ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Interview mit Dr. med. Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg: „Keine Kritikerrunde des KV-Systems“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg: „Keine Kritikerrunde des KV-Systems“

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-596 / B-532 / C-532

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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„Für Verbundlösungen in der Weiterbildung brauchen wir Modelle, wie wir das finanzieren können.“ Foto: Georg J. Lopata
„Für Verbundlösungen in der Weiterbildung brauchen wir Modelle, wie wir das finanzieren können.“ Foto: Georg J. Lopata

Der Vorsitzende des Ausschusses Ambulante Versorgung der Bundes­ärzte­kammer über ausbildungswillige Vertragsärzte, ausreichendes Honorar und eigene Meinungsänderungen

Herr Dr. Clever, Sie haben vor kurzem den Vorsitz des Ausschusses Ambulante Versorgung der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) übernommen. Wozu braucht man diesen?

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Clever: Der Ausschuss soll mit seiner Arbeit in erster Linie den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer beraten und die Verbindung zur Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) herstellen. Wir wollen aber keine KV-Politik innerhalb der Bundes­ärzte­kammer machen oder gar Kritikerrunde des KV-System sein.

Derzeit wird viel und kontrovers über die Möglichkeit diskutiert, Teile der Weiterbildung in die ambulante Versorgung zu legen. Auch im Ausschuss?

Clever: Ja, den Vorstand hierzu zu beraten, ist derzeit eine unserer wichtigsten Aufgaben. Das Thema hat viele Facetten. Eine davon betrifft die Probleme der Finanzierung. Im Krankenhaus wird die Arbeitskraft der Assistenten benötigt, die Weiterbildung wird aber nicht gesondert finanziert. Schon lange wird diskutiert, ob das so bleiben kann.

Für die Weiterbildung in Allgemeinmedizin gibt es bereits ein Förderprogramm, auch um die ambulanten Anteile zu finanzieren. Ein Vorbild für andere Fächer?

Clever: Bei dieser Förderung der Weiterbildung erkennt man auch die Probleme, die es mit einer separaten Finanzierung gibt. Die Krankenkassen tragen die Förderung finanziell mit und wollen nun natürlich auch die Ergebnisse der Evaluation sehen. Das darf aber auf keinen Fall dazu führen, dass die Kassen Einfluss auf die ärztliche Weiterbildung nehmen. Das lehnen wir strikt ab. Und dass die KVen die Förderung der Allgemeinmedizin aus dem Gesamthonorar finanzieren, hat zu Unwillen bei manchen Fachärzten geführt.

Wie könnte es dann gelingen, die Weiterbildung im gesamten ambulanten Bereich zu fördern?

Clever: Ich zum Beispiel hätte Spaß daran, mehr weiterzubilden. Aber da man auch seinen Umsatz nur sehr begrenzt steigern kann, wenn man einen Weiterbildungsassistenten anstellt, läuft es zurzeit darauf hinaus, dass dann Einkommen und Freizeit reduziert werden. Wir müssen also unbedingt die Finanzierungsfrage lösen.

Und wie?

Clever: Dazu gibt es im Ausschuss die verschiedensten Überlegungen: Ist die ärztliche Weiterbildung nur eine innerärztliche Aufgabe? Oder ist sie ein Stück weit im Interesse der Gesellschaft und verdient sie deshalb Steuerzuschüsse? Eine Möglichkeit, die der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen vor Jahren bereits formuliert hat, ist, Gelder für die Weiterbildung aus dem Gesundheitsfonds zu nehmen.

Viele Facharztgruppen argumentieren, dass es Probleme gibt, wenn der Nachwuchs weiterhin nur im stationären Bereich weitergebildet wird.

Clever: Der Druck, daran etwas zu ändern, wächst. In vielen Fachgebieten können die Kliniken nicht mehr die gesamte Breite des Fachs abbilden, weil viele Eingriffe und Behandlungen nur noch ambulant vorgenommen werden. Deshalb wird diskutiert, Teile der Weiterbildung verpflichtend in den ambulanten Bereich zu legen. Und dann gibt es, quasi auch als Reaktion darauf, den Vorschlag, die Krankenhäuser für diesen Bereich zu öffnen. Das wäre natürlich äußerst problematisch . . .

. . . weil das die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte nicht akzeptieren würden.

Clever: Ja. Deshalb ist unser Ausschuss wichtig, deshalb muss er gemeinsam mit den Krankenhaus- und den Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer akzeptable Lösungen finden. Unsere Ideen gehen in die Richtung, die Verbundweiterbildung zu forcieren. Sie ermöglicht durch Kooperation von Kliniken und niedergelassenen Ärzten eine kontinuierliche Weiterbildung. Für viele Ärzte wäre es auch weniger aufwendig, wenn sie künftig nur einen Arbeitgeber hätten statt mehrerer.

Sie schlagen also vor, dass man in Zukunft im Idealfall einen Arbeitsvertrag mit einem Krankenhausträger schließt, aber einen Teil seiner Weiterbildung in kooperierenden Praxen absolviert?

Clever: Genau. Für solche Verbundlösungen brauchen wir aber Modelle, wie wir das finanzieren und wie der Geldfluss zwischen beteiligten Krankenhäusern, Arztpraxen oder auch Medizinischen Versorgungszentren funktionieren kann. Erst dann können wir damit anfangen. Der Deutsche Ärztetag hat deshalb im letzten Jahr beschlossen, dass die Möglichkeiten der ambulanten Weiterbildung zum Beispiel durch eine angemessene Vergütung verbessert werden sollen. Es soll aber auch künftig keinen verpflichtenden Weiterbildungsabschnitt im ambulanten Bereich geben. Diesen Beschluss halte ich für richtig.

Ist noch Zeit, solche Weiterbildungsverbünde zu entwickeln? Oder werden sich ambulanter und stationärer Sektor bald Konkurrenz um den Nachwuchs machen und nur ungern in der Weiterbildung kooperieren?

Clever: Wissen Sie, das Patientenrechtegesetz setzt aus meiner Sicht die Kliniken noch stärker als bisher unter Druck zu bedenken, wie groß der Zeitaufwand für den einzelnen Patienten sein muss, zum Beispiel in Sachen Aufklärung. Viele Kliniken schreiben rote Zahlen. Ob also Universitätskliniken jungen Ärzten auf Dauer mehr bieten können als Kliniken an der Peripherie und diese wiederum mehr als Praxen, wird man sehen. Hinzu kommt: Die Ärztekammern haben künftig noch mehr Möglichkeiten und auch die Verpflichtung, stärker als bisher zu prüfen, ob die Testate über Leistungen in der Weiterbildung zutreffend sind. Auch das setzt Kliniken, aber auch alle anderen Weiterbilder unter Druck.

Welche Themen sind dem Ausschuss noch wichtig?

Clever: Wir verfolgen die Reformen des ambulanten ärztlichen Bereitschaftsdienstes mit Interesse. Die alten Dienstordnungen schrecken viele jungen Ärzte ab. Das KV-System hat das verstanden und Änderungen auf den Weg gebracht, was nicht immer leicht ist.

Was halten Sie von Bereitschaftsdienstpraxen an Kliniken?

Clever: Ehrlich gesagt: Früher, als ich noch KV-Politik gemacht habe, hätte ich sie eher abgelehnt. Aber ich habe meine Meinung geändert. Solche Kooperationen sind sicher ein Erfolgsmodell, vor allem für die nächtliche Versorgung.

Wenn wir nun bei der sektorübergreifenden Versorgung sind: Sehen Sie in der geplanten ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung Chancen, die gemeinsame Sache zu befördern?

Clever: Man wird sehen. Dass es keine Mengenbeschränkungen geben soll, hört sich ja erst einmal gut an. Ich bin allerdings besorgt, dass es Rosinenpickerei geben könnte. Und das ausufernde Regelwerk ist auch ein Problem, ebenso die Honorierungsfragen. Als Gynäkologe verfolge ich vor allem die Entwicklung für den Bereich der onkologischen Erkrankungen. Ich fände es falsch, wenn eines Tages große Teile der Onkologie der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung zugeordnet würden. Ich bin überzeugt, dass das der Versorgung in der Fläche nicht gerecht würde.

Ihr Ausschuss muss sich mit vielen Themen befassen, die konfliktreich sind, weil sie die Probleme zwischen Haus- und Fachärzten oder ambulanter und stationärer Versorgung berühren. Wie gehen Sie damit um?

Clever: Wir versuchen zu vermitteln. Wir analysieren Sachzwänge und suchen nach kollegialen Lösungen. Ich bemühe mich, noch mehr für die Anliegen der Niedergelassenen zu sensibilisieren.

Sie haben früher KV-Politik gemacht, heute sind Sie Kammerpräsident. Was hat die Erfahrung in beiden Institutionen bewirkt?

Clever: Ich poltere nicht mehr gegen eine Seite. Manche KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lungen gehen die Krankenhäuser an. Nur: Vieles dort bestimmen ja gar nicht die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Und deshalb brauchen sie unsere Unterstützung, die der niedergelassenen Kollegen und die unserer Gremien.

Das Interview führten Heike Korzilius und Sabine Rieser.

Zur person

Dr. med. Ulrich Clever (59) hat sich umgesehen – in der Welt und in der Berufspolitik. Studiert hat der gebürtige Kölner Medizin in Freiburg, London und Pittsburgh, zusätzlich kurz Geschichte.

Wenige Jahre nach seiner Niederlassung 1991 als gesprächsorientierter Gynäkologe in Freiburg begann er sein berufspolitisches Engagement als Delegierter der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Südbaden. Kurze Zeit später stieg er zusätzlich in die ehrenamtliche Arbeit für die Bezirksärztekammer Südbaden ein. Seit Februar 2011 ist Clever Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg.

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