ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Verzögerungen beim morgendlichen Operationsbeginn

MEDIZIN: Originalarbeit

Verzögerungen beim morgendlichen Operationsbeginn

Analyse von mehr als 20 000 Fällen in 22 deutschen Krankenhäusern

Delays in starting morning operating lists—an analysis of more than 20 000 cases in 22 German hospitals

Dtsch Arztebl Int 2013; 110(14): 237-43; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0237

Schuster, Martin; Pezzella, Marco; Taube, Christian; Bialas, Enno; Diemer, Matthias; Bauer, Martin

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Einleitung: Verzögerungen beim morgendlichen Operations(OP)-Beginn führen häufig zu Konflikten zwischen den am Prozess beteiligten Ärzten und Pflegekräften. Bisher wurden nur Daten zu Verzögerungen beim morgendlichen OP-Beginn aus einzelnen Krankenhäusern publiziert, es fehlten belastbare Vergleichswerte aus einem größeren Kollektiv von Krankenhäusern.

Methoden: Auf Basis der OP-Dokumentation wurden die Prozesse von bis zu vier operativen Disziplinen (Allgemeinchirurgie, Unfall- und orthopädische Chirurgie, Gynäkologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde) in 22 deutschen Krankenhäusern in einem Zeitraum von 9 Monaten analysiert. Untersucht wurden Abweichungen von drei Prozesszeitpunkten (Einschleusen in den OP, Freigabe Anästhesie, Schnitt) für die jeweils ersten Positionen des Tages für jeden OP-Saal.

Ergebnisse: Insgesamt 21 357 erste Positionen wurden analysiert. Der Anteil verzögerter Fälle variierte für die untersuchten drei Prozesszeitpunkte erheblich. Der Anteil der Fälle mit einem verzögerten Zeitpunkt „Schnitt“ lag in den Bereichen der Allgemein- und Unfallchirurgie im Durchschnitt bei über 70 % und war im Bereich der Gynäkologie und HNO mit 61 ± 24 % und 42 ± 29 % etwas niedriger. Auch wenn nur Verzögerungen von mehr als 10 Minuten betrachtet wurden, ergaben sich Verzögerungshäufigkeiten von 20–40 %. Die durchschnittliche Verzögerung der verzögerten Fälle variierte nach Prozesszeitpunkt und Fachbereich zwischen 14,1 ± 5,4 und 21,6 ± 8,2 Minuten.

Schlussfolgerungen: Die morgendlichen Prozesse sind in den untersuchten Krankenhäusern noch nicht optimal ausgestaltet und durch sehr viele Verzögerungen gekennzeichnet.

LNSLNS

Die besondere Komplexität der Organisation von OP-Prozessen ergibt sich aus der Vielzahl der beteiligten Disziplinen, dem Zusammenwirken unterschiedlicher Berufsgruppen, der Vielzahl der Prozess-Schnittstellen im Operationssaal und der Tatsache, das fast alle Prozesse „just in time“ laufen müssen.

Der morgendliche OP-Beginn ist schon seit vielen Jahren ein wesentlicher Konfliktfokus im OP-Management (15). Verzögerungen am Morgen führen nicht nur zu einem relevanten Verlust an sehr teurer „Produktionskapazität“, sondern sind auch in einem besonderen Maße verantwortlich für Konflikte zwischen den Berufsgruppen (2, 5).

Der morgendliche Prozess besteht im Wesentlichen aus drei Schritten:

  • Transfer des Patienten von der Station oder dem Holding-Bereich in den OP inklusive des Einschleusens in den OP
  • Vorbereitung und Einleitung der Anästhesie
  • Lagerung des Patienten für den Eingriff und steriles Abwaschen des OP-Gebietes durch den Operateur (Grafik 1).
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt
Grafik 1
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt

Erst mit dem Schnitt ist die Vorbereitung des ersten Falls abgeschlossen. Bei jedem dieser Schritte kann es zu Verzögerungen kommen (6).

Um die Prozesse besser zu organisieren, wurde in vielen Kliniken in den letzten 10 Jahren ein formales OP-Management etabliert, das die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Gruppen moderieren und im Sinne des übergeordneten Interesses des Krankenhauses als Ganzes umsetzen soll. Für das Management von Prozessen im OP ist die Verfügbarkeit objektiver Vergleichszahlen, sogenannte Benchmarks, von großer Bedeutung (79). Nur mit Hilfe dieser Benchmarks kann die einzelne Institution objektivieren, wie die eigene Prozessperformance einzuschätzen ist. In Bezug auf den morgendlichen OP-Beginn existieren bislang nur Erhebungen einzelner Einrichtungen. Die Ermittlung von echten Benchmarks ist mit diesen Daten aus einzelnen Zentren aber nicht möglich.

Ziel der vorliegenden Studie war es, auf der Basis der Daten einer großen Anzahl unterschiedlicher Krankenhäuser objektive und differenzierte Vergleichszahlen zu Verzögerungen im morgendlichen OP-Prozess zu generieren. Die zugrundeliegende Frage war, ob die OP-Prozessorganisation mit der Vielzahl an beteiligten Mitarbeitern in der Lage ist, die selbstgesteckten Prozessziele zu erreichen.

Methoden

Seit 2010 wurde durch den Verband für OP-Management (VOPM), der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), dem Bund Deutscher Anästhesisten (BDA) und dem Bund Deutscher Chirurgen (BDC) ein Benchmark-Programm für OP-Prozesse etabliert. Dieses Benchmark-Programm steht prinzipiell allen deutschen Krankenhäusern offen und ermöglicht es den beteiligten Krankenhäusern, ihre eigenen Prozesse mit den Prozessen andere Krankenhäuser zu vergleichen. Die beteiligten Krankenhäuser liefern in monatlichen Abständen standardisierte Prozessdaten ihrer OP-Fälle an den unabhängigen IT-Dienstleister Digmed, der die Benchmark-Plattform entwickelt hat. Digmed bereitet diese Daten für das OP-Reporting und Benchmarking der Krankenhäuser auf. Eine Teilnahme erfolgt prinzipiell auf freiwilliger Basis. Zum Zeitpunkt der Analyse lieferten insgesamt 58 Krankenhäuser Daten an das Benchmark-Programm. Die Daten von 22 Krankenhäusern wurden für die Studie selektiert, da nur diese innerhalb des Analysezeitraums alle drei Zielzeiten definiert und in ihrer Routinedokumentation abgebildet hatten.

Für die vorliegende Studie wurden Daten von Januar bis September 2011 verwendet. Bei allen an der Studie beteiligten Krankenhäusern hatten die OP-Manager der Krankenhäuser bestätigt, dass ein zeitgerechter morgendlicher OP-Beginn eine hohe oder sehr hohe Bedeutung für das Krankenhausmanagement habe. Es wurden vier operative Disziplinen zur Analyse ausgewählt, die in Krankenhäusern unterschiedlicher Größe häufig vertreten sind:

  • Allgemeinchirurgie (ACH)
  • Unfall- und orthopädische Chirurgie (UCH)
  • Gynäkolgie (GYN)
  • Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO).

Untersucht wurden die drei Prozesszeitpunkte, die nach der Empfehlung der Fachgesellschaft eine hohe beziehungsweise die höchste Priorität bei der Dokumentation der OP-Prozessabläufe haben:

  • Einschleusen
  • Freigabe Anästhesie
  • Schnitt.

Die Definition der Prozesszeitpunkte entspricht damit den Zeitpunkten P3, A7 und O8 der entsprechenden Empfehlung der Fachgesellschaften (10). Der Zeitpunkt P3 erfasst Verzögerungen im Prozess vor der OP (insbesondere Patiententransport zum OP). A7 erfasst vor allem Verzögerungen im anästhesiologischen Prozess und O8 erfasst Verzögerungen im chirurgischen Vorlauf.

Für die drei Prozesszeitpunkte wurden vom OP-Management schon vor Teilnahme am Benchmarking fach- und hausspezifisch Zielzeiten festgelegt, wobei Abweichungen an bestimmten Tagen möglich waren (zum Beispiel führen Fortbildungen an einem bestimmten Wochentag zu abweichenden Zielzeiten für diesen Tag). Die errechneten Verzögerungen in Minuten beziehen sich stets auf die vorab geplante Prozesszeit. Wenn also schon das Einschleusen zu spät erfolgte, stieg logischerweise die Wahrscheinlichkeit, die Zielzeit für die Freigabe nicht zu erreichen. Dies entspricht den Abläufen in den OPs, denn bei Verzögerungen bei einer vorgelagerten Zielzeit können die folgenden Zielzeiten nicht geändert werden, da es in der Regel technisch kaum möglich und in keinem Fall praktikabel ist, diese neuen Zielzeiten allen Prozessbeteiligten in Echtzeit zu kommunizieren.

Damit eine operative Disziplin eines Hauses in die Analyse eingeschlossen werden konnte, mussten für alle drei Zeitpunkte eine Zielzeit festgelegt und für mindestens 90 % der OP-Fälle alle drei Zeiten dokumentiert worden sein. Wie bei vergleichbaren retrospektiven Datenanalysen von OP-Fällen üblich, wurden Fälle mit Abweichungen von > 90 Minuten von der Zielzeit von der Analyse ausgeschlossen, da es sich in der Regel um Fälle mit verändertem Prozesspfad handelt (zum Beispiel verzögerter OP-Beginn bei Transplantation eines soliden Organs mit Wartzeit auf das Organ; gesperrter Saal wegen technischen Defekts) (11). Eingeschlossen wurden nur erste Positionen mit einer geplanten Einschleuszeit vor 9:00 Uhr.

Die Datenanalyse erfolgte mit Microsoft Excel. Dargestellt sind, wenn nicht anders angegeben, Mittelwerte und Standardabweichungen. Da es sich bei den verwendeten Daten um anonyme Prozesszeiten ohne jeglichen Bezug zu konkreten Patientenidentitäten handelte, wurde das Votum einer Ethikkommission nicht als notwendig angesehen und nicht eingeholt.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 21 357 erste Positionen in die Analyse eingeschlossen. Die Anzahl der eingeschlossenen OP-Bereiche für beide Gruppen und die Anzahl der Fälle in den entsprechenden Gruppen sind in Tabelle 1 angegeben. Die Anzahl von Fällen in den Fachdiziplinen lag minimal bei 3 298 Fällen (HNO) und maximal bei 8 243 Fällen (Unfallchirurgie).

Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen
Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen
Tabelle 1
Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen

Der Anteil verzögerter Fälle für die untersuchten drei Zielzeiten (Einschleusen, Freigabe Anästhesie, Schnitt) ist in Grafik 2 dargestellt. Der Anteil der Fälle mit einer verzögerten Schnittzeit war im Bereich der Allgemein- und Unfallchirurgie mit mehr als 70 % am höchsten und lag im Bereich der Gynäkologie und HNO etwas niedriger. In der Allgemein- und Unfallchirurgie zeigte sich ein Anstieg des Anteils der verzögerten Fälle in der Abfolge der drei Zeiten, wohingegen dies in der HNO nicht zu beobachten war. Die durchschnittliche Verzögerung der verzögerten Fälle ist in Tabelle 2 zu sehen und variierte nach Prozesspunkt und Fachbereich zwischen 14,1 ± 5,4 und 21,6 ± 8,2 Minuten.

Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Grafik 2
Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Verzögerungen nach Fachgebieten
Verzögerungen nach Fachgebieten
Tabelle 2
Verzögerungen nach Fachgebieten

Um den Effekt von minimalen Verzögerungen auf die Verzögerungshäufigkeit zu eliminieren, wurde die Analyse für die Fälle wiederholt, die eine Verzögerung von mehr als 10 Minuten aufwiesen. Dadurch sank die Verzögerungshäufigkeit deutlich, lag aber noch immer bei 20–40 % (bezogen auf den Schnitt) (Grafik 3). Die im Verlauf ansteigende Verzögerungshäufigkeit ist vor allem in der Unfallchirurgie sehr deutlich zu sehen.

Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position
Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position
Grafik 3
Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position

Da sich eine Verzögerung beim Einschleusen auf die späteren Prozesse auswirkt, und sehr häufig verzögertes Einschleusen zu beobachten war, wurden in einer weitere Analyse nur die Fälle betrachtet, bei denen es zu keinen Verzögerungen beim Einschleusen gekommen war (Grafik 4). Dies betraf 12 249 Fälle. Es zeigen sich weiterhin sehr hohe Verzögerungshäufigkeiten sowohl für die Zielzeit „Freigabe Anästhesie“ als auch für die Zielzeit „Schnitt“.

Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls
Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls
Grafik 4
Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls

Ob die Zielzeit eingehalten werden kann, hängt auch von der vorab geplanten Dauer der Prozessschritte (Anästhesieeinleitung, Lagerung/steriles Abwaschen des OP-Gebiets) ab (Tabelle 3). Die von den Krankenhäusern gewählte Planungsvorgabe für die Anästhesieeinleitung lag im Mittel zwischen 24,0 ± 5,2 Minuten (HNO) und 26,7 ± 6,2 Minuten (UCH), unterschied sich demnach nur wenig voneinander. Etwas deutlicher unterschieden sich die geplanten Zeiten für die operative Vorbereitungszeit, die zwischen 13,0 ± 4,7 Minuten (HNO) und 19,7 ± 6,2 Minuten (UCH) variierte.

Geplante Prozesszeiten in Minuten
Geplante Prozesszeiten in Minuten
Tabelle 3
Geplante Prozesszeiten in Minuten

Diskussion

Verzögerungen beim morgendlichen OP-Beginn gehören zu den häufigsten Konfliktfeldern im OP-Management. Der verzögerte OP-Beginn führt unter bestimmten Umständen (Operationssaal mit Überauslastung, konsekutive Überstunden) unmittelbar zu Mehrkosten. Noch wesentlicher aber sind aus Sicht vieler OP-Manager die indirekten Kosten, die durch Frustrationen und Konflikte zwischen den Mitarbeitern entstehen und durch das kontraproduktive Signal, das von den Verzögerungen gleich zu Beginn des Tages ausgeht und sich auf die Arbeitsmoral des gesamten OP-Teams überträgt.

Mit der hier vorgestellten Studie werden erstmals umfangreiche Vergleichsdaten zur Verfügung gestellt, die die morgendlichen OP-Prozesse in unterschiedlichen operativen Fachdisziplinen in Krankenhäusern verschiedener Größe darstellen. Insbesondere im Vergleich zu den bislang publizierten Arbeiten aus einzelnen Kliniken ist der Umfang der Stichprobe und die Anzahl an beteiligten Kliniken und operativen Disziplinen eine Stärke der vorliegenden Arbeit.

Die in der Studie gefundene Häufigkeit verzögerter Prozesse ist mit 40–70 % sehr hoch. Selbst wenn nur Verzögerungen von mehr als 10 Minuten berücksichtigt wurden, kam es in 20–40 % der Fälle zum Zeitpunkt „Schnitt“ zu Verzögerungen.

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass es nicht das Ziel der Studie war, die Prozesseffizienz in den Kliniken untereinander oder zwischen den operativen Disziplinen direkt zu vergleichen. Um über die Effizienz der Prozesse in einzelnen Krankenhäusern Aussagen machen zu können, müsste eine Vielzahl von weiteren Details erfasst werden, wie zum Beispiel die Verfügbarkeit von Transportpersonal, die Anzahl und Besetzung der OP-Schleusen und die Lagerungsart. Ziel der vorliegenden Studie war es lediglich, zu untersuchen, ob die geplanten Prozesszeiten mit den tatsächlichen Abläufen übereinstimmen, was offensichtlich nur unzureichend der Fall ist.

Die sehr hohe Häufigkeit von Verzögerungen mag auf den ersten Blick erstaunlich erscheinen, liegt aber durchaus im Bereich der bisher veröffentlichten Daten (24, 6), die Verzögerungen von 28 %, 66 % sowie 78,7 % aller ersten OP-Fälle beschrieben. Die Ursachen für Verzögerungen sind vielfältig. In früheren, meist US-amerikanischen Publikationen, erwiesen sich als wesentliche Ursache für Verzögerungen beim OP-Start die nicht rechtzeitige Verfügbarkeit der Operateure und Verzögerungen beim Patiententransport (24). Die Autoren fokussierten daher vor allem auf edukative Maßnahmen zur Reduktion der Verzögerungen.

In einer 2009 publizierten Studie untersuchten Unger et al. (6) in einer Universitätsklinik, wie häufig und aus welchen Gründen der in der OP-Geschäftsordnung festgelegte Zeitpunkt zur OP-Freigabe durch die Anästhesiologie nicht eingehalten wurde. Nach Zusammenfassung ähnlicher Angaben blieben als hauptsächliche Gründe für verzögerte Freigaben

  • organisatorische Ursachen wie:

– Probleme beim Transport von Patienten in den Operationssaal

– Programmumstellungen

– unvollständige Patientenevaluation und -unterlagen

– fehlende Verfügbarkeit von anästhesiologischem Personal

  • Verzögerungen bei anästhesiologischen Prozeduren.

Insgesamt lag die Gesamthäufigkeit von verzögerten Freigaben durch den Anästhesisten in dieser Studie bei 27,5 %, mit einer durchschnittlichen Verzögerungzeit von 19,3 Minuten. In der Folge wurden von der Arbeitsgruppe Modifikationen beim Patiententransport durchgeführt, eine frühere Allokation von Anästhesisten bei komplexen Einleitungen vorgenommen und durch tägliches Reporting ein höherer organisatorsicher Fokus auf die Einhaltung der Zielzeiten gelegt. In einer Folgeerhebung zwei Jahre später zeigte sich eine Reduktion von verzögerten Einleitungen auf 13,4 % (unveröffentlichte Daten).

Anästhesieeinleitungen unterscheiden sich in ihrer Dauer erheblich, wobei neben der Technik auch der Weiterbildungsstand des Anästhesisten eine signifikante Rolle spielt (12, 13). Die Dauer der Anästhesieeinleitung korrekt vorherzusagen, fällt auch erfahrenen Anästhesisten schwer (14). Auch die Notwendigkeit zur Supervision von Assistenzärzten kann zu Verzögerungen führen (15).

Eine hohe Zielerreichungsquote bei der rechtzeitigen Freigabe durch den Anästhesisten ist immer mit dem Risiko der zu frühen Freigabe assoziiert: Beginnt der Anästhesist zu früh, um unbedingt rechtzeitig fertig zu sein, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Operateur warten müssen (16). Umgekehrt wird ein früh im OP präsenter Operateur häufiger warten müssen, als ein spät erscheinender, aber auch seltener selbst Ursache für eine weitere Verzögerung sein. Dieses psychologische Moment, eigene Wartezeiten auf jeden Fall vermeiden zu wollen und dadurch Wartezeiten des anderen zu provozieren, könnte ein wesentlicher Grund sein, dass Verzögerungen beim morgendlichen OP-Beginn derart häufig vorkommen.

In der Kommunikation über Zielzeiten des Prozesses ist es eine wesentliche Herausforderung, diese gegenseitigen Abhängigkeiten der Teilprozesse deutlich zu machen. Wie in Grafik 5 zu sehen, folgt die Verteilung des Teilprozesses „Freigabe Anästhesie“ annähernd einer Gauß-Kurve. Wenn die Beteiligten im Durchschnitt aller Fälle pünktlich sind, sind sie aus rein mathematischen Gründen in der Hälfte der Fälle zu spät und in der anderen Hälfte der Fälle zu früh. Sollen die Prozesse wirklich weitgehend verzögerungsfrei ablaufen, muss der vorliegende Teilprozess mit einer Wahrscheinlichkeit von zum Beispiel 90 % beendet sein, bevor der nächste beginnt. Es ist dann unvermeidlich, dass einer der Prozessbeteiligten auf den anderen Prozessbeteiligten wartet, wobei die Dauer des Wartens nur vom Mittelwert und der Standardabweichung der Prozessdauer abhängig ist (16).

Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit
Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit
Grafik 5
Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit

Methodische Limitationen

Die Untersuchung von OP-Prozessen unterliegt inhärent methodischen Limitationen, die sich auch in der vorliegenden Arbeit widerspiegeln. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Verzerrung durch den Beobachter-Effekt (sogenannter Hawthorne Effekt): Die Tatsache, dass die Prozessperformance beobachtet und dokumentiert wird, kann zu einer erheblichen Veränderung der Ergebnisse führen. Die Autoren der vorliegenden Arbeit haben für ihre Fragestellung daher retrospektiv Routinedaten ausgewertet, so dass ein Beobachtereffekt ausgeschlossen werden kann. Der Nachteil einer solchen retrospektiven Analyse von Routinedaten liegt in der Gefahr der nichtrepräsentativen Datenauswahl und einer mangelnden Datenqualität.

Kritisch muss angemerkt werden, dass bei den vorliegenden Daten keine Adjustierung für die Fallschwere vorgenommen werden konnte. Es ist zwar zu vermuten, dass in größeren Häusern mehr schwierige Fälle operiert wurden, diese Informationen lagen in der Studie aber in Bezug auf die untersuchten ersten Positionen nicht vor.

Im Hinblick auf die Anästhesie ist bekannt, dass der Umfang invasiver Maßnahmen die Prozesszeiten determiniert (12). Ob und in welchem Umfang die Fallschwere (zum Beispiel am „Case Mix Index [CMI]“ orientiert) die sonstigen Prozesszeiten vor Schnitt beeinflusst, ist aber nicht untersucht worden. So gehen in den CMI viele Faktoren ein, die unabhängig vom operativen Prozess sind (Intensivkosten, Implantatkosten, stationäre Verweildauer). Gerade in der Unfallchirurgie gibt es zudem viele Fälle mit niedrigem CMI, die sehr lange Vorbereitungsphasen benötigen. Auch dürften Lagerung und steriles Abwaschen des OP-Gebiets vor einer umfangreichen und komplexen Laparotomie nicht länger dauern, als bei einer laparoskopischen Appendektomie.

Resümee

Ein verzögerungsfreier OP-Beginn am Morgen ist auch bei exzellenter Planung und sehr guten Prozessen nicht immer erreichbar. Allerdings zeigen die Daten der vorliegenden Studie, dass das Prozessmanagement in deutschen Krankenhäusern in dieser Hinsicht noch deutliches Verbesserungspotenzial hat. Aus der vorliegenden Untersuchung können die Ursachen der Verzögerungen und die konkreten Hebel für eine Verbesserung nicht abgeleitet werden. Allerdings erscheint – ausgehend von Literaturdaten – eine Reduktion der Verzögerung erreichbar.

Neben der Definition von klaren Zielen für jede einzelne operative Disziplin ist die Motivation aller am Prozess Beteiligten essenziell. Ein regelmäßiges Reporting der morgendlichen Prozesszeiten und der Einhaltungsquoten, respektive der Verzögerungen, erscheint zwingend notwendig, um den Teufelskreis von Verzögerungen und durch erwartetete Verzögerung induzierte Verspätungen zu durchbrechen.

Interessenkonflikt
PD Dr. Schuster und Prof. Bauer sind als Vertreter des Bundes Deutscher Anästhesisten, Dr. Taube und Diemer MBA als Vertreter des Verbands für OP-Management Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Benchmark-Programms.

Pezzella BA und Dr. Bialas sind Mitarbeiter der digmed GmbH.

Manuskriptdaten
eingereicht: 30. 5. 2012, revidierte Fassung angenommen: 14. 1. 2013

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Martin Schuster
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und
Schmerztherapie
Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal
Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg
Gutleutstraße 1–14
76646 Bruchsal
martin.schuster@kliniken-lk.de.

Zitierweise
Schuster M, Pezzella M, Taube C, Bialas E, Diemer M, Bauer M: Delays in starting morning operating lists—an analysis of more than 20 000 cases in 22 German hospitals. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(14): 237−43.
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0237

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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PD Dr. med. Schuster, Prof. Dr. med. Bauer
digmed Datenmanagement im Gesundheitswesen GmbH, Hamburg: Pezella BA, Dr. med. Bialas
Verband für OP-Management e.V., Hannover: Dr. med. Taube, Diemer MBA
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt
Grafik 1
Perioperativer Prozessablauf bis zum Schnitt
Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Grafik 2
Verspätungen insgesamt bei der ersten Position
Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position
Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position
Grafik 3
Verspätungen > 10 Minuten bei der ersten Position
Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls
Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls
Grafik 4
Verspätungen bei Freigabe Anästhesie und Schnitt trotz zeitgerechtem Einschleusen des ersten OP-Falls
Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit
Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit
Grafik 5
Verteilung der Zeit bis zur Freigabe Anästheisie und der Zeit bis zum Schnitt der unfallchirurgischen Fälle in Bezug auf die Zielzeit
Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen
Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen
Tabelle 1
Charakteristik der untersuchten OP-Bereiche und eingeschlossenen ersten Positionen
Verzögerungen nach Fachgebieten
Verzögerungen nach Fachgebieten
Tabelle 2
Verzögerungen nach Fachgebieten
Geplante Prozesszeiten in Minuten
Geplante Prozesszeiten in Minuten
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    Hahn, Peter
  • Sollzeiten unstimmig
    Dtsch Arztebl Int 2013; 110(38): 641; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0641b
    Braun, Hans-Georg
  • Fachdisziplinen berücksichtigen
    Dtsch Arztebl Int 2013; 110(38): 641-2; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0641c
    Santamaria, Mario; Möllmann, Michael; Nolte, Burkhard
  • Schlusswort
    Dtsch Arztebl Int 2013; 110(38): 642; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0642
    Pezzella, Marco; Bialas, Enno; Taube, Christian; Diemer, Matthias

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Avatar #2546
Dr. Sascha Baller
am Donnerstag, 11. April 2013, 09:02

Im Jahr 2000 wäre für so eine Analyse noch abgemahnt worden!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Jahr 2000 hatte ich bei meinem damaligen Arbeitgeber die Verzögerungen beim morgendlichen Operationsbeginn kritisiert und mich um Verbesserungen bemüht. Ich muss zugeben, dass ich als in Diplomatie noch Unerfahrener den Dienstweg nicht eingehalten habe und mich direkt an den Chefarzt einer operativen Abteilung gewendet hatte. Als Reaktion auf meine Bemühungen wurde mir vom damaligen geschäftsführenden Oberarzt eine Abmahnung bei weiteren Aktivitäten angedroht. Wie sich die Zeiten geändert haben... Es freut mich, dass das Thema "Verzögerungen beim morgendlichen Operationsbeginn" heute gesellschaftsfähig und publikationswürdig geworden ist.
Avatar #546447
Dr. Hans-Georg Braun
am Donnerstag, 11. April 2013, 06:08

Wer definiert die Benchmark ?

Die Erkenntnis aus der Arbeit von M. Schuster et al.erscheint zunächst banal, da deckungsgleich mit der täglichen Erfahrung, gewinnt aber an Gewicht durch die beobachtete und nunmehr dokumentierte Häufigkeit. Insofern ist den Autoren zu danken. Angesichts der Tatsache, dass in 40 bis über 70% der OP-Beginn um 14 bis 21 Minuten - jeweils in Abhängigkeit vom Fachgebiet - verfehlt wird, wirft allerdings Fragen auf: Wer definiert die Zielzeiten auf Grund welcher Daten/Tatsachen ? Wie ist die Abstimmung mit dem Arbeitsbeginn der beteiligten Berufsgruppen ? Sicher ist, wie in dem Artikel angesprochen, zum Erreichen der Zielmarke auch Arbeitsmoral aller Beteiligten notwendig. In der Ursachenanalyse dürfte die Vorbildfunktion der Führungspersonen eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Schließlich bleibt die prospektive Frage, was wir - nach Erreichen des Ziels - mit den gewonnen 14 - 20 Minuten pro OP-Saal anfangen.
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