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Hans Scholl: Auf der Suche nach etwas Großem

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2013: 22

Hibbeler, Birgit

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Medizinstudent und Widerstandskämpfer: Als Mitbegründer der „Weißen Rose“ hat Hans Scholl gemeinsam mit seiner Schwester Sophie Geschichte geschrieben.

Prägende Erfahrung: Hans Scholl als Sanitätssoldat an der Ostfront. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Prägende Erfahrung: Hans Scholl als Sanitätssoldat an der Ostfront. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Es lebe die Freiheit – das ist sein letzter Satz. Erst 24 Jahre alt ist Hans Scholl, als er am 22. Februar 1943 mit einer Guillotine im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet wird. Nur vier Tage zuvor sind er, seine Schwester Sophie und Christoph Probst, ein weiterer Mitstreiter der „Weißen Rose“, von der Gestapo verhaftet worden. Er, das Sonntagskind. So nennen ihn seine Eltern. Hingerichtet an einem Montag.

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Das Leben von Hans Scholl ist nicht lang, aber intensiv. Er ist charismatisch, versteht es, andere mitzureißen und für eine Sache zu begeistern. Der „schöne Hans“ ist bei den Frauen beliebt, verliebt sich mehrfach Hals über Kopf – noch mehr Frauen verlieben sich in ihn. Vor allem ist sein kurzes Leben aber geprägt von Grundsatzfragen. Sein Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit ist mit den Rahmenbedingungen im NS-Staat nicht vereinbar.

Ein Widerstandskämpfer ist Scholl allerdings nicht von Anfang an. Mit 16 tritt er in die Hitlerjugend ein und wird dort Fähnleinführer. Auch seine Schwester Sophie kommt zu ihrer Konfirmation in der Uniform vom „Bund deutscher Mädel“. Aus dem Elternhaus hat Scholl aber eine christlich-humanistische Grundhaltung mitgenommen. Seine Mutter ist überzeugte Protestantin, der Vater Pazifist. Hans öffnet sich den freiheitsliebenden Ideen der bündischen Jugendbewegung, namentlich der verbotenen Gruppe „Deutsche Jugendschaft vom 1.11.1929“. Wegen dieser abweichenden Linie wird er kurze Zeit inhaftiert. Das Verfahren wird aber eingestellt.

Hans ist viel mit sich beschäftigt. „Es gibt Stunden, da ist alles in bester Ordnung, und dann ist wieder dieser trübe Schatten da und überdeckt alles. Ich kämpfe dauernd mit Minderwertigkeitsgefühlen. Ich kann mir nicht helfen, aber es ist so“, schreibt er den Eltern. Zu dieser Zeit absolviert er gerade seinen zweijährigen Militärdienst nach dem Abitur. Er will Medizin studieren, um „etwas Großes zu werden für die Menschheit“.

1939 beginnt Hans sein Medizinstudium in München. Er ist 20 Jahre alt und bezieht ein Zimmer in der Amalienstraße. Die Universität ist um die Ecke. Sie ist längst gleichgeschaltet und frei von jüdischen Dozenten. Fächer wie „Volksgesundheitslehre“ oder Rassenhygiene“ wurden in den Lehrplan aufgenommen. Er lernt Physiologie und Anatomie, präpariert Menschen- und Tierleichen. Beim Latinum fällt er durch. Die Auswirkungen des Krieges spürt er auch in München. Die Lebensmittelversorgung verschlechtert sich. In der Mensa müssen er und seine Kommilitonen mitunter eine Stunde für das Mittagessen anstehen.

Noch vor dem Physikum muss Hans nach Frankreich an die Westfront. Die Studenten wechseln in den Lazaretten Verbände, assistieren bei Operationen. Bauchschüsse, Knochenbrüche, Gasbrand, Amputationen, Verletzungen durch Granatsplitter: Wer redet da noch vom nicht bestandenen Latinum? Er arbeitet bis zur Erschöpfung. Trotzdem sieht er den Krieg zunächst nicht grundsätzlich kritisch. „Mich verlangt es nicht nach einem Heldentum im Kriege. Ich suche Läuterung. Ich will, dass alle Schatten von mir weichen. Ich suche mich, nur mich.“ Diese Verbindung von Krieg und Läuterung wird aber bald der Frage weichen, wann das Gemetzel ein Ende hat.

Im Januar 1941 besteht er das Physikum. Doch Hans weiß: Bald wird er, der Medizinstudent und Sanitätsfeldwebel, wohl wieder in den Krieg müssen. „Es ist entsetzlich, dass uns in diesem Alter alle Wege versperrt sind, wo uns doch die Welt offenstehen müsste. Man kommt sich immer mehr als Gefangener vor. Hoffentlich ist dieser Krieg bald zu Ende.“

Hans findet in Alexander Schmorell, der ebenfalls in seiner Studentenkompanie ist, einen Vertrauten. „Mein Freund, der Russe“ nennt er ihn, denn Schmorells Mutter war Russin. Mit ihm kann er sich über die Themen austauschen, die ihn bewegen: Freiheit, Legitimation von Herrschaft, Verantwortung des Einzelnen. Schmorell wird später auch Mitglied der „Weißen Rose“ sein. In dieser Zeit wird Carl Muth, Publizist und Katholik, Scholls Mentor. Seine Schwester Sophie kommt zum Studium nach München. Der Kontakt zur Familie in Ulm ist eng, besonders zur Schwester Inge, die sehr gläubig ist.

Im Juli 1942 muss er an die Ostfront. Dank seines Freundes Alexander, der russisch spricht, haben die Studenten guten Kontakt zur Bevölkerung und bekommen viel mit. Das Propagandabild vom primitiven Slawen greift bei Hans nicht – während andere Kameraden ihre Vorurteile gegen Russen pflegen, ohne je mit einem gesprochen zu haben. Sie sind auf einem Hauptverbandsplatz eingesetzt, der nur zehn Kilometer von der Front entfernt ist. Hier kommen unzählige Verwundete an – auf Lkw oder mit Pferdekutschen. In speziellen Lehrbüchern erfahren die Studenten, wie man bei „Kinnabschuss“, die Hautlappen mit einem Pflaster befestigt. Die Zunge, an der der Verletzte ersticken könnte, sollen sie mit einem Faden an einem Uniformknopf fixieren. Eine Extremsituation. Die Bindung von Alexander und Hans wird immer enger, hinzu kommt die Freundschaft zu Willi Graf, der ebenfalls zur „Weißen Rose“ gehören wird. Die Zeit in Russland verändert Hans, er wird radikaler. Der Eroberungsfeldzug der Deutschen, die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden müssen aus seiner Sicht gestoppt werden.

70 Jahre ist es her, dass Hans Scholl hingerichtet wurde. Erst jetzt ist eine Biografie über ihn erschienen. Das Buch beschreibt die letzten fünf Jahre in seinem Leben, in denen er zum Widerstandskämpfer wurde. Sehr lesenswert!
70 Jahre ist es her, dass Hans Scholl hingerichtet wurde. Erst jetzt ist eine Biografie über ihn erschienen. Das Buch beschreibt die letzten fünf Jahre in seinem Leben, in denen er zum Widerstandskämpfer wurde. Sehr lesenswert!

Im Oktober 1942 darf Hans zurück nach München. Er und Alexander suchen weitere Mitstreiter für den Widerstand. Auch Sophie Scholl ist entschlossen. Ihr Freund Fritz ist an der Ostfront. Die „Weiße Rose“ formiert sich, verteilt Flugblätter – mehrere Tausend Exemplare. Bei einer Aktion in der Universität werden Hans und seine Schwester von einem Hausmeister erwischt. Was dann passiert, ist bekannt und wurde schon mehrfach verfilmt: Verhaftung, Verhandlung am Volksgerichtshof, Hinrichtung. Mit dem Gefängnispfarrer betet Hans vor seinem Tod den Psalm 90 und das Hohelied der Liebe.

Der Widerstand kostet Hans Scholl das Leben, hat ihm aber auch zuvor unglaublich viel gegeben. „Alle Kraft, die man dort verschwendet, fließt unvermindert zurück ins eigene Herz.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

Barbara Ellermeier: Hans Scholl, Biographie, Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 432 Seiten, gebunden, 24,99 Euro.

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