ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1998Rückenmarksanästhesie mit Kokain: Die Prioritätskontroverse zur Lumbalanästhesie

VARIA: Geschichte der Medizin

Rückenmarksanästhesie mit Kokain: Die Prioritätskontroverse zur Lumbalanästhesie

Dtsch Arztebl 1998; 95(41): A-2556 / B-2180 / C-1935

Oehme, Peter

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LNSLNS P. Oehme1 und M. Goerig2
Vor 100 Jahren wurde die Grundlage für die klinische Anwendung der Lumbalanästhesie gelegt. Vor 100 Jahren - am 24. August 1898 - wurde an der Königlich Chirurgischen Universitätsklinik in Kiel ein bahnbrechendes Experiment durchgeführt. Die Akteure waren zwei dort tätige Ärzte: Klinikoberarzt August Bier (1861 bis 1949) und Assistenzarzt August Hildebrandt (1868 bis 1954). Bei diesem Experiment sollte eine einprozentige Kokainlösung in den Lumbalsack injiziert werden, um eine Anästhesie im Bereich der unteren Körperhälfte auszulösen.
Zuerst versuchte Hildebrandt, die Kokainlösung August Bier zu injizieren. Dieses Experiment mißlang, da die benutzte Pravazsche Spritze nicht zur Kanüle paßte. Dadurch lief die Kokainlösung größtenteils vorbei und gelangte so nicht in die Rückenmarksflüssigkeit des Lumbalsackes. Deshalb wiederholten beide noch am gleichen Tage das Experiment. Bei diesem zweiten Versuch spritzte Bier seinem Kollegen Hildebrandt einen halben Milliliter der Kokainlösung ein. Bereits sieben Minuten nach der Injektion empfand Hildebrandt Nadelstiche in den Oberschenkel nur noch als Druck, und nach 23 Minuten wurde selbst "ein starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein" nicht mehr als schmerzhaft empfunden. Erst 45 Minuten nach der Injektion begann sich die Schmerzempfindung wieder zu normalisieren. Nach Beendigung des Experimentes legte sich Hildebrandt "im besten Wohlbefinden zu Bett". Eine Stunde später zeigten sich jedoch bei Hildebrandt starke Kopfschmerzen, gefolgt von Erbrechen. Die Ergebnisse dieser Versuche zur Schmerzausschaltung mittels einer Kokaininjektion in den Lumbalsack publizierte August Bier ein Jahr darauf in der "Deutschen Zeitschrift für Chirurgie" unter dem Titel "Versuche über Cocainisirung des Rückenmarkes"(1). Bier beschreibt in dieser Veröffentlichung neben den Versuchen mit August Hildebrandt auch vorangegangene Experimente, die er an sechs Patienten durchgeführt hatte. Für diese Arbeit fungiert Bier als Alleinautor, erwähnt jedoch im Text mehrfach die Mitwirkung August Hildebrandts.
Für die medizingeschichtliche Einordnung dieser Bier-Hildebrandtschen Versuche sind einige Fakten anzufügen. Zum ersten war es kein Zufall, daß die Experimente gerade zu dieser Zeit und gerade in Kiel vorgenommen wurden. In der gleichen Kieler Klinik wie Bier und Hildebrandt arbeitete der Internist Heinrich Irenäus Quincke (1842 bis 1922). Quincke hatte 1878 für diagnostische Zwecke Liquorentnahmen durchgeführt und verwandte hierzu eine von ihm entwickelte Hohlnadel (Trokar). Quincke sah auch bereits die therapeutischen Nutzungsfelder seines Verfahrens, "indem man Medikamente in den Subarachnoidalraum injizieren könne" (2).
Auf der Basis von pharmakologischen (Albert Niemann, Göttingen) und ophthalmologischen Studien (Carl Koller, Sigmund Freud) mit Kokain führte William Stewart Halsted (1852 bis 1922) am New Yorker Roosevelt Hospital die erste Ausschaltung eines peripheren Nervs mittels einer Kokaininjektion durch. Wenig später (1885) veröffentlichte dann der amerikanische Neurologe James Leonard Corning (1855 bis 1923) im New Yorker Medical Journal seine Arbeit über "Spinal anaesthesia and local medication on the cord" (5). In diesen Experimenten brachte Corning geringe Mengen einer kokainhaltigen Lösung zwischen die Wirbelfortsätze und an knöcherne Strukturen der Wirbelsäule eines Hundes. Für den von ihm gefundenen schmerzausschaltenden Effekt des Kokains ging Corning zuerst davon aus, daß dieser indirekt auf das Rückenmark über resorptive Vorgänge via Kreislaufsystem erfolgt. Später applizierte Corning die Kokainlösung auch direkt in die Rückenmarksflüssigkeit des Lumbalkanals und experimentierte nicht nur am Hund, sondern führte derartige Kokainapplikationen auch am Patienten durch. Die praktische Umsetzung seiner Experimente in Form einer Nutzung in der Klinik gelang Corning jedoch nicht. Diese Leistungen von Corning mehr als ein Jahrzehnt vor den Bier-Hildebrandtschen Versuchen in Kiel werden in der ersten Bierschen Arbeit nicht erwähnt und sollten deshalb später Ausgangspunkt für einen Prioritätsstreit um die Entdeckung der Kokain-Lumbalanästhesie werden.
Kurze Zeit nach den gemeinsamen Kieler Experimenten trennten sich die Wege von Bier und Hildebrandt. Letzterer verließ im März 1899 die Kieler Klinik, um während des Burenkrieges in Südafrika als Sanitätsoffizier zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr habilitierte er sich 1904 an der Berliner Charité. Im Gegensatz zum militärärztlich geprägten Weg Hildebrandts begann August Bier zunächst in Kiel, dann in Greifswald eine akademische Karriere. Im Jahre 1903 wurde Bier dann von Greifswald an die Bonner Universität berufen.
Corning meldet Anspruch an
Zwei Jahre nach dem Erscheinen seiner ersten Arbeit zur Lumbalanästhesie nahm August Bier 1901 auf dem XXX. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin hierzu erstmals wieder Stellung. In einem Übersichtsreferat, im gleichen Jahr in der Zeitschrift für klinische Chirurgie veröffentlicht, konnte Bier über mehr als 1 200 durchgeführte Spinalanästhesien berichten (8). In seinem Vortrag kam er auch erstmals auf die Frage der Urheberschaft für die Lumbalanästhesie zu sprechen, weil der New Yorker Neurologe Corning zwischenzeitlich seinen Prioritätsanspruch angemeldet hatte. Bier erläuterte, daß er erst jetzt Kenntnis von Cornings Arbeiten erhalten habe, zum Zeitpunkt seiner Kieler Versuche davon nichts wußte und deshalb auch Cornings Ergebnisse in seiner Arbeit nicht erwähnen konnte.
Mit diesen Aussagen von Bier war der Prioritätsstreit jedoch keineswegs beendet, sondern eskalierte weiter. Ausgangspunkt der Eskalation war, daß sich hierzu einige chirurgische Assistenzsärzte der Charité zu Wort meldeten. Als erster veröffentlichte Philipp Bockenheimer (1875 bis 1935) in der Zeitschrift für ärztliche Fortbildung eine Übersichtsarbeit zu "Technik und Indikationen der lokalen Anästhesie" (9), in welcher er Corning die Priorität zuspricht, als erster "nach Injektionen von Kokainlösungen in den Subarachnoidalraum der Lumbalgegend Anästhesie der unteren Körperregionen erzielt" zu haben. Bockenheimer betont auch, daß Corning diese Injektionen "damals zu therapeutischen Zwecken gemacht" hat. Biers Anteil beschränkt Bockenheimer auf die Tatsache, für diese in Vergessenheit geratenen Corningschen Versuche gemeinsam mit dem französischen Chirurgen Théodore Tuffier (1856 bis 1929) "die Verwertbarkeit dieser Methode für die lokale Anästhesie richtig erkannt" zu haben.
August 1905 publizierte Hildebrandt in der angesehenen Berliner Klinischen Wochenschrift (10) einen Beitrag, in dem es heißt: "Das Verdienst, zuerst die Analgesierung der Darmgegend und der unteren Extremitäten vom Wirbelkanale aus vorgenommen zu haben, gebührt Corning in New York." Hildebrandt schreibt dann weiter, daß es sich bei Cornings Experimenten nicht um Zufallsergebnisse handelt, sondern um das zielbewußte Vorgehen eines genialen Experimentators, der auch genaue Vorschriften für die Technik der Lumbalanästhesie gegeben hat. Biers Verdienst beschränkt Hildebrandt auf den "Anstoss zu erneuter und allgemeiner Prüfung der Corning’schen Analgesierungsmethode", wobei Hildebrandt den französischen Chirurgen Tuffier noch vor Bier an die Spitze setzt. Nach konzertierten Angriffen aus beiden Berliner Chirurgischen Universitätskliniken mußte August Bier erneut um seinen Prioritätsanspruch für die Lumbalanästhesie kämpfen. Am 29. Mai 1906 veröffentlichte er deshalb einen umfangreichen Beitrag (12) in der Münchener Medizinischen Wochenschrift mit dem Titel "Zur Geschichte der Rückenmarksanästhesie".
Zum ersten wirft Bier in dieser Arbeit seinem ehemaligen Kieler Mitstreiter August Hildebrandt vor, ihm (Bier) durch diese Angriffe "sein Eigentum streitig zu machen" und den Eindruck erwecken zu wollen, als ob er, Bier, vorsätzlich die Ergebnisse von Corning "gestohlen und seinen Namen bei (der ersten) Veröffentlichung unterschlagen (habe)".
Zum zweiten wirft Bier ein interessantes Problem auf: "Es wiederholt sich eben das alte und doch ewig neue Spiel: Fast alle Entdeckungen von einiger Bedeutung sind schon früher einmal in ihrem vollen Umfang gemacht, geahnt, oder die Vorarbeiten dazu sind ausgeführt, aber man hat ihre Tragweite nicht begriffen, oder eine mangelhafte Technik oder sonstige widrige Umstände stellen sich ihrer Einführung und praktischen Anwendung hindernd in den Weg. Sie gerieten dann vollständig in Vergessenheit und blieben in den Archiven, die über sie berichteten, begraben. Das letztere ist Corning passiert, der zweifellos die Vorarbeiten für die Rückenmarksanästhesie ausgeführt hat." Kein Ende des Prioritätsstreits
Ironisierend rät deshalb Bier den Gelehrten der Chirurgischen Klinik der Charité, ihren historischen Forschungstrieb nicht auf den kleinen August Bier aus Bonn zu erschöpfen, sondern die Medizin von Grund auf zu revolutionieren und zu reformieren, indem sie all jenen, deren Entdeckungen auf Vorleistungen anderer basieren, die Priorität aberkennen.
Jedoch war auch mit diesen grundsätzlichen Darlegungen Biers der Prioritätsstreit noch nicht zu Ende. Hildebrandt (13) meldete sich 1906 erneut mit einer gleichfalls "Zur Geschichte der Lumbalanästhesie" überschriebenen Arbeit in der Berliner Klinischen Wochenschrift zu Wort. Hierbei verbat er sich jegliche Belehrungen, nach welcher Richtung die historischen Studien anzustellen seien, und äußerte sich schließlich unversöhnlich: ". . . so lasse ich mir denn durch Biers Machtwort das Recht der freien Meinungsäußerung nicht nehmen und werde auch fernerhin die Lumbalanästhesie nach ihrem Autor Corning’sche Methode nennen." Doch Bier ließ sich auf diese Weise nicht aus dem Felde schlagen. Trotz der Attacken aus Kreisen der chirurgischen Assistenten der Charité zur Prioritätsfrage bei der Lumbalanästhesie erhielt er den Ruf an die Berliner Fakultät und übernahm mit dem Sommersemester 1907 die berühmte Klinik in der Ziegelstraße. Mit seinem Amtsantritt kündigte er als neuer Direktor Assistenten seiner Klinik, darunter auch dem erwähnten Philipp Bockenheimer, einem erklärten Gegner des Bierschen Prioritätsanspruches. Dieses Vorgehen des "Neuen Herren" wurde in einigen Berliner Zeitungen als "eine Kränkung der Berliner Ärzteschaft" kritisiert (14).
Für Hildebrandt, der nicht in den Zuständigkeitsbereich des neuen Direktors Bier fiel, sondern unter Otto Hildebrand (1858 bis 1927) arbeitete, vollzog sich die weitere Entwicklung etwas anders: Nachdem er 1908 offiziell von seinem Dienst beurlaubt worden war, bewarb er sich 1911 um die Chefarztstelle im Krankenhaus Eberswalde (Auguste Victoria-Heim), etwa 40 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegen. Um die Besetzung dieser Chefarztstelle kam es dann zu einem massiven Streit zwischen Hildebrandt und dem Verein der Ärzte Oberbarnims, da die Chefarztstelle durch die zuständige ärztliche Standesorganisation gesperrt worden war (15).
Hildebrandt wurde aus dem 11. Berliner Ärzteverein wegen "inkollegialen und standesunwürdigen Verhaltens" ausgeschlossen. Ungeachtet solcher Querelen wurde Hildebrandt dann 1913 zum Chefarzt des Auguste VictoriaHeims gewählt. Aus der Eberswalder Zeit von Hildebrandt gibt es ein aussagekräftiges Zeitzeugnis zu seiner Persönlichkeit. 1928/29 arbeitete hier in der von Hildebrandt unabhängigen II. chirurgischen Abteilung unter Sanitätsrat Richard Schneider (1869 bis 1962)
der spätere Nobelpreisträger Werner Forßmann (1904 bis 1979) und führte dort seine ersten Selbstversuche zur Katheterisierung des rechten Herzens durch. Werner Forßmann beschreibt in seiner Autobiographie (16) Hildebrandts Verhalten in der Klinik als rücksichtslos-egoistisch. Das Verhalten Hildebrandts gegenüber Bier bezeichnet Forßmann als "unverträglich" mit dem Versuch, die unbestreitbare Priorität Biers für die Lumbalanästhesie für sich in Anspruch zu nehmen.
Biers weiterer Weg vollzog sich in anderen Bahnen. Nachdem er 1907 die Klinik in der Ziegelstraße übernommen hatte, vermehrte er im folgenden Vierteljahrhundert nicht nur den Weltruhm dieser Klinik, sondern prägte mit seinen neuen Anschauungen auch wesentlich die Chirurgie seiner Zeit. Trotz seiner
umfangreichen chirurgischen Klinikarbeit und seiner vielfältigen wissenschaftlichen Interessen arbeitete Bier bis in die letzten Tage seiner Amtszeit auch an der Weiterentwicklung der Lumbalanästhesie.
Epilog
Die Frage nach der Priorität der Lumbalanästhesie hat die medizinhistorische Literatur beantwortet. Von
der anästhesiologischen Geschichtsschreibung (21) wird der Amerikaner Corning als derjenige gewertet, der die experimentellen und theoretischen Voraussetzungen für die Lumbalanästhesie schuf, jedoch nicht den Sprung zur Anwendung dieses Verfahrens in der Klinik schaffte. August Bier - und unabhängig von ihm Théodore Tuffier - gebührt das Verdienst, die Lumbalanästhesie als klinisch einsetzbares Verfahren etabliert und erfolgreich an Patienten erprobt zu haben.
Wo liegen die Ursachen und Motive für diesen langdauernden ungewöhnlichen Prioritätsstreit, was könnten Schlußfolgerungen sein? Bei August Hildebrandt dürften persönliche Motive eine wichtige Rolle gespielt haben. Hierzu gehört wahrscheinlich die Unzufriedenheit über die Nichtberücksichtigung als Mitautor in der entscheidenden ersten Arbeit von Bier. Möglicherweise hatte Hildebrandt auch die Hoffnung, durch seine Angriffe Bier die Priorität wegzunehmen. Was die anderen Berliner Opponenten Biers zu ihren Angriffen auf Bier bewog, kann nur vermutet werden: vielleicht der gemeinsame Wunsch, dem "neuerungssüchtigen und zu biologisch denkenden Bier" auf diese Weise den Weg an die Berliner Fakultät zu verbauen. Schon bei seiner Berufung nach Bonn war Bier als Kandidat durchaus nicht unumstritten. Insbesondere einige ältere Kollegen befürchteten, daß Biers stark biologisch orientierte Ideen eines Tages das Messer in der Chirurgie überflüssig machen könnten (7). Offensichtlich gab es zwischen den Akteuren dieses Prioritätsstreites auch noch andere unterschiedliche Positionen zu grundsätzlichen Fragen der medizinischen Forschung. Das betraf das Problem, ob ein "Neuentdecker" einer schon einmal gemachten Erfindung, die dann in Vergessenheit geriet, das Recht hat, sich als Entdecker zu bezeichnen. Damit eng verbunden war die von Bier engagiert vertretene Auffassung über den selbständigen Wert einer klinischen Anwendungsforschung. Die medizinische Geschichtsschreibung hat diesen Streit für das konkrete Problem Lumbalanästhesie zugunsten Biers entschieden. Da auch heute durchaus unterschiedliche Positionen zu der Frage existieren, ob es sich lohnt, im abgehefteten, verstaubten Weltwissen zu suchen, um darin schlummernde Entdeckungen einer Verwertung zuzuführen, hat die damalige Diskussion zwischen Bier und seinen Opponenten nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Literatur beim Verfasser
Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peter Oehme
Forschungsinstitut für
Molekulare Pharmakologie
im Forschungsverbund Berlin e.V.
Alfred-Kowalke-Straße 4
10315 Berlin

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