ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Medikation bei Kindern: Mehr Sicherheit für Ärzte und Eltern

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Medikation bei Kindern: Mehr Sicherheit für Ärzte und Eltern

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-620 / B-551 / C-551

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Wissensplattform Netdosis stellt qualitätsgesicherte Behandlungsempfehlungen zur Medikation von Kindern bereit. Sie umfasst insbesondere auch Dosierinformationen und die Anwendung außerhalb der Zulassung.

Nur zehn Prozent der in Deutschland zugelassenen Arzneimittel sind auch für Kinder zugelassen, der offlabel use ist daher weit verbreitet.
Nur zehn Prozent der in Deutschland zugelassenen Arzneimittel sind auch für Kinder zugelassen, der offlabel use ist daher weit verbreitet.

Von 88 000 zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland sind nur etwa zehn Prozent auch für Kinder zugelassen. Klinische Zulassungsstudien sind teuer und lohnen sich aufgrund des geringen Marktanteils nicht für die Pharmaindustrie. Vor diesem Hintergrund ist in der Kinder- und Jugendmedizin vor allem im Klinikumfeld die Anwendung von Arzneimitteln außerhalb des Zulassungsbereichs (off-label use) weit verbreitet: Kinder erhalten individuell zubereitete Dosierungen der Erwachsenenmedizin.

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Doch Kinder haben einen anderen Stoffwechsel als Erwachsene. Die angemessene Dosierung eines Arzneimittels variiert mit dem Alter und Entwicklungsgrad des Kindes. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit einer unerwünschten Nebenwirkung ist bei Off-label-Einsatz größer. Experten schätzen, dass es hierbei in bis zu vier Prozent der Fälle zu Nebenwirkungen kommt. Eine verlässliche Datenbasis steht Ärzten jedoch bislang nicht zur Verfügung. In schwierigen Fällen müssen sie viele Studien durchforsten, sich auf ihre Erfahrungen verlassen oder Kollegen um Rat fragen. Das ist nicht nur aufwendig, sondern entspricht auch nicht den Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Therapie.

Die Internetplattform Netdosis (www.netdosis.de) will Ärzten und Eltern mehr Sicherheit bei der Verabreichung von Arzneimitteln an Kinder geben und Arzneimittelrisiken verringern. Das aus einem Projekt an der Universität Erlangen hervorgegangene Start-up-Unternehmen hat dazu eine internetbasierte Wissensplattform entwickelt, die es ermöglicht, Erfahrungswissen aus der medizinischen Praxis mit publizierten Veröffentlichungen aus der Forschung zu verbinden und dem Nutzer qualitätsgesicherte Informationen zur medikamentösen Therapie zur Verfügung zu stellen. Der Arzt kann dabei seine eigenen Dosiererfahrungen durch die Erfahrungen der „Community“ ergänzen. Alle Informationen stehen zudem zeitnah aktualisiert zur Verfügung.

Die Wirkstoff-Dosierinformationen werden sukzessive gemeinsam mit Kliniken und niedergelassenen Ärzten erstellt. Primärquellen sind unter anderem das Handbuch der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie, die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, das British National Formulary for Children und das Lexicomp aus den USA.

Strukturierte Dosisdaten

Netdosis hat hierzu ein Redaktionssystem zur computerlesbaren Erfassung von Medikationsdaten entwickelt. Für die Abbildung der Dosierinformationen in einer speziell dafür entwickelten Datenstruktur stand die Kinder- und Jugendklinik Erlangen beratend zur Seite, berichtete Christoph Wille, einer der Gründer der Mitte 2012 gegründeten Netdosis AG. „Die strukturierte Aufbereitung der Dosisdaten ermöglicht eine automatisierte Wirkstoff-Dosisberechnung und trägt damit zur Sicherheit der Medikation bei“, erläuterte Wille. Die Daten sollen zusätzlich auf mobilen Geräten wie Smartphones und Tablet-PCs verfügbar gemacht werden. Der Nutzer kann dann per App auch offline auf die Datenbank zugreifen.

Breite Beteiligung erwünscht

Für die Nutzung der Datenbank, die ausschließlich Fachkreisen vorbehalten ist, muss man sich über DocCheck anmelden. Registrierte Nutzer erhalten Zugang zur Wirkstoff-Datenbank einschließlich Off-label-Dosierinformationen, können an Diskussionen teilnehmen und auf neue Funktionen zugreifen. Für den weiteren Ausbau der Datenbank ist dabei eine möglichst breite Beteiligung der Ärzte-Community wichtig. Das Interesse scheint groß zu sein: Immerhin haben sich bei dem studentischen Vorgängerportal von Netdosis mehr als 800 Ärzte registriert. Im Beta-Betrieb sind derzeit alle Funktionen kostenfrei nutzbar. Geplant ist, neben einer kostenfreien Version für die Ärzte per Internet künftig auch Premiumdienste, wie die Integration in Kliniksysteme, kostenpflichtig anzubieten.

Im offenen Bereich wendet sich die Website darüber hinaus an Eltern von Kindern, die in medizinischer Behandlung sind. Sie finden dort Informationen zu zugelassenen Arzneimitteln und zu den allgemeinen Rahmenbedingungen der Medikation bei Kindern sowie Berichte zu aktuellen Entwicklungen.

Heike E. Krüger-Brand

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Avatar #549023
mhmaurer
am Sonntag, 1. September 2013, 22:13

Leider nur zu kurz verfügbar?

Am 30.8.2013 erreicht mich eine Email (s. u.) von Netdosis mit der Mitteilung, dass Netdosis am 6.9. eingestellt werde -- eine Überraschung und auch Enttäuschung. Ich hatte mehrfach Kontakt mit den Netdosis-Mitarbeitern bzgl. des wissenschaftlichen Beirats, leider kam nichts mehr zustande.

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Netdosis wird eingestellt.
Für viele Anwender wird diese Nachricht überraschend sein. Schließlich verwenden Sie Netdosis schon seit über einem Jahr, seit dem Start im Juli 2012. Doch wer die aktuelle Entwicklung verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass es immer ruhiger auf dem Portal wurde. Der letzte Blogeintrag stammt vom Juni diesen Jahres, die Newsletter für Juli und August fielen aus und seitdem sind auch keine neuen Wirkstoffe dazugekommen.

Netdosis wird am 6. September 2013 abgeschaltet.

Warum? Nun, dies rückt die eigentlichen Macher von Netdosis in den Fokus. Am Ende waren es nur noch zwei Informatiker, die diesen Dienst aufrecht hielten. Die Unterstützung der Fachredaktion wurde zurückgezogen und auch für die zwei Macher ergab sich mit Netdosis keine tragfähige Perspektive. Deswegen haben wir beschlossen, diesen Dienst einzustellen. Wir können ihn selbst nicht weiterentwickeln, weil wir selbst keine Ärzte sind und uns die notwendige medizinische Kompetenz fehlt. Wir möchten unsere Kraft nun anderen Aufgaben zuwenden. Wir bedanken uns bei allen Unterstützern und bei der Universität Erlangen, die uns bei der Entwicklung von Netdosis tatkräftig unterstützt hat!

Wie geht es weiter? Netdosis wird am 6. September 2013 abgeschaltet und einem Dritten übergeben, der Netdosis für Klinikkunden weiterentwickeln möchte. Dies wird ein nicht-öffentliches Portal sein. Wenn Sie Interesse haben, mit diesem Unternehmen in Kontakt zu treten, melden Sie sich bei uns.

Ihre mobile App wird so lange weiter funktionieren, wie sie kein Update der Daten machen. Bitte beachten Sie auch fortan die geänderte Email-Adresse: info@netdosis-ag.de.

Ihr Netdosis Team
Avatar #12205
bozorg
am Donnerstag, 4. April 2013, 15:24

Patientensicherheit

Sehr interessant! Glückwunsch für diese Initiative. In die Richtung der Patientensicherheit, besonders bei Kindern richten sich ja auch die Konzepte von Dr. James Broselow aus den USA, mittlerweile alle in Deutschland schon eingeführt. Angefangen mit dem berühmtem Broselow - Band: z.B. www.pediatape.com bis zu den dazu passenden Lösungen der Technologie, mit genauen Dosierungen, sowohl in mg wie auch in ml mit einer Datenbank von schon über 1000 Medikamenten! Das App dazu ist aktuell Gratis zu haben, für iPhone/iPad auf https://itunes.apple.com/de/app/safedosepro/id436443689?mt=8 und für Android auf https://play.google.com/store/apps/details?id=com.ebroselow.safedoseandroidfree . Sehr interessant auch das dazu passende online Artemis - Konzept für Krankenhäuser, Rettungsdienst, Praxen. Eine Gratis - Version für die Notfalltherapie kann auf http://www2.pediatape.com/php/main/default.php?puser=germanfree&ppwd=free123 verwendet werden. Die Version mit der kompletten Datenbank ist auch sehr günstig zu haben. Eine Zusammenarbeit mit Netdosis wäre sicher interessant.

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