ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Jürgen Thorwald: Der Jahrhundert-Schreiber

KULTUR

Jürgen Thorwald: Der Jahrhundert-Schreiber

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-626

Jachertz, Norbert

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Mit seinen Bestsellern „Das Jahrhundert der Chirurgen“ (1956) und „Das Weltreich der Chirurgen“ (1957) malte Jürgen Thorwald (1915–2006) kräftig am Bild des Halbgottes in Weiß. Dieses ist inzwischen verblasst. Auch dazu hat Thorwald beigetragen, als er das Denkmal Ferdinand Sauerbruch vom Sockel stieß („Die Entlassung“, 1960). Die Sauerbruch-Geschichte beschreibt der Medizinhistoriker Udo Schagen in einem Thorwald gewidmeten Band der Zeitschrift Non Fiktion. Er geht auch auf das Versagen der kollegialen und öffentlichen Kontrolle im Fall des erkrankten, zur Selbstkontrolle nicht mehr fähigen Chirurgen ein.

Von der Medizin konnte Thorwald Zeit seines Lebens nicht lassen, in späteren Jahren schwankend zwischen Bewunderung und Skepsis, zwischen den scharfsinnigen Forensikern und Toxikologen im „Jahrhundert der Detektive“ und den kühnen, aber zwiespältig gesehenen Gehirnchirurgen („Im zerbrechlichen Haus der Seele“, 1986). Zum geplanten „Jahrhundert der Gynäkologie“ kam es trotz Drängen des Verlegers, der ein Bombengeschäft witterte, nicht (die Verlagsbeziehungen des Autors sind ein amüsantes Kapitel für sich). Thorwald zog es vor, eine Geschichte der Juden in Amerika zu schreiben. Eine Wiedergutmachung?

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Angefangen hatte Heinz Bongartz aus Solingen, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Jürgen Thorwald umbenannte, als Militärschriftsteller in NS-Blättern und als Propagandist in spezieller Mission für Luftwaffe und Marine. Hier traf er unter anderem auf Henri Nannen, in dessen „stern“ er später publizieren durfte und der ihm auch bei der Organisation Gehlen oder dem Bundesnachrichtendienst wieder begegnete. Die Nachrichtler waren auf Thorwald aufmerksam geworden, weil er so fesselnd und in ihrem Sinne über Flucht und Vertreibung geschrieben hatte, und sie fütterten ihn mit Stoff über eine neue Story („Rotarmisten gegen Stalin“). Doch da liegt noch einiges im „Nebel“ (so Nannens Deckname beim BND), wie der Geheimdienstspezialist Erich Schmidt-Eenboom vermerkt.

Zu Thorwalds Mystifizierung nach dem Krieg gehört, er habe in Köln Medizin studiert. Dafür gibt es keine Belege, wohl aber für ein bruchstückhaftes Studium der Germanistik und Geschichte (Janine Katins). Die medizinischen Kenntnisse hat sich Thorwald offenbar selbst erarbeitet. Er war bekannt für seine ausufernden Recherchen, seine „pathologische Neigung zur Vollständigkeit“ (Thorwald über sich selbst). Das Ergebnis beeindruckte selbst die Fachleute. So gestand der Chirurg Rudolf Nissen nach der Lektüre der „Chirurgen“, „dass ich in den letzten zehn Jahren kein Buch gelesen habe, das mich so gefesselt hat“. Der Gynäkologe Felix von Mikulicz-Radecki empfahl: Das Buch „sollte nicht nur von Laien, sondern auch von Medizinstudenten und jungen Ärzten gelesen werden, damit deren Respekt steigt vor der Arbeit der alten Chirurgengeneration“.

Thorwald gelingt es, jene alte Chirurgengeneration seinen Lesern mit einem Trick nahezubringen: Er lässt einen fiktiven Großvater auftreten, einen Chirurgen, der in aller Welt herumreiste und bei jeglichen wichtigen Neuerungen als Zaungast dabei war. Der Autor gibt angeblich nur wieder, was Opa erzählt hat. Dank des begnadeten Geschichtenerzählers vermeint der Leser, aus erster Hand informiert zu werden, ja fast selbst Augenzeuge gewesen zu sein. Norbert Jachertz

David Oels (Hrsg.): Jürgen Thorwald. Aus der Reihe: Non Fiktion. Heft 1/2–2011. Wehrhahn, Hannover 2011, 282 Seiten, kartoniert, 29,50 Euro

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