SUPPLEMENT: PRAXiS

Telemedizin: Problem der Infrastruktur

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): [10]

Krüger-Brand, Heike E.

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Eine auf Standards basierende sichere Tele­ma­tik­infra­struk­tur ist erforderlich, um telemedizinische Anwendungen effizient in die Fläche zu bringen.

Foto: Fotolia/Parris Cope
Foto: Fotolia/Parris Cope

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen stellt Flächenländer wie Bayern, Niedersachsen oder Brandenburg künftig vor erhebliche Herausforderungen. Telemedizin könnte ein Werkzeug sein, um einige der sich durch den demografischen Wandel abzeichnenden Probleme zu lösen, indem etwa fachärztliche Expertise unabhängig vom lokalen Standort zur Verfügung steht oder große Entfernungen zwischen Arzt und Patient überbrückt werden können.

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Vor diesem Hintergrund investieren viele Bundesländer erhebliche Fördergelder in den Ausbau der Telemedizin. Beispiel Bayern: Der Freistaat rühmt sich, „als erstes Bundesland die besonderen Vorteile der Telemedizin und ihre große Bedeutung für die Gesundheitsversorgung erkannt“ zu haben (www.telemedizin.bayern.de). Seit 1995 hat Bayern 45 telemedizinische Projekte mit circa elf Millionen Euro gefördert. Im Rahmen der Innovationsinitiative „Aufbruch Bayern“ fließen weitere zwei Millionen Euro in die Telemedizin. Die Mitte 2012 gegründete „Bayerische TelemedAllianz“ (www.telemedallianz.de) soll künftig als Kompetenzzentrum die bisherigen Aktivitäten und Projekte vernetzen und den Austausch der Akteure im Gesundheitswesen mit Forschung, Entwicklung und Industrie vorantreiben.

Einige der jüngeren Förderprojekte wurden beim 1. Bayerischen Tag der Telemedizin Anfang März 2013 im Klinikum Ingolstadt anhand von Live-Demonstrationen vorgestellt. Dazu zählt beispielsweise das Schlaganfallnetz STENO (Schlaganfallversorgung mit Telemedizin in Nordbayern, www.steno-netz.de), das bereits seit fünf Jahren Teil der klinischen Routineversorgung ist. Angebunden an die überregionalen Kompetenzzentren der Kliniken Bayreuth und Nürnberg sowie des Universitätsklinikums Erlangen seien 17 regionale Kliniken in Nordbayern und Südthüringen, die damit zügig medizinische Kompetenz ans Krankenbett erhielten, erläuterte Priv.-Doz. Dr. med. Lars Marquardt, Universitätsklinikum Erlangen. Inzwischen werden circa 3 000 Telekonsile jährlich, das heißt etwa zehn pro Tag, durchgeführt, bei denen radiologische Bilder parallel zur Videokonferenz übertragen werden.

Weitere Netzwerke zur Schlaganfallversorgung in Bayern sind TEMPIS mit den Zentren in München und Regensburg sowie TESS in der Region Mittelschwaben mit dem Bezirkskrankenhaus Günzburg als Zentrum. Das große Manko: Technisch sind diese bayerischen Netze bislang untereinander nicht kompatibel.

Erfolgreich, aber Inseln

Eine andere Anwendung ist die neurolinguistische Teletherapie, die die Klinik für Neurologie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth unter anderem für Parkinson-Patienten nach dem stationären Aufenthalt anbietet. Hierbei sitzt der Patient zu Hause am Computer und führt nach Anweisung seines Arztes oder Therapeuten verschiedene Übungen durch, zum Beispiel eine Schriftprobe zur Überprüfung der Feinmotorik der Finger oder Sprechübungen − etwa zur Lautstärkeintensivierung, zur Verbesserung der Tonhaltedauer und zur Wortfindung.

Prof. Dr. med. Martin Middeke vom Hypertoniezentrum München im Herzzentrum Alter Hof (www.herzzentrum-alter-hof.de) demonstrierte ein Anwendungsbeispiel aus der Hypertensiologie: Das telemetrische Monitoring der Blutdruckwerte und die damit verbundene (telemetrische) Therapiesteuerung ist ein Verfahren, um die Adhärenz von Hypertonikern und die dauerhafte Blutdruckeinstellung unter Alltagsbedingungen zu verbessern (eGrafik). Dabei überträgt der Patient mittels Blutdruckgerät und Handy seine Blutdruck- und Pulswerte an das Zentrum. Bei Unter- oder Überschreitung von festgelegten Grenzen wird der Arzt oder Patient benachrichtigt. Erste Ergebnisse des Programms deuten darauf hin, dass die Teilnehmer signifikant bessere Blutdruckwerte erreichen und ihren Blutdruck zudem häufiger kontrollieren. Von diesem Verfahren könnten vor allem Risikopatienten, etwa mit chronischer Herzinsuffizienz, Schwangerschaftshypertonie und weiteren Indikationen, profitieren, erläuterte Middeke.

Drei Beispiele, die zeigen: An ausgereiften, in der Praxis erfolgreichen Projekten, von denen Ärzte und Patienten profitieren, mangelt es nicht. Was für eine nachhaltige Anwendung der Telemedizin fehlt, ist indes – neben der zu klärenden Frage der Abrechenbarkeit telemedizinischer Leistungen – eine bundesweit verfügbare interoperable Informations-, Kommunikations- und Sicherheitsinfrastruktur, wie sie derzeit in Deutschland nach Vorgabe des § 291 a Sozialgesetzbuch V aufgebaut wird. Darauf verwies Sven Marx von der gematik – Gesellschaft für die Anwendungen der Gesundheitskarte mbH (www.gematik.de).

Ein Netz für alle

Die geplante Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zur Vernetzung des Gesundheitswesens sei ein Netz für alle – sicher, verfügbar und performant, betonte Marx. „Es ist die Plattform, die Methoden, Werkzeuge und Schnittstellen zur Verfügung stellt, die auch telemedizinische Projekte nutzen können.“ Beispiele hierfür sind etwa Mechanismen zur Verschlüsselung oder zur sicheren Übertragung von Daten. Weil einheitliche Standards verwendet werden, sei zudem für alle Beteiligten Investitionssicherheit gegeben. Mit der elektronischen Gesundheitskarte als chipkartenbasiertem Schlüssel zur TI können die Patienten zudem ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung gegenüber Krankenkassen oder Heilberuflern wahrnehmen und Datenflüsse steuern, betonte der Experte. Die Gesundheitskarte sei, ebenso wie der elektronische Heilberufsausweis, das Instrument zur Interaktion mit dem vernetzten System.

Aus datenschutzrechtlicher Sicht spielen bei telemedizinischen Anwendungen IT-Produkte und -Dienstleister in größerem Umfang eine Rolle als im üblichen Behandlungszusammenhang. „Die Technik ändert sich schnell, die rechtlichen Grundlagen hingegen nicht“, betonte Dr. Thomas Petri, der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz. Wegen der hohen Sensibilität der medizinischen Daten kommen dem Datenschutz und der Datensicherheit eine besondere Bedeutung zu. Durch eine einheitliche Infrastruktur mit hohen technischen Schutzstandards, wie sie mit der bundesweiten TI geplant ist, lässt sich dabei nach Meinung des Datenschützers ein hoher Schutzstandard für das Persönlichkeitsrecht erzielen – effizienter und preiswerter als über Insellösungen. Heike E. Krüger-Brand

Studie: Telemedizin ja, aber nicht ausschließlich

  • Patienten wünschen sich zunehmend zwar Online-Services von den Ärzten, die Mehrheit möchte aber nicht auf den Besuch in der Praxis verzichten. Das hat eine Umfrage der Kommunikationsberatung MSL Germany ergeben. Danach haben erst acht Prozent der Befragten schon mal einen Termin beim Arzt per Internet vereinbart. Von den anderen würden immerhin 41 Prozent dieses Online-Tool nutzen, sofern ein solches verfügbar wäre. Am ehesten würde die Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren Termine per Internet ausmachen. Nur jeder Vierte glaubt jedoch, dass künftig der physische Arztbesuch – außer in akuten Fällen – nicht mehr zwingend notwendig sein wird.

Dies scheint sich aber allmählich zu verändern: Bei den 18- bis 29-Jährigen nämlich ist nur noch jeder Dritte dieser Meinung. Auch für die Häufigkeit des Arztbesuches spielt das Internet (noch) eine untergeordnete Rolle: Nur 28 Prozent aller Befragten würden häufiger einen Arzt konsultieren, wenn sie dies von zu Hause per Internet tun könnten. Der Anteil bei den „Digital Natives“ zwischen 18 und 29 Jahren liegt hier bei 36 Prozent.

Für die MSL-Gesundheitsstudie 2012 mit dem Titel „Wie Social ist das Gesundheits-Web?“ befragte das Marktforschungsinstitut SKOPOS 1 001 Personen im Rahmen eines repräsentativen Online-Panels zu ihrem Informationsverhalten in Gesundheitsfragen. Die Studie ist auf SlideShare abrufbar: http://de.slideshare.net/NI0049/mslgesundheitsstudie-2012. KBr

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