ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Beschneidung: Klare Einigung noch nicht in Sicht
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Die Frage nach dem Kindeswohl beschäftigt seit eh und je die Gesellschaften. Wie wird aber das Kindeswohl definiert? Es ist außer Zweifel, dass ein Maximum des Kindeswohls dann zu erzielen ist, wenn ein Kind in seinem familiären Gefüge als volles Mitglied integriert und akzeptiert ist. Und integriert zu sein bedeutet auch in einer moslemischen oder jüdischen Familie, als Junge beschnitten zu sein. Versuche im Namen des Kindeswohls einen Keil zwischen Kind und religiöse Überzeugungen seiner Familie zu schieben, kann künftig viele familiäre-soziale Konflikte herbeibeschwören! . . .

Die Beschneidung von Jungen darf auf keinen Fall mit einer Beschneidung von Frauen, die als ein verbrecherisches und verstümmelndes Ritual in manchen Teilen der Welt leider noch praktiziert wird, verwechselt beziehungsweise gleichgesetzt werden. Historisch betrachtet hat die Beschneidung als effektive Hygienemaßnahme vor vielen Tausenden von Jahren den Weg in monotheistische Religionen wie Judentum und später auch in den Islam gefunden. Auch bei den Urchristen soll sie praktiziert worden sein.

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Und wie ist das bitte schön mit dem Ohrlochstechen bei kleinen Mädchen? Ein Eingriff, der aus ästhetischen Gründen erfolgt und vielleicht in späteren Jahren, da offen sichtbar, auch ein Manko werden kann?

Wo ziehen wir die Grenze der Unversehrtheit des kindlichen Körpers, und wie ich meine, auch die Grenzen der Unversehrtheit der kindlichen Seele?

Gerade Kinder- und Jugendärzte wissen sehr gut, wie schwierig es ist, pubertierende Jugendliche um das 14. Lebensjahr in eine Arztpraxis zu bekommen, geschweige denn, sie für einen operativen Eingriff aus Glaubensgründen der Familie zu gewinnen! Gerade in solch einer Konstellation sind dann in gläubigen Familien große interfamiliäre Konflikte bis hin zum Zerreißen der Familie vorprogrammiert. Leute, die keine religiösen Empfindungen haben, können diese Tragweite gar nicht ahnen. Wäre dies im Sinne des Kindeswohls und seiner Unversehrtheit? Wer langfristig das Kindeswohl auch im soziofamiliären Kontext im Auge hat, kann sich deshalb nicht vehement gegen eine Beschneidung der Jungen positionieren. Der Gesetzgeber versucht nun in dieser Frage Eltern nicht zu entmündigen und eine religiös begründete Beschneidung von Jungen unter Berücksichtigung der hygienisch-medizinischen Regeln auch im Dienste des Kindeswohls zu genehmigen. Dies ist zu begrüßen . . .

Dr. Seyed-Hassan Hosseini,
33758 Schloß Holte-Stukenbrock

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