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Medizinstudium in Europa: Gepresst in fünf Jahre?

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2013: 24

Hilienhof, Arne

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Foto: dpa
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Eine EU-Richtlinie könnte im Juni die Mindestdauer für das Medizinstudium von sechs auf fünf Jahre vermindern – bei gleichen Inhalten. Das sorgt für Ärger.

Die Brüsseler Politik erscheint Außenstehenden oft schwer durchschaubar und die Abstimmungsprozesse unübersichtlich. So auch hier: Es geht um eine Fassung der Berufsanerkennungs-Richtlinie 2005/36/EG, die das Europaparlament im Juni verabschieden könnte. Diese Richtlinie sollte und soll dafür sorgen, dass Berufsabschlüsse europaweit anerkannt werden und zum Beispiel Ärzte im europäischen Ausland arbeiten können. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) unterstützt die Initiative. „Sie vereinfacht eine grenzüberschreitende Mobilität von europäischen Ärzten und erlaubt einen unkomplizierten Austausch“, heißt es in einem Positionspapier der Medizinstudierendenvertretung.

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So weit, so gut. So gut? Leider nicht, denn 2005/36/EG hat es in sich. „Die EU-Kommission beabsichtigt, ohne jede Begründung die bestehende Mindestdauer des Medizinstudiums von sechs auf fünf Jahre bei unveränderter Unterrichtszeit zu verkürzen“, warnte Ende September vergangenen Jahres der Medizinische Fakultätentag (MFT). Das aber gehe nicht an. „Durch die Verkürzung würden das Medizinstudium erschwert und die hohe Qualität der ärztlichen Ausbildung abgesenkt werden. Die Ausbildungskosten würden erhöht und die Studienabbrüche zunehmen“, sagte der Präsident des MFT, Prof. Dr. med. Heyo Kroemer.

Wer sich die Hintergründe anschaut, der sieht: Auch eine EU-Richtlinie hat mitunter eine Historie, und die kann zu Verwicklungen führen, wie jetzt bei 2005/36/EG. Die bvmd hat das recherchiert und entwirrt. Danach sorgt die 2005er Direktive grundsätzlich tatsächlich für die europaweite Anerkennung von Berufsabschlüssen, beispielsweise von Ärzten. Im Artikel 24 Absatz 2 steht bislang der schöne und scheinbar unkomplizierte Satz: „Basic medical training shall comprise a total of at least six years of study or 5 500 hours of theoretical and practical training provided by, or under the supervision of, a university.”

Die EU hat die Richtlinie seit 2005 mehrfach verändert und zuletzt auch ihre Machbarkeit und Umsetzung evaluiert. Dabei zeigte sich, dass in jenem Satz ein kleines Wort für Ärger und Missverständnis sorgt. Dieses Wort ist „or“, zu deutsch bekanntlich „oder“. Die EU meinte aber „beziehungsweise“, was besagt, dass die EU-Staaten beide Anforderungen erfüllen sollen – die sechs Jahre UND die 5 500 Stunden Lehre. Staaten, die dies nicht einhalten, droht ein Verfahren wegen Vertragsverletzung. „Diesem Missverständnis und der daraus hervorgegangenen drastischen Konsequenz folgten Forderungen von zahlreichen Mitgliedstaaten und Verbänden an die EU-Kommission, den Abschnitt über die Mindestanforderungen klar und unmissverständlich zu formulieren“, erläutert die bvmd in ihrem Positionspapier.

In der neuen Fassung der Richtlinie steht daher folgender Textvorschlag: „Die ärztliche Grundausbildung umfasst mindestens fünf Jahre (kann auch in der entsprechenden Anzahl von ECTS-Punkten ausgedrückt werden) und besteht aus mindestens 5 500 Stunden theoretischen und praktischen Unterrichts.“

Mit diesem Änderungsvorschlag läuft nach Ansicht der EU-Kommission kein Mitgliedstaat Gefahr, aufgrund seiner bisherigen Ausbildungsstruktur verklagt zu werden. „Die EU-Kommission zwingt also weder deutsche Universitäten ihr Studium zu verkürzen noch britische Universitäten ihr Studium um ein Jahr zu verlängern“, hieß es dazu aus der bvmd. Ziel dieser Direktive sei nicht, den Mitgliedstaaten Vorgaben zu machen, wie das Medizinstudium national auszugestalten sei, sondern Absolventen aus allen Mitgliedstaaten zu garantieren, dass ihr ärztlicher Berufsabschluss europaweit anerkannt werde.

Auch die Medizinstudierenden lehnen eine Verkürzung des Studiums ab, glauben aber nicht, dass es über die EU-Direktive dazu kommt. „Nur drei Länder der EU haben ein fünfjähriges Studium, die übrigen 24 werden ihr Ausbildungssystem nicht umschmeißen“, meint Pascal Nohl-Deryk, stellvertretender Bundeskoordinator der AG Gesundheitspolitik der bvmd. Die hiesigen Ausbildungsstrukturen genössen eine hohe Reputation und würden nicht einfach geändert werden. Eine Verkürzung des Medizinstudiums würde in Deutschland zu „riesigen Protesten und Diskussionen“ führen, was aufgrund der EU-Richtlinie nicht zu erwarten sei. Auch das Ausland nehme die EU-Initiative nicht als Bedrohung wahr. „Die bvmd sieht daher die generellen Ziele der Richtlinie weiterhin als unterstützenswert an“, so Nohl-Deryk zum Deutschen Ärzteblatt Studieren.de

Dem widerspricht der MFT. „Wenn wegen einzelner Staaten diese Mindestdauer abgesenkt wird, werden andere nachziehen müssen. Dabei ist zu befürchten, dass es zu einer starken Verdichtung in der Lehre kommen wird, mit Auswirkungen auf die Ausbildungsqualität und einer sozialen Selektion“, gibt MFT-Präsident Kroemer zu bedenken. Deutschland bilde mit Abstand die meisten Ärzte in Europa aus. „Wir legen besonderen Wert auf eine praktische und zugleich wissenschaftliche Grundausbildung der Mediziner. Staaten wie Irland [. . .] dürfen nicht zum Motor für Qualitätsabsenkungen werden“, warnte er.

Von einem möglichen „Wettbewerb nach unten“ spricht auch der MFT-Generalsekretär Dr. Volker Hildebrandt. „Neue Anforderungen machen das Medizinstudium immer voller und anspruchsvoller. In dieser Situation die Mindeststudiendauer zu senken, ist europaweit das falsche Signal“, erläutert er die Haltung des MFT.

Im Juni soll das Europaparlament über die Richtlinie entscheiden. Der sogenannte Binnenmarktausschuss hat im Januar die augenblickliche umstrittene Fassung empfohlen. Doch das EU-Parlament wartet noch auf die Positionierung des Ministerrats. Dem Ministerrat gehören die jeweiligen Fachminister der Mitgliedstaaten an. „Sie dürften besser abschätzen können, welche einschneidenden Folgen die scheinbar nur redaktionelle Änderung hätte“, hofft der MFT. Dr. med. Arne Hilienhof

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