ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2013Krebsforschung in Deutschland: Schneller vom Labor zum Patienten

POLITIK

Krebsforschung in Deutschland: Schneller vom Labor zum Patienten

Dtsch Arztebl 2013; 110(13): A-600 / B-534 / C-534

Richter-Kuhlmann, Eva; Rieser, Sabine

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Auf der Suche nach der Ursache: Derzeit sind etwa 50 Krebsmedikamente mit einem kausalen Wirkmechanismus zugelassen. Foto: picture alliance
Auf der Suche nach der Ursache: Derzeit sind etwa 50 Krebs­medikamente mit einem kausalen Wirk­mechanismus zugelassen. Foto: picture alliance

Die deutsche Krebsforschung kann sich sehen lassen. Dennoch hapere es an einigen Stellen, beispielsweise der Translation der Forschungsergebnisse, meinen Experten. Sie formulierten deshalb jetzt ihre Forderungen für die kommenden Jahre.

Einen rascheren Transfer der Ergebnisse der Krebsforschung aus dem Labor in den klinischen Alltag, eine starke Grundlagenforschung, verbesserte Präventions- und Früherkennungsmöglichkeiten sowie eine intensive öffentliche Förderung der Krebsforschung in Deutschland – das alles fordern deutsche Krebsforscher für die nächsten Jahre. Sechs von ihnen waren am 20. März zu einen Fachgespräch des Ausschusses für Bildung und Forschung in den Bundestag geladen.

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„Wir brauchen eine schnellere Translation. Die Durchdringung der Versorgung in Klinik und Praxis von der Wissenschaft muss noch deutlich gesteigert werden“, erklärte Dr. med. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Für die translationale Forschung müssten in der nächsten Legislaturperiode – über das bereits 2012 etablierte Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung hinaus – die Rahmenbedingungen weiter verbessert werden. Nur so könne man einer der größten Herausforderungen, nämlich einer steigenden Zahl von Neuerkrankungen an Krebs pro Jahr, gerecht werden. Die Politik dürfe nicht nur kurzfristig Projekte fördern, sondern müsse sich zu einer nachhaltigen, institutionellen öffentlichen Förderung bekennen, verlangten die Wissenschaftler.

Das Individuum im Fokus

In den letzten Jahrzehnten seien bereits viele Erfolge in der Krebsforschung zu verzeichnen gewesen, erläuterte Prof. Dr. med. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. „Heute wird fast jeder zweite Krebspatient erfolgreich behandelt und von seinem Tumorleiden befreit“, sagte er. Gleichzeitig habe man inzwischen nützliche Erkenntnisse über die Veränderungen des Erbguts bei verschiedenen Krebsformen gewonnen. „Menschliche Krebserkrankungen weisen jedoch eine große Heterogenität auf. Bei individuellen Patienten können sehr unterschiedliche Signalwege betroffen sein.“ Auch die Angriffspunkte für eine erfolgreiche Therapie seien daher sehr unterschiedlich. Die in zunehmender Anzahl verfügbaren wirksamen Behandlungsansätze in der Krebsmedizin müsse man deshalb an den Bedarf des einzelnen Patienten anpassen, sagte Wiestler. Er hofft, durch Analysen des Tumorerbguts künftig auch schwierig zu behandelnde Krebsformen über längere Zeit kontrollieren zu können.

Zudem müssten viel häufiger „intelligente Kombinationen von Behandlungsmethoden“ eingesetzt werden. Aber auch die Risikoerfassung müsse künftig noch verbessert werden, meinte Wiestler. Von den 500 000 Menschen, die in Deutschland jährlich neu an Krebs erkrankten, werde jeder zweite erst erfasst, wenn er bereits heftig erkrankt sei. „Der konsequente Einsatz von Verfahren der Prävention und Früherkennung sind wesentlich“, erklärte der Krebsforscher.

Auf das emotionale Moment bei der Behandlung von Krebserkrankungen wies Dr. med. Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft hin; zugleich Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie. Eine Krebserkrankung löse bei Patienten vor allem Angst vor dem Tod aus. Deshalb seien in der Onkologie Antworten auf die Frage unerlässlich, wie es künftig gelingen könne, dass möglichst viele Menschen mit möglichst hoher Lebensqualität möglichst lange leben könnten. Mehr Prävention sei eine zentrale Antwort, meinte Hübner: „In der Onkologie muss aber auch noch viel mehr als bisher der einzelne Patient im Vordergrund stehen.“

Öffentliche Förderung nötig

Den Ausbau einer starken Grundlagenforschung forderte Prof. Dr. med. Michael Baumann, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. „Wir brauchen eine intensive Grundlagenforschung genauso wie eine starke präklinische und klinische Forschung“, sagte er. „Alle sind gleichrangig und dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden.“ Baumann verwies darauf, dass intensiv über die Erforschung onkologischer Medikamente diskutiert werde, aber: „Die meisten Patienten werden durch Operationen und Strahlentherapie geheilt.“ Forschung in diesen Bereichen werde aber zu wenig gefördert.

Auch die Kooperation zwischen Forschern an Universitäten, außeruniversitären Einrichtungen, Krankenhäusern und Praxen müsse noch verbessert werden, meint Baumann. Gute Ansätze seien die Einrichtung von Comprehensive Cancer Center (CCC) nach US-amerikanischen Vorbild gewesen. Durch sie könnten die Qualität der Krebsmedizin kontinuierlich verbessert und auch die Rate klinischer Studien bei Tumorpatienten gesteigert werden. Künftig solle man daher auch Kooperationen mit städtischen Krankenhäusern und mit onkologischer Schwerpunktpraxen fördern.

Für zuverlässige, unabhängig konzipierte Studien trat vor allem Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig von der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie im Helios-Klinikum Berlin-Buch, zugleich Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, ein. Ludwig bedauerte, dass man bislang beispielsweise zu wenig über die Sicherheit von neuen Krebsmedikamenten wisse. „Wir brauchen unabhängig konzipierte Studien, die wirklich versorgungsrelevant sind, auch prospektive“, forderte der Hämatologe. Bezogen auf onkologische Arzneimittel gebe es keine Innovations-, sondern eine Produktivitätskrise: In den letzten Jahren seien viele neue Medikamente entwickelt worden, die aber nicht gut untersucht seien.

Über die Finanzierbarkeit von Studien ist Ludwig nicht besorgt: „Gute Studien würden sich durch rationalere Therapien selbst tragen.“ Rationierung sei nicht notwendig, aber ein kritischer Blick auf die Kosten schon: „Wir sind als Onkologen nicht nur verantwortlich dafür, was wir tun, sondern auch dafür, was wir nicht tun.“ So seien schätzungsweise 30 Prozent der Kosten für Krebstherapien einsparbar – allein durch die richtige Wahl einer Therapie für den jeweiligen Patienten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Sabine Rieser

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