ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Säuglingsernährung und Gesundheitsökonomie: Stillunterstützung hilft sparen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Säuglingsernährung und Gesundheitsökonomie: Stillunterstützung hilft sparen

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-609 / B-541 / C-541

Reich-Schottky, Utta

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Utta Reich-Schottky, Stillberaterin Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen
Utta Reich-Schottky, Still­beraterin Arbeits­gemein­schaft freier Still­gruppen

Ob Mütter ihre Babys stillen oder nicht, wird oft als rein private Entscheidung gesehen. Dass Mitarbeiter und Strukturen im Gesundheitssystem maßgeblichen Anteil daran haben, ob es Müttern gelingt, erfolgreich zu stillen, gerät weniger ins Blickfeld. Noch weniger wird die Frage nach ökonomischen Auswirkungen der Säuglingsernährung für das Gesundheitssystem gestellt. Schließlich kaufen Eltern die Nahrung selbst, das kostet die Kassen nichts.

Allerdings ist das nicht die ganze Geschichte. Viele Studien, auch aus Industrieländern, zeigen, dass Nichtstillen und vorzeitiges Abstillen mit zum Teil erheblichen zusätzlichen Erkrankungsrisiken bei Kindern und Müttern verbunden sind. Diese Untersuchungen wurden nun durch eine umfassende Studie aus Großbritannien von Renfrew et al.* bestätigt und ergänzt.

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Die Autoren der Studie gehen von aktuellen Stilldaten für Großbritannien aus und berechnen, wie sich eine moderate, erreichbare Erhöhung der Stillraten zu verschiedenen Zeitpunkten auf die Kosten im Gesundheitssystem auswirken würde. Für gastrointestinale Erkrankungen, Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündung und nekrotisierende Enterokolitis bei Säuglingen und für Brustkrebs bei Müttern lag eine so gute Evidenz vor, dass sie konkrete Kostenschätzungen vornehmen konnten. Ihr Ergebnis: Eine moderate Erhöhung der Stillraten würde bei den genannten Erkrankungen bei Säuglingen zu Einsparungen von etwa 33 Millionen Euro jährlich führen. Bei Brustkrebs wären dies für die jährliche Kohorte der Erstgebärenden knapp 51 Millionen Euro, unter Berücksichtigung der zusätzlichen QALYs, „quality adjusted life years“.

Solche Einsparungen sind nur erzielbar, wenn Mütter im Gesundheitssystem beim Stillen besser unterstützt werden. Dies erfordert Investitionen, vor allem in Personalschulungen im klinischen und ambulanten Bereich sowie Änderungen in Kran­ken­haus­struk­tu­ren im Sinne der von WHO und UNICEF entwickelten Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ (www.babyfreundlich.org). Für Großbritannien konnten Renfrew et al. zeigen, dass diese Investitionen sich innerhalb weniger Jahre, möglicherweise sogar innerhalb eines Jahres, auszahlen.

Auch hierzulande ist man weit von der WHO-Stillempfehlung entfernt, sechs Monate ausschließlich zu stillen und anschließend neben geeigneter Beikost weiter zu stillen. Wirksame Stillfördermaßnahmen sind auch in Deutschland nötig und dürften ebenfalls zu ganz erheblichen Einsparungen führen, bei im Vergleich dazu geringen Kosten.

Neben diesen rein ökonomischen Betrachtungen betonen Renfrew et al. auch soziale Aspekte: „Förderung des Stillens, Schutz der Familie und der Mitarbeiter im Gesundheitssystem vor Werbung für Muttermilchersatzprodukte, und Unterstützung der Frauen beim Stillen gehören zu den wirksamsten Strategien für die ersten Jahre zur Verbesserung der Gesundheit und den Abbau von Ungleichheiten.“ Dies gilt für Deutschland genauso wie für Großbritannien.

* www.unicef.org.uk/Documents/Baby_Friendly/Research/Preventing_disease_saving_resources.pdf

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