ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Votum für den neuen Versorgungsbereich

POLITIK

Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Votum für den neuen Versorgungsbereich

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-598 / B-531 / C-531

Gerst, Thomas

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Mit der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung soll es nach dem Willen des Gesetzgebers künftig über die Sektoren hinweg eine bessere Versorgung geben.

Auch im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) kommt es vor, dass Entscheidungen einstimmig und ohne kontroverse Diskussion getroffen werden. So etwa beim Tagesordnungspunkt 8.4.5 der Sitzung am 21. März. „Wer dafür ist, dass Dragees künftig überzogene Tabletten heißen, der stimme jetzt zu“, forderte Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des G-BA, die Vertreter der Bänke auf. Widerspruch erntete er keinen, und so kann in der Anlage VII der Arzneimittelrichtlinie des G-BA die redaktionelle Anpassung an den „Standard Term“ der Europäischen Arzneibuchkommission erfolgen.

Einzelfragen umstritten

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Nicht ganz so harmonisch verlief die Beschlussfassung über die Richtlinie zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV). Dieser neue sektorenübergreifende Versorgungsbereich soll einheitliche Rahmenbedingungen für Krankenhäuser und Vertragsärzte bei der Behandlung „schwerer Verlaufsformen von Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen“ und seltener Erkrankungen schaffen. Ein Einvernehmen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung, Deutscher Krankengesellschaft (DKG), GKV-Spitzenverband und Patientenvertretern über personelle Anforderungen und weitere wichtige Voraussetzungen in diesem neuen Versorgungsbereich war in intensiven Beratungen im G-BA-Unterausschuss Qualitätssicherung erzielt worden (siehe DÄ-Interview mit Dr. med. Regina Klakow-Franck, Heft 11/2013). Abschließend musste im G-BA-Plenum noch über einige offen gebliebene Fragen abgestimmt werden.

Umstritten bis zuletzt war etwa die Frage der Mindestmengen bei der Behandlung von Erkrankungen in der ASV. Die Krankenkassen plädierten für einheitliche Vorgaben über den ganzen neuen Versorgungsbereich hinweg, konnten sich aber nicht durchsetzen. Nach den Erfahrungen mit der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zu Mindestmengen favorisierte Hecken möglichst evidenzbasierte Richtwerte für jede einzelne Erkrankung. Dies werde eine erhebliche Verzögerung bei der Ausgestaltung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung nach sich ziehen, befürchtet Dr. Wulf-Dietrich Leber vom GKV-Spitzenverband.

Auch bei der DKG war in Einzelfragen ein leises Grollen zu vernehmen, etwa als sie mit dem Anliegen scheiterte, den Gültigkeitszeitraum einer Überweisung in die ASV möglichst weit zu fassen. DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum kritisierte es als verfehlt, die Patienten in eine permanente Rückkoppelung mit dem überweisenden Arzt zu schicken. Es stehe zu befürchten, sagte Baum, dass etwas, „was ursprünglich mit der Hoffnung für mehr Freiheit für die Patienten auf den Weg gebracht wurde, sich als das Gegenteil erweist“. Es sei, sekundierte ihm DKG-Geschäftsführerin Dr. Nicole Schlottmann, inzwischen ein Bürokratiegrad erreicht, der in der Praxis gar nicht mehr zu bewältigen sei. Unterschiedliche Vorstellungen gab es auch bei der Frage, inwieweit im Krankenhaus über den begrenzten Erkrankungsfall in der ASV hinaus ein damit nicht direkt zusammenhängendes Behandlungsgeschehen statthaft sei. Man könne zufrieden damit sein, meinte Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im G-BA, abschließend, über die Sektoren hinweg einen ganz neuen Versorgungsbereich geschaffen zu haben, in dem niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte zusammenwirkten. „Auf Basis der heute beschlossenen allgemeinen Regelungen werden wir nun Zug um Zug die diagnosespezifischen Anlagen überarbeiten und so die neue Richtlinie so bald wie möglich mit Leben füllen.“

Bei den schweren Erkrankungen werde man sich zunächst dem Behandlungsgeschehen bei gastrointestinalen Tumoren/Tumoren der Bauchhöhle, gynäkologischen Tumoren, rheumatologischen Erkrankungen und der Herzinsuffizienz zuwenden, bei den seltenen Erkrankungen solle die Priorität bei Tuberkulose, Marfan-Syndrom, pulmonale Hypertonie, Mukoviszidose und primär sklerosierender Cholangitis liegen. Klakow-Franck ist zuversichtlich, bis zum Jahresbeginn 2014 die ersten Konkretisierungen in der ASV auf den Weg bringen zu können.

Thomas Gerst

Weitere Entscheidungen

  • Antikörperbeschichtete Stents (AK-Stents): Diese sind künftig zur Behandlung von Stenosen bei denjenigen Patienten von der GKV-Versorgung ausgeschlossen, die ein erhöhtes Risiko einer Restenose haben und für die die Anwendung eines medikamentenbeschichteten Stents in Betracht kommt. Begründet wurde dies mit einem bei dieser Patientengruppe deutlich höheren Schadenspotenzial beim Einsatz von AK-Stents.
  • ADHS bei Erwachsenen: Es werden wissenschaftliche Kriterien vorgegeben, nach denen ADHS im Erwachsenenalter festgestellt werden kann. Festgelegt wird, welche Fachärzte zur Behandlung befugt sind und methylphenidathaltige Medikamente verordnen dürfen.
  • Acetylsalicylsäure, derzeit bereits als Thrombozytenaggregationshemmer in der Nachsorge von Herzinfarkt und Schlaganfall sowie nach arteriellen Eingriffen in der GKV verordnungsfähig, darf künftig auch in der Sekundärprävention bei koronarer Herzkrankheit verordnet werden.

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