ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1998Fehler in der psychiatrischen Begutachtung

MEDIZIN: Die Übersicht

Fehler in der psychiatrischen Begutachtung

Dtsch Arztebl 1998; 95(41): A-2552 / B-2194 / C-2041

Heinz, Gunter

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LNSLNS Angesichts der Komplexität der Materie, mit der es die forensische Psychiatrie zu tun hat, verwundert es immer wieder, daß wenig erfahrene oder nicht genügend ausgebildete Ärzte als Sachverständige herangezogen werden. Der folgende Beitrag zeigt einige allgemeine Fehlerquellen der gutachterlichen Tätigkeit im strafrechtlichen Bereich auf. Auf so differenzierte Gebiete wie das der Prognosebegutachtung nach erfolgter Behandlung kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden. Schlüsselwörter: Forensische Psychiatrie, Sachverständiger, Gutachter, Prognosebegutachtung, strafrechtlicher Bereich
Errors in giving psychiatric expert opinion
Despite the complexity of forensic psychiatry, inexperienced or inadequately trained physicians are often called in as expert witnesses. In this article some general sources of errors committed by expert witnesses in criminal cases are demonstrated. More difficult fields such as prognostic evaluation after treatment are beyond the scope of this overview.
Key words: Forensic psychiatry, expert witness, prognostic evaluation, criminal prosecution
Die psychiatrische Begutachtung setzt, wie jede andere Begutachtung auch, eine gründliche Sach- und Methodenkenntnis voraus. Die Aufgabe des Sachverständigen besteht darin, im Rahmen seines Fachgebietes Feststellungen zu treffen und diese in einem zweiten Schritt Außenstehenden zu vermitteln.
Bei Begutachtungen im Rahmen strafrechtlicher Verfahren muß der Sachverständige in der Regel sein Gutachten vor Gericht vertreten. Prozeßrechtlich steht der Sachverständige in diesen Fällen auf der Ebene des Zeugen. Die Beweisfragen, die beantwortet werden sollen, werden vom Gericht vorgegeben. Ob eine Beweisfrage mit den Mitteln des eigenen Faches zu beantworten ist, muß der Sachverständige in jedem Fall einzeln entscheiden.
Im Rahmen strafrechtlicher Verfahren wird in erster Linie nach der Schuldfähigkeit gefragt. Schuldfähigkeit, erheblich verminderte Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit sind Begriffe des Rechts und nicht der Medizin. Der juristische Schuldbegriff enthält Wertungskomponenten, diese sind Bestandteil der richterlichen Vorwerfbarkeit. Ihre Beurteilung ist allein eine Frage der Rechtsanwendung, die dem Richter obliegt. Die Kompetenz des psychiatrischen Sachverständigen besteht darin, aufgrund klinischer, psychiatrischer, psychopathologischer und verhaltensanalytischer Untersuchungen festzustellen, ob in dem Motivationsprozeß, der letztlich zur Straftat hinführte, Einflüsse mitgewirkt haben, die einer krankhaften seelischen Störung oder einer schweren Persönlichkeitsstörung zuzuordnen sind (3).
Der Sachverständige ist nicht dazu da, Rechtsfragen zu lösen. Seine Aufgabe ist es, die Persönlichkeitsstruktur, die psychodynamische Entwicklung sowie den psychischen Zustand dieses bestimmten Menschen zu einem möglicherweise lange zurückliegenden Zeitpunkt zu erfassen, die sogenannte "Tatzeitpersönlichkeit" (2).
Die Frage, ob der Sachverständige allein die Aufgabe hat, fachwissenschaftlich begründete Feststellungen zu treffen und diese Nichtmedizinern verständlich zu beschreiben, oder ob er doch über diese fachlichen Feststellungen hinaus bei der Beurteilung von Einsichts- und Steuerungsfähigkeit normativ wertende Entscheidungen zu treffen hat, ist wissenschaftlich nach wie vor umstritten. Eine völlige normative Abstinenz des Sachverständigen ist nicht zu erreichen, weil ohne dessen fachliche Mitwirkung das Gericht die normative Grenze für die Anforderungen an den einzelnen nicht bestimmen kann (7). Auch die Kriterien für die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, etwa die schwere Persönlichkeitsstörung, sind aus juristischer Sicht normative Merkmale.
Es gibt noch weitere Ebenen in der überaus komplexen Sachverständigentätigkeit, die fehlerträchtig sind. So enthält jedes Gutachten zwangsläufig neben tatsachenfeststellenden auch tatsachenbewertende Anteile. Letztere dienen weniger der kognitiven Erfassung des Sachverhaltes. Sie unterstützen vielmehr den Richter in der Verwirklichung eines weiteren Prozeßzweckes: der Unterordnung der festgestellten konkreten Tatsachen unter den Rechtssatz (5). In der Verhandlung vor dem Gericht ist der Sachverständige einem Spannungsfeld ausgesetzt, das sich an der kognitiven Erforschung der Tatsachen einerseits und der volitiven Anwendung des Rechts andererseits orientiert. Sofern es zu einem wirklichen Dialog vor Gericht kommt, kann es sein, daß die wissenschaftlichen Tatsachenfeststellungen durch den Sachverständigen die Vorgänge der Subsumtion, also die Unterordnung des richterlich festzustellenden Tatbestandes unter den Rechtssatz, beeinflussen können. Umstritten ist bis heute, inwieweit kognitive und volitive Anteile des Gutachtens wirklich zu trennen sind.
Fehler in der psychiatrischen Begutachtung sind grob zu trennen in "handwerkliche", die im Rahmen der Untersuchung vorkommen, und solche, die bei der Auswertung der erhobenen Befunde auftreten. Dabei sind naturgemäß beide Bereiche so eng miteinander verwoben, daß sie sich gegenseitig beeinflussen können.
Fehler im Bereich der Tatsachenfeststellungen
In einer eigenen Untersuchung anhand von Gutachten im Wiederaufnahmeverfahren (1) fanden sich Fehler im Bereich der Anamneseerhebung in 58 Prozent und fehlende beziehungsweise unvollständige oder in sich widersprüchliche Befunde in 60 Prozent der Gutachten in den Erstverfahren. Bei den Anamnesefehlern handelte es sich um Nichterhebung wesentlicher früherer Erkrankungen im Rahmen der Exploration, Nichtbeiziehung früherer Krankenblätter und Gutachten, Gutachten ohne Anamneseerhebung, Weglassen wesentlicher Bestandteile der Anamnese sowie Erhebung von Fehldaten. Als besonders problematisch erwies es sich dabei, wenn Sachverständige die Lückenhaftigkeit der Erhebung durch Spekulationen zu kompensieren suchten, also zwei Fehlerquellen miteinander verbanden. So heißt es beispielhaft in einer Vorgeschichte: "Als Unterlage verwende ich seinen Lebenslauf, von ihm selbst verfaßt. Es ist dieser schriftlichen Darstellung zu entnehmen, daß er einer psychisch etwas auffälligen Familie entstammt. Die musische Begabung machte P. sicherlich auch zu einem guten Schüler und schon frühzeitig traten erotische Empfindungen und Spannungen auf. In seinem ganzen Lebenslängsschnitt taucht eigentlich heterosexuelles Verhalten nur selten auf. Immerhin scheint aber eine rein anlagemäßig bedingte Homosexualität nicht vorzuliegen." Anamneseerhebung, körperlich-neurologische Untersuchung, psychiatrische Untersuchung sowie gegebenenfalls neurophysiologische, neuroradiologische und testpsychologische Zusatzuntersuchungen bilden den ersten wesentlichen Bestandteil der psychiatrischen Begutachtung. Wenn die genannten Erhebungen Auslassungen oder Fehldaten enthalten, wenn ferner Befunde oder Befundteile fehlen, resultieren diagnostische und sonstige Fehlinterpretationen fast zwangsläufig. Im Regelfall stellt die Gutachtenerstattung sogar höhere Anforderungen an die Verifizierung anamnestischer Daten als die Behandlungsmedizin (9). Die möglichst ausführliche Erhebung der sozialen und medizinischen Anamnese wird als diagnostische Methode ersten Ranges verstanden, wobei insbesondere die biographische Entwicklung die Chance enthält, wichtige Belege für die Persönlichkeitsdiagnostik zu gewinnen (4).
Wertungsfehler
Die diagnostische Zuordnung und im weiteren die Zuordnng der gewonnenen Ergebnisse zu den Beweisfragen enthält ein eher noch weiteres Feld an Fehlermöglichkeiten. Immer wieder finden sich in Gutachten Hinweise auf Voreingenommenheit des Sachverständigen, die nicht nur die Auswertung der erhobenen Befunde, sondern möglicherweise auch deren Erhebung selbst beeinflussen. So wurden 34 Fälle von traumatisch bedingten Subarachnoidalblutungen nach Körperverletzung gesammelt, die hinsichtlich des Verursachungszusammenhanges bereits gerichtsmedizinisch beurteilt worden waren. Dabei ließ sich eine deutliche Beeinflussung der Gutachter durch die menschlichen Umstände des Falles nachweisen: War die Tat von einem allgemein rücksichtslos vorgehenden und vorbestraften Täter begangen worden, so bejahte der Obduzent die Kausalität zwischen Tod und Trauma eher als in Fällen gut beleumundeter Beschuldigter, in denen der Obduzent sein möglichstes tat, durch intensives Suchen nach Entlastungsfaktoren wie beispielsweise einem Aneurysma oder anderen Anomalien einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Tod und Trauma zu relativieren oder zu verneinen.
In der eigenen Untersuchung gefundene Fehlerquellen im Bereich der wertenden gutachterlichen Entscheidung waren unter anderem ein eindeutiges Abwehrverhalten gegen den Probanden sowie eine fehlerhafte Übernahme von Prozeßrollen. So fanden sich in psychiatrischen Gutachten Konstrukte, die Tatablauf oder Tatmotivation dem Gericht auch in solchen Fällen verständlich machen sollten, die medizinisch unentscheidbar waren. Emotionale Abwehr drückte sich in einseitiger Auswahl der Auswertung des Tatsachenmaterials ebenso aus wie in Vorwürfen, die dem Untersuchten bezüglich seines Sozial- oder Tatverhaltens gemacht wurden. In extremen Fällen wurden Beschuldigte durch den untersuchenden Arzt verdächtigt, außer der angeklagten noch weitere Straftaten begangen zu haben. Nicht geständige Probanden wurden zu Geständnissen gedrängt, oder es fanden sich Vorschläge zu besonders harten Bestrafungen. Tatsächlich vorhandene gesundheitliche Störungen wurden in diesen Fällen entweder völlig übersehen oder in ihrem tatsächlichen Ausmaß nicht erkannt.
Eine besonders krasse Form der probandenbezogenen Abwehrhaltung wurde mit dem sogenannten "Verdammungsurteil" (6) beschrieben. Dabei werden dem Untersuchten ausschließlich negativ gefärbte Eigenschaften attribuiert. Für Juristen ist es in solchen Fällen oft nicht leicht, zu erkennen, ob es sich bei den verwandten Formulierungen um eine gebräuchliche psychiatrische Terminologie handelt oder nicht.
Emotionale Abwehr und Antipathie müssen zweifellos erkannt werden, damit die Objektivität des Gutachtens nicht beeinträchtigt wird. Daneben sind weitere allgemeine Fehlerquellen zu beachten wie vorschnelle diagnostische Schlüsse im Sinne sogenannter "Blickdiagnosen", Festhalten an früher gestellten Diagnosen, objektive Erschwernisse wie oligosymptomatische Störungen, Varianten zur Norm ohne Krankheitswert, atypische Verläufe, Interferenz mehrerer Erkrankungen, Vermischung der Symptomatik durch Alter, Lebensgewohnheiten oder Medikamente, mangelnde Kooperationsbereitschaft des Patienten sowie zu kurze Beobachtungszeit.
Zu unterstützen sind Überlegungen, bezüglich der forensisch-psychiatrischen Tätigkeit weitere Qualifizierungsmöglichkeiten bereitzustellen. Hingewiesen sei auf Überlegungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), einen Weiterbildungsschwerpunkt "Forensische Psychiatrie" zu etablieren. Unseres Erachtens sollten diese Bemühungen nicht nur für die psychiatrische Gutachtertätigkeit gelten, sondern auch für die Arbeit mit Patienten in forensisch-psychiatrischen Kliniken, wie umgekehrt für die Gutachtertätigkeit nicht nur die Facharztqualifikation, sondern auch eingehende spezielle Erfahrung mit dieser Gruppe von Kranken vorausgesetzt werden sollte.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-2552-2554
[Heft 41]


Literatur
1. Heinz G: Fehlerquellen forensisch-psychiatrischer Gutachten. Heidelberg: Kriminalistik-Verlag, 1982.
2. Lenckner T: Strafe, Schuld- und Schuldfähigkeit. In: Göppinger H, Witter H: Handbuch der forensischen Psychiatrie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 1972; 3-288.
3. Mende W: Gegenwärtige Situation und Entwicklungstendenzen in der forensischen Psychiatrie. Psychiat Prax 1974;
1: 217-223.
4. Mende W, Bürke H: Fehlerquellen bei der nervenärztlichen Begutachtung. Forensia 1986; 7: 143.
5. Metzger E: Der psychiatrische Sachverständige im Prozeß. Tübingen: Mohr, 1918.
6. Rasch W: Schuldfähigkeit. In: Ponsolt A: Lehrbuch der gerichtlichen Medizin. Stuttgart: Thieme, 1967.
7. Schreiber HL: Was heißt heute strafrechtliche Schuld und wie kann der Psychiater bei ihrer Feststellung mitwirken? Nervenarzt 1977; 48: 242.
8. Sjövall H: Objektivität und Subjektivität bei der Begutachtung. Münch Med Wochenschr 1970; 112: 725.
9. Venzlaff U: Fehler und Irrtümer in psychiatrischen Gutachten. NStZ 1983; 3: 199.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Gunter Heinz
Abteilung Forensische Psychiatrie der Universität Göttingen
Abteilung Forensische Psychiatrie am Niedersächsischen Landeskrankenhaus Göttingen Rosdorfer Weg 70
37081 Göttingen

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KnalLhart
am Freitag, 22. März 2013, 14:11

"fantastische Gutachter" vs. "fantastische" Gutachter

In der heutigen Zeit, in der jedem alles multimediafähig zur Verfügung steht, ist es schon ein Unding, daß bei psychiatrischen Gutachten nichts anderes zur Verfügung des Rechtssystem steht als das (möglicherweise) "Geschreibe" von Gutachtern.

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