige Frakturen um 50 bis 200 Prozent ansteigt (9). Die höchste Wertigkeit besteht in der Vorhersagekraft der Frakturen am Ort der Messung, das heißt Wirbelkörperfrakturen können am besten durch Messung an der Wirbelsäule vorhergesagt werden. Allerdings sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Meßorten nicht in allen Studien signifikant unterschiedlich zwischen peripherer und zentraler Messung. Werden Patienten mit vorbestehenden Frakturen untersucht, ist das Risiko für weitere Frakturen sogar noch signifikant größer. Werden mehrere, unterschiedliche Knochendichteverfahren miteinander kombiniert, wird ebenfalls eine Risikoerhöhung festgestellt, ähnlich wie wenn man anamnestische Risikofaktoren oder Knochenmarker ergänzt (21, 31).
Die Korrelation zwischen zwei oder drei Messungen ist für den individuellen Patienten völlig unerheblich, sie erklärt lediglich, wieviel Prozent einer Methode durch die andere erklärbar ist (27). Wichtig ist die Dokumentation hinsichtlich der Morbidität, in diesem Fall Frakturrate. Klinisch bedeutsam ist nicht, ob ein Patient einen erniedrigten Wert in DXA, QCT oder QUS hat (dann hat er einen positiven Risikofaktor), sondern ob zwei oder drei Meßmethoden eine Erniedrigung zeigen, dann hätte er nämlich zwei oder drei positive Risikofaktoren und damit ein ungleich höheres prospektives Frakturrisiko, da sich alle drei nämlich gegenseitig potenzieren (21).
Risikofaktoren für Osteoporose
Die unten aufgeführten Risikofaktoren wurden in prospektiven Studien als prädiktiv für ein erhöhtes Frakturrisiko evaluiert (10). Positive Risikofaktoren stellen eine Behandlungsindikation per se oder eine Indikation bei Nichtbehandlung des Risikofaktors zur Osteodensitometrie dar. Im folgenden werden die wichtigsten aufgeführt, die unabhängig von der Knochendichte mit einem prospektivem Risiko assoziiert waren (10):
! O = osteoporotische Schenkelhals-Fraktur der Mutter
! P = (Poly-)Stürze
! O = Östrogenexpositionszeit (späte Menarche, frühe Menopause)
! R = Rauchen
! I = Intestinale Malabsorption oder geringe Zufuhr von Kalzium und/oder Vitamin D
! S = Schilddrüsen-Überfunktion
! I = Immobilität
! K = Kachexie, schlechter Gesundheitszustand
! O = Osteoporoseassoziierte Fraktur der Patientin seit dem 50. Lebensjahr
Gängige Meßmethoden und deren Limitationen
Dualröntgen-Absorptiometrie (DXA)
Die DXA-Methode ist die weltweit am meisten verbreitete Methode zur Osteodensitometrie (18, 26, 30, 38). Mit ihr kann an Wirbelsäule, Schenkelhals, Ganzkörper oder Spezialregionen gemessen werden. Am häufigsten angewendet werden Wirbelsäule- und Schenkelhals-Messung. Die übliche Messung an der Wirbelsäule kann zu falsch hohen Werten führen, wenn degenerative Veränderungen oder eine Aortenverkalkung vorhanden sind. Andererseits ist die Messung am Schenkelhals oder die Seitmessung der Wirbelsäule durch geringere Präzision gekennzeichnet (höherer Fettanteil). Vorteile der DXA sind exzellente, vor allem auch internationale Standardisierung, das Vorhandensein von Phantomen zur Kalibrierung von Geräten unterschiedlicher Hersteller (24), Erfahrung in Therapiestudien, geringste Strahlenbelastung, kurze Meßdauer, schmerzlose Messung, weite Verbreitung von Geräten. Die Nachteile sind die hohen Anschaffungskosten, die Größe der Geräte und die Planarität des Meßverfahrens, die einen Integralwert zwischen kortikalem und spongiösem Knochen messen und keine physikalische Dichte. Allerdings kommen neuerdings auch kleine, billigere DXA-Geräte zur peripheren Messung auf den Markt (22).
Quantitative Computertomographie (QCT)
Die QCT mißt selektiv Spongiosa und Kortikalis an der Wirbelsäule und am Unterarm sowie der Tibia. Mit ihr wird eine physikalische Dichte ermittelt (13). Unterhalb eines Wertes von 100 mg/cm3 steigt das Frakturrisiko exponentiell an. Der prospektive Stellenwert der selektiven Spongiosa-Messung mittels peripherer QCT am Radius ist noch umstritten (5, 19, 22). Die Nachteile sind die höhere Strahlenbelastung, hohe Anschaffungskosten, geringe Verfügbarkeit der Geräte, die für andere Diagnostik notwendig sind, Artefaktbildung durch degenerative Veränderungen, Knochenmarksfettfehler und schwierige Meßstellenwiederfindung im prospektiven Verlauf. Die Vorteile sind die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Spongiosa und Compacta, die hohe Präzision bei gesundem Meßort, die Messung einer wirklichen physikalischen Dichte und die langjährigen Erfahrungen.
Quantitative Knochenultrasonometrie und -graphie (QUS)
Die QUS-Verfahren (17, 42) ermöglichen die Messung der Ultraschallgeschwindigkeit beziehungsweise der Ultraschallabschwächung oder Kombinationen aus beiden an Calcaneus (2, 4, 11, 17, 20, 21, 42), Tibia (14), (Patella und) Phalangen (6, 34, 35, 43). An den Phalangen ist außerdem eine Analyse der Ultraschallwellenform möglich, die stark von der Knochenstruktur abhängig ist (34, 35, 43). Seit neuerem gibt es außerdem noch "Multisite"-Meßgeräte, die an anderen Stellen des Skelettsystems wie Schädel, Processus posteriores der Wirbelsäule, Crista iliaca, Trochanter major Messungen der Reflexionsgeschwindigkeit erlauben. Die Vorteile sind die Strahlenfreiheit, die Tragbarkeit der Geräte, die geringe Belastung für die Patienten, die niedrigen Anschaffungskosten und die Schnelligkeit der Messung. Nachteile sind die geringere Erfahrung im Vergleich zu den radiologischen Verfahren, insbesondere hinsichtlich Therapie-Monitoring (1, 14, 16), die schwierige Standardisierbarkeit und das Fehlen internationaler Phantome. Vergleiche mit histologischen und biomechanischen Untersuchungen zeigen, daß die Ultraschallparameter mehr vom Knochenstrukturdefekt als rein vom Mineralsalzgehalt beeinflußt werden. Erste klinische Ergebnisse von Ultraschallwelleninterpretation an Phalangen zeigen eine frühere Erkennung von Knochenstrukturverlusten als mit den herkömmlichen Verfahren (34, 35, 42).
Meßwertinterpretation
Die Meßwerte der Knochendichte wurden früher in Prozent Abnahme vom Mittelwert eines Referenzkollektivs angegeben. Hierbei entstanden unterschiedliche Prozentwerte bei Verwendung von DXA oder QCT. Die Angabe der Knochendichte in Prozentwerten ist daher nicht mehr zulässig und nicht sinnvoll. An Stelle dessen werden sogenannte T- oder Z-Werte angegeben (Grafik). Der Z-Wert ist die Abweichung des Meßwertes vom Mittelwert des Referenzkollektivs von alters- und geschlechtsangepaßten gesunden Personen (Z = [Meßwert minus Mittelwert des altersgleichen Referenzkollektivs]/Standardabweichung des altersgleichen Referenzkollektivs). Der T-Wert ist die Abweichung des Meßwertes vom Mittelwert des Referenzkollektivs von jungen geschlechtsgleichen gesunden Personen um die 30, das heißt zur Zeit der "peak bone mass". Dieser wurde für die WHO-Definition der Knochendichtebeurteilung zugrunde gelegt: höher als -1 SD = normal, -1 bis - 2,5 SD = erniedrigte Knochenmasse (Osteopenie), T < - 2,5 SD = Osteoporose, T < - 2,5 SD und Frakturen = schwere Osteoporose. Diese Definition hat klinische Limitationen, da damit bei den über 70jährigen mehr als 50 Prozent osteoporotisch wären (12). Die Verwendung von T- und Z-Werten hängt davon ab, welche Fragestellung man an die Messung beim einzelnen Patienten hatte. Dies wird in Tabelle 2 dargestellt. Hierbei stellt der T-Wert die gleiche Interpretation wie die alte "Frakturschwelle" dar. Die "Frakturschwelle" war definiert als die Grenze, unter der 95 Prozent aller Frakturierten bei einer Meßmethode liegen. Der T-Wert ist also die Messung des IstZustandes und wird verwendet, wenn Patienten über ihr momentanes Frakturrisiko aufgeklärt werden wollen. Hiermit kann die Diagnose gestellt werden. Der T-Wert kann auch herangezogen werden, wenn beurteilt werden soll, ob eine Fraktur osteoporoseassoziiert ist oder nicht. Hier aber sind T-Werte < 0 SD bereits diagnostisch wegweisend. Wie bereits oben ausgeführt, würde die Verwendung der T-Werte im höheren Alter jedoch dazu führen, daß bei über 70jährigen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung scheinbar krank seien. Der T-Wert hat hier daher seine Limitation. Er wird für die momentane Beratung bezüglich Belastbarkeit der Knochen (zum Beispiel sportliche Aktivität im Alter) herangezogen, damit würde man auch die älteren Menschen nicht zu Unrecht krank machen. Aus dem T-Wert kann aber keine Schlußfolgerung für die zukünftige Therapie gezogen werden.
Beim Z-Wert andererseits wird der altersphysiologische Knochenmassen-Verlust aus der Rechnung herausgenommen. Er ist der Wert, der herangezogen wird, wenn wir prospektiv das Frakturrisiko eines Menschen voraussagen wollen und dementsprechend auch die Entscheidung treffen wollen, ob wir eine Prophylaxe- und Therapie-maßnahme bei einer postmenopausalen Patientin mit einer Hormonsubstitution oder bei älteren Menschen mit Kalzium und Vitamin D einleiten oder nicht. Als möglicher Grenzwert für eine solche Entscheidung wird ein Z-Wert von - 1 SD angegeben, unter dem eine Prophylaxeempfehlung eher herausgegeben wird, als wenn der Wert darüber liegt (40, 41). Allerdings ist dieser Wert abhängig von der Anzahl der Risikofaktoren.
Hauptindikationen
Der Textkasten zeigt die Hauptindikationen für die Osteodensitometrie, wie sie vom wissenschaftlichen, fachübergreifenden (Radiologen, Endokrinologen, Gynäkologen, Nuklearmediziner, Orthopäden) Beraterkreis der Kassenärztliche Bundesvereinigung im Jahre 1995 erarbeitet wurde und von vielen Fachgesellschaften übernommen worden sind (12, 30, 37, 39). Auch international besteht hier im wesentlichen Konsens (12, 25, 26). Die Indikation zu einer Osteodensitometriemessung sollte immer abhängig von der Fragestellung sein. Messungen, die nicht direkt eine therapeutische Konsequenz für den Patienten haben, sollten nicht durchgeführt werden. Verlaufsmessungen zur Überprüfung der Effektivität therapeutischer Maßnahmen sind mit allen Verfahren möglich. Die Präzision der Verfahren ist so hoch, daß Trends solcher Therapieeffekte bereits nach einem Jahr sichtbar sein können. Dabei sollte aber berücksichtigt werden, daß osteologische Therapien in der Regel erst nach mehreren Jahren in bezug auf die Senkung des Frakturrisikos als effektiv eingestuft werden können. Ausnahme stellt hierbei allerdings die chronische Glukokortikoid-(GC-)Therapie dar. Patienten, bei denen je nach Grundkrankheit zu erwarten ist, daß länger als ein halbes Jahr mit mehr als 7,5 mg PrednisolonÄqualent pro Tag therapiert werden muß, sollten einer Knochendichtemessung zugeführt werden. Eine je nach Z-Wert nötig werdende Prophylaxe oder Therapie mag dann nur während der Hochdosis-GC-Therapiephase erforderlich sein.
Osteodensitometrie zur Therapie-Verlaufskontrolle
Eine der Hauptindikationen der Osteodensitometrie ist die Überwachung und Dokumentation der Wirksamkeit von osteotropen Medikamenten (3, 7, 16, 23, 28). Die Wahl der Meßmethode hängt zum einen vom gewünschten Meßort ab. So sind zum Beispiel Therapieeffekte am Radius wesentlich geringer als an gewichtstragenden Skelettanteilen wie Schenkelhals, Calcaneus oder Wirbelsäule. DXA ist die weitaus am häufigsten in Therapiestudien verwendete Methode, so daß hiermit die Sicherheit hinsichtlich Effektivität eines Therapieprinzips am größten ist (3, 7, 23, 28). Die Meßhäufigkeit hängt vom zu erwartenden Therapieeffekt und der Präzision der Methode ab. In der Regel ist ein Abstand von einem Jahr ausreichend. Bei fulminanten Osteopathien (zum Beispiel Transplantationsosteopathie) sind kürzere Meßabstände sinnvoll, bei Frühstadien mit niedrig-normalen Knochendichtewerten kann bei negativer Risikofaktoranalyse und schwach wirksamer Therapie ein Meßabstand von mehr als zwei Jahren gewählt werden. Wichtig ist, daß man sich darüber im klaren ist, daß die prozentualen Steigerungsraten aus Therapiestudien Mittelwerte darstellen und die individuelle Schwankungsbreite sehr groß sein kann. Dies wurde eindrucksvoll in einer plazebokontrollierten Therapiestudie bei Frauen mit niedriger Knochendichte unter Östrogen/Gestagen- beziehungsweise Alendronattherapie gezeigt (23).
Schlußfolgerungen
Durch die Vereinheitlichung der Interpretation verschiedener Knochendichtemeßverfahren ist man bezüglich der Versorgung von Patienten ein großes Stück weitergekommen. Voraussetzung ist aber, daß alle Gerätehersteller ihre Meßwerte in Schemata einzeichnen, die das Referenzkollektiv mit Mittelwert ± 2 Standardabweichungen angeben. Darüber hinaus sollten auf dem Befundbogen die T- und Z-Werte sowie der Gerätetyp und die verwendete Software sowie das Kreuzkalibrierungsphantom angegeben werden. Werte, die mittels des Phantoms (zum Beispiel ESP oder EFP) umgerechnet wurden, müssen entsprechend gekennzeichnet werden, um auch eine internationale Vergleichbarkeit zu ermöglichen (24). Allergrößter Sorgfalt bei der Verwendung von T- und ZWerten bedarf es bei der Aufstellung von Referenzwerten. Hier kam es in der Vergangenheit zu größten Problemen: Bei einem Gerät wurde der Mittelwert vom Hersteller um 30 Prozent zu hoch angesetzt und somit ein Drittel der Bevölkerung falsch krank eingestuft. Bei einem anderen Gerät gab der Hersteller die Standardabweichung um 4 Prozent zu klein an, wodurch die Zahl der Risikopatienten um 30 Prozent scheinbar anstieg. Beide Probleme wurden durch international aktive, klinisch forschende Ärzte herausgefunden, sollten aber ebenfalls vor Einführung von Geräten in die Patientenversorgung von unabhängigen Expertengremien überprüft und testiert werden. Größte Sorgfalt muß ebenfalls der Schulung der Kollegen beziehungsweise Assistenten gewidmet werden, da diese durch falsche Lagerung des Patienten, Bewegungen des Patienten während der Messung oder sonstige die Messung beeinträchtigende äußere Umstände wie Raumtemperatur, Kleidung und anderes die Meßergebnisse stark verfälschen können. Die Schulung sollte unter standardisierten Bedingungen an Zentren durchgeführt werden. Dies gilt auch für die Kolleginnen und Kollegen, die bereits seit Jahren messen und auf neuen Geräten nie wieder neu geschult wurden.
Letzteres trifft natürlich auch für die Interpreteure, das heißt die Ärzte zu, die die Indikation und Meßwertinterpretation vornehmen. Hier sind seit einigen Jahren entsprechende Kolloquien bei den Kassenärztlichen Vereinigungen erforderlich. Dennoch werden die meisten Fehlinterpretationen durch Kollegen erbracht, die diese Fehler bereits seit Jahren mit sich tragen, ohne darauf aufmerksam gemacht worden zu sein. Hier gilt es, Kontrollorgane einzuführen, und wünschenswert wäre die neuerliche Durchführung von Kolloquien für alle Kollegen, das heißt auch die älteren, nach einer gewissen Übergangszeit.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die drei Verfahren zur Knochendichtemessung wie DXA, QCT und QUS gleichwertig die Diagnose der Osteoporose mittels T-Werten stellen können und das Frakturrisiko mittels ZWerten voraussagen können. Die Geräte sind hochpräzise und können zum Therapie-Monitoring mit unterschiedlicher Wertigkeit herangezogen werden. Voraussetzung sind aber genügend lange Zeiten, da ansonsten eine Wirksamkeit der zu überwachenden Therapien bei Osteoporose nicht zu erwarten ist. Hauptproblem bei der Knochendichtemessung sind nicht die Geräte selber, sondern die Messenden und Interpretierenden.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-2547-2551
[Heft 41]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.


Anschrift für die Verfasser
Priv.-Doz. Dr. med. Christian Wüster
Abteilung Innere Medizin I
Medizinische Universitätsklinik
Internistische Ambulanz Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

1.Aloysio D de, Rovati LC, Cadossi R, et al.: Bone effects of transdermal hormon replacement therapy in postmenopausal women as evaluated by means of ultrasound: an open one-year prospective study. Maturitas 1997; 27: 61-68.
2.Bauer D, Glüer C, Cauley J et al.: Bone ultrasound attenuation predicts fractures strongly and independently of densitometry in older women: A prospective study. Arch Int Med 1997; 157: 629-634.
3.Black DM, Cummings SR, Karpf DB, et al.: Randomised trial od effect of alendronate on risk of fracture in women with existing vertebral fractures. Lancet 1996; 348: 1535-1541.
4.Bouxsein M, Radloff S: Quantitative ultrasound of the calcaneus reflects the material properties of calcaneal trabecular bone. J Bon Min Res 1997; 12: 839-846.
5.Butz S, Wüster Chr, Scheid-Nave C, Götz M, Ziegler R: Forearm BMD as measured by peripheral Quantitative Computed Tomography (pQCT) in a German reference population. Osteoporosis Int 1994; 4: 179-184.
6.Cadossi R, Cané V: Pathways of transmission of ultrasound energy through the distal metaphysis of the second phalanx of pigs: an in vitro study. Osteoporosis Int 1996; 6: 196-206.
7.Chapuy MC, Arlot ME, Dubouef F: Vitamin D3 and calcium to prevent hip fractures in elderly women. N Engl J Med 1992; 327: 1637-1642.
8.Chestnut III CH: The imaging and quantitation of bone by radiographic and scanning methodologies. In: Coe FL, Favus MK eds. Disorders of bone and mineral metabolism. New York: Raven Press Ltd 1992; 443-454.
9.Cummings S, Black D, Nevitt M, et al.: Bone density at various sites for prediction of hip fractures. Lancet 1993; 341: 72-74.
10.Cummings SR, Nevitt MC, Browner WS, et al.: Risk factors for hip fractures in white women. N Engl J Med 1995; 332: 767-773.
11.Daele PLA van, Burger H, DeLact CEDH, et al.: Longitudinal changes in ultrasound parameters of the calcaneus. Osteoporosis Int 1997; 7: 207-212.
12.Eastell R: Treatment of postmenopausal osteoporosis. N Engl J Med 1998; 338: 736-746.
13.Felsenberg D: Klinische Anwendung der quantitativen Computertomographie, in: Schild HH & Heller M (Hrsg): Osteoporose, Thieme-Verlag Stuttgart, New York 1992; S. 100-126.
14.Funck C, Wüster Chr, Alenfeld F, et al.: Ultrasound velocity of the tibia in normal German women and hip fracture patients. Calcif Tissue Int 1996; 58: 390-394.
15.Gårdsell P, Johnell O, Nilsson SE: Predicting fractures in women by using forearm bone densitometry. Calcif Tissue Int 1989; 44: 235-242.
16.Giorgino R, Paparella P, Lorusso D, Mancuso S: Longitudinal effects of three-year hormonal replacement therapy on quantitative ultrasound measurements. J Bone Miner Res 1997; 12 (suppl 1): 103.
17.Glüer CC for the International Quantitative Ultrasound Consensus Group: Quantitative ultrasound techniques for the assessment of osteoporosis: expert agreement of current status. J Bone Miner Res 1997; 12: 1280-1288.
18.Glüer CC: Klinische Anwendung absorptiometrischer Verfahren. In: Schild HH & Heller M (Hrsg): Osteoporose, Thieme-Verlag Stuttgart, New York 1992; S. 127-144.
19.Grampp S, Genant H, Mathur A, et al.: Comparisons of noninvasive bone mineral measurements in assessing age-related loss, facture discriminatin, and diagnostic classification. J Bone Miner Res 1997; 12: 697-711.
20.Greenspan SL, Bouxsein ML, Melton ME, et al.: Precision and discriminating ability of calcaneal bone assessment technologies. J Bone Miner Res 1997; 12: 1303-1313.
21.Hans D, Dargent-Molina P, Schott AM, et al.: Ultrasonographic heel measurements to predict hip fracture in elderly women: the EPIDOS prospective study. Lancet 1996; 548: 511-514.
22.Heilmann P, Wüster Ch, Prolingheuer Ch, Götz M, Ziegler R: Measurement of forearm bone mineral density (BMD): comparison of short-time and long-time precision of five different instrument settings. Calcif Tissue Int, in print 1998.
23.Hosking D, Chilvers C, Christiansen C, et al.: Prevention of bone loss with alendronate in postmenopausal women under 60 years of age. N Engl J Med 1998; 338: 485-492.
24.Kalender WA: Physik und Methodik der Knochendichtemessung. In: Schild HH & Heller M (Hrsg): Osteoporose, Thieme-Verlag Stuttgart, New York 1992; S. 78-99.
25.Kanis JA, Melton LJ III, Christiansen C, Johnston CC, Khaltaev N: The diagnosis of osteoporosis. J Bone Miner Res 1994; 9: 1137-1141.
26.Kanis JA: Assessment of bone mass and osteoporosis. In: Kanis JA: Osteoporosis, Blackwell Science Ltd 1994; p 114-147.
27.Kleerekoper M, Nelson DA: Editorial: Which bone density measurement= J Bone Miner Res 1997; 12: 712-714.
28.Liberman UA, Weiss SR, Bröll J, et al.: Effect of oral alendronate on bone mineral density and the incidence of fractures in postmenopausal osteoporosis. N Engl J Med 1995; 333: 1437-1443.
29.Mele R, Masci G, Ventura V, Bicicchi M, Cadossi R.: Three year longitudinal study with quantitative ultrasound at the hand phalanx in a female population. Osteoporosis Int, 1997; 7: 560-557.
30.Reiners Chr: Nicht-invasive quantitative Knochendichtebestimmung. In: Ringe JD (Hrsg): Osteoporose - Pathogenese, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten. De Gruyter 1991; S. 157-216.
31.Ross P, Huang C, Davis J, et al.: Predicting vertebral deformity using bone densitometry at various skeletal sites and calcaneus ultrasound. Bone 1996; 16: 325-332.
32.Schnitzler CM, Pitchford DG, Willis EM, Gear KA: Comparison of the radiographic vertebral trabecular pattern with the vertebral fracture prevalence and spinal bone density. Osteoporosis Int 1993; 3: 293-299.
33.Scheid-Nave C, Ziegler R, Raspe H: Epidemiologie der Osteoporose. Med Klin 1998; 93 (Suppl II): 7-11.
34.Soballa Th, Schlege J, Cadossi R, et al.: Osteosonographie der Phalangen bei Männern. Med Klinik 1998; 93: 131-136.
35.Soballa Th, Wüster Chr, Schlege J, et al.: Ultrasound transmission speed and ultrasound bone profile score (UBPS) of the phalanges in normals and women with osteoporosis. Hormone Metab Res, 1998; 30: 536-541.
36.Wasnich RD, Ross PD, Davis JW: Osteoporosis: Current practise and future perspectives. Trends Endocrinol Metab 1991; 2: 59-62.
37.World Health Organization (WHO): Assessment of fracture risk and is application to screening for postmenopausal osteoporosis. Report of a WHO Study Group. World Health Organ Tech Rep Ser 1994; 843: 1-129.
38.Wüster Chr, Brandt K, Paetzold W, et al.: Bone mass of spine and forearm in osteoporosis and in German normals: influence of sex, age and anthropometric parameters. Eur J Clin Invest 1992; 22: 366-370.
39.Wüster Chr, Allolio B, Grußendorf M, et al.: Stellungnahme der Sektion Calcium-regulierende Hormone und Knochenstoffwechsel der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie zur rationellen Anwendung der Knochendichtemessung. Endokrinologie-Informationen 1994; 18: 11-15.
40.Wüster Chr: Internistisch-endokrinologische Aspekte der Osteoporose. Krankenhaus Arzt 1994; 67: 390-400.
41.Wüster Chr: Prävention und Therapie der Osteoporose. MMW 1995; 51/52: 846-853.
42.Wüster Chr, Heilmann P, Pereira-Lima J, et al.: Quantitative ultrasonometry (QUS) for the evaluation of osteoporosis risk: Reference data for various measurement sites, limitations and application possibilities. Exp Clin Endocrinol Diabetes 1998; 106: 277-288.
43.Wüster Chr, Soballa Th, Heilmann P, Schlege J, Cadossi R, Ziegler R: Use of bone ultra-sonography in clinical practise: Normative data and discrimination power. Menopause Review, in press, 1998.
44.Yates AJ, Ross PD, Lydick E, Epstein RS: Radiograpic absorptiometry in the diagnosis of osteoporosis. Am J Med 1995; 98 (suppl 2A): 41S-47S.

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige