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Ärztekorruption: Immuntherapie gegen Pharmaindustrie

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2013: 7

Wulfert, Eugenie

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Während Politiker und Krankenkassen Gesetze gegen Ärztekorruption fordern, lernen künftige Ärzte an der Berliner Charité, wie sie sich dem Einfluss der Pharmaindustrie entziehen.

Bereits an der Uni geraten angehende Ärzte ins Visier der Pharmaindustrie: Arzneimittelhersteller verteilen kleine und auf den ersten Blick harmlose Geschenke wie Kugelschreiber und Notizblöcke. Später bezahlen sie Fortbildungen und gutes Essen.

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Alles harmlos? Mitnichten. Schließlich würde die Arzneimittelindustrie nicht so viel Geld für Marketing ausgeben, wenn es nichts bringen würde. Deshalb hat die Berliner Charité vor dreieinhalb Jahren ein Wahlpflichtfach-Seminar namens Advert retard, auf Deutsch „Langanhaltende Werbung“, eingerichtet. Künftige Ärzte sollen lernen, wo sie dem Einfluss der Pharmaindustrie ausgesetzt sind und wie sie sich dieser Einflussnahme entziehen können. „Wir wollen, dass die Studierenden dazu ausgebildet werden, die beste Therapie für ihre Patienten auszuwählen und nicht das zu verschreiben, was die Industrie gerne verkaufen möchte“, sagt Peter Tinnemann, Initiator und Leiter des Seminars.

Der Mediziner bereitet die Studenten darauf vor, wie sie später mit Pharmavertretern umgehen können und wie sie die Tricks der Lobbyisten besser durchschauen. Die Studierenden vergleichen werbefinanzierte mit unabhängigen medizinischen Zeitschriften, reden über Interessenkonflikte und lernen die Zahlen aus wissenschaftlichen Studien richtig zu interpretieren. Wer hat die Studie durchgeführt und ausgewertet? Ist alles ausgewertet worden oder nur die Daten, die dem Auftraggeber genehm erscheinen? Sind die Ergebnisse, die nicht ins Konzept passen, auch publiziert worden?

„Die Studierenden müssen lernen, dass sie den Kugelschreiber nicht nur deswegen bekommen, weil sie nett und tolle künftige Ärzte sind, sondern dass ein System dahintersteckt“, erklärt Seminarleiter Tinnemann. Es sei auch bei Studenten so, wie man es von bereits praktizierenden Medizinern kennt: Alle sind der Ansicht, dass Ärzte von der Pharmaindustrie beeinflusst werden. „Zugleich glauben sie aber, dass es sie persönlich nicht betrifft“, berichtet er.

Auch Seminarteilnehmer Max Brauner (22), Medizinstudent im dritten Semester, gibt zu, so wie viele seiner Kommilitonen Stifte und Notizblöcke angenommen zu haben. „Ich habe mir einfach nichts dabei gedacht“, erzählt er. Erst im Seminar wurde den 20 Seminarteilnehmern die Systematik aufgezeigt, die dahintersteckt. „Es gibt unterbewusste Mechanismen, die man nicht kontrollieren kann. Um wirklich unabhängig zu bleiben, muss man sich der ganzen Maschinerie entziehen“, weiß Brauner jetzt.

Besonders hat den 22-Jährigen eine wissenschaftliche Studie aus den USA beeindruckt. Sie zeigte, dass Geschenke wie Kugelschreiber und Bücher von der Pharmaindustrie während des Studiums sich durchaus auf das spätere Verschreibungsverhalten von Ärzten ausgewirkt haben. Je mehr Produkte mit Geschenken und Gefälligkeiten beworben werden, desto schneller und öfter werden sie, wenn auch oftmals unbewusst, verordnet, ergab die Untersuchung. „Für uns war es deshalb sehr spannend und hilfreich, Alternativen aufgezeigt zu bekommen und zu diskutieren, wie man es besser machen und wo man sich unabhängig informieren kann. Es gibt ja durchaus Möglichkeiten“, berichtet Brauner.

Illustrationen: Elke R. Steiner
Illustrationen: Elke R. Steiner

Sowohl er als auch Seminarleiter Tinnemann sind überzeugt davon, dass es eigentlich gar nicht so schwer ist, sich dem Einfluss der Pharmaindustrie zu entziehen. Wenn man denn nur will. „Das sind kleine Änderungen im eigenen Verhalten, die einfach umzusetzen sind“, sagt der Medizinstudent. Er jedenfalls kauft seine Kugelschreiber und Notizblöcke nun selbst und verzichtet auf die Werbegeschenke der Arzneimittelhersteller: „Wenn man damit zur Unabhängigkeit der Ärzte beitragen kann, dann gibt es keinen Grund, das nicht zu tun.“

Mittlerweile ist das Thema auch in der Leitung der Charité angekommen. Peter Tinnemann und seine Mitstreiter bemühen sich jetzt darum, dass zumindest die wichtigsten Inhalte verpflichtender Bestandteil des neuen Modellstudiengangs Medizin an der Berliner Charité werden. Handlungsbedarf besteht allemal, gewiss nicht nur an der Charité. Denn Max Brauner hört noch ziemlich oft von seinen Kommilitonen: „Alle lassen sich beeinflussen, nur ich nicht.“ Eugenie Wulfert

Kampf gegen Korruption: Politische Änderungen

Die Bekämpfung der Korruption bei Ärzten gehörte zu den großen gesundheitspolitischen Themen zum Jahreswechsel. Der Bundestag hat daraufhin Ende Januar eine Gesetzesänderung beschlossen: Um bei der Korruptionsbekämpfung die Zusammenarbeit zwischen Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zu verbessern, dürfen die KVen künftig Daten von Ärzten personenbezogen an die Heilberufskammern und die Approbationsbehörden der Länder übermitteln. Bisher war nämlich nur der umgekehrte Weg möglich: Nur die Landeskammern der Ärzte, Zahnärzte und Apotheker durften ärztliche Daten im Verdachtsfall an die KVen weitergeben.

Die Bundes­ärzte­kammer begrüßt die neue Regelung: „Zwar sind die Ärztekammern in den vergangenen Jahren fast 1 000 Fällen von möglichen Verstößen gegen das Berufsrecht nachgegangen. Trotzdem müssen wir anerkennen, dass unsere Ermittlungen in berufsrechtlichen Verfahren wegen der gesetzlichen Rahmenbedingungen schwierig und zuweilen langwierig sind“, kommentierte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, die Gesetzesänderung. Deshalb sei es gut, dass die Koalition nun tätig geworden sei. „Viele bei den KVen vorliegende Informationen über Fehlverhalten von Ärzten dürften nicht nur vertragsarztrechtlich, sondern auch berufsrechtlich relevant sein“, sagte Montgomery. ER

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