SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ade

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): [64]

Böhmeke, Thomas

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Wir werden sie vermissen. Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, die wir nicht nur niedergelassen, sondern jetzt auch -geschlagen sind: Sie wird uns fehlen. Was haben wir nicht alles für sie getan: Urlaubssperren zu Quartalsanfang verhängt, Sicherheitsschlösser gekauft, Fenster vergittert. Die Rede ist hier nicht von saisonalen Sittenstrolchen, die alle drei Monate der Haft entspringen und Ärzte belästigen, sondern von der Praxisgebühr, der wir nun Ade sagen müssen. Wie werden wir damit fertig werden, wenn anstelle drängelnder Patientenmassen das Wartezimmer vor Leere gähnt? Was machen wir mit den Tausenden Überweisungsformularen? Wohin mit dem Safe der neuesten Sicherheitsnorm?

Als allerletzter Notarzt im Deutschen Ärzteblatt, der die Nöte der täglichen Praxis kennt, fühle ich mit Ihnen. Ja, die Praxisgebühr war eine absolute Ausnahmeerscheinung, der Paracelsus der Paragrafen, der Fleming der Formulare, der Sauerbruch der Schikane! Auch wenn die Geburt der Praxisgebühr mit mancherlei Irritationen verbunden war (ich darf an die Empörung erinnern, als ein Nothelfer, der ein Kind aus einem Teich gerettet hatte, ins Krankenhaus gebracht und zuerst um zehn Euro erleichtert wurde), so ist sie, ganz aus Sicht der Erfinder, eine geniale Konstruktion: Sie brachte a) gänzlich ohne Gegenleistung, b) richtig viel Geld ein, das, c) von unbezahlten Kräften eingetrieben wurde, die wiederum, d) den Groll der Geprellten abkriegten. Hand auf das His-Bündel: Dagegen nehmen sich Hütchenspieler (erreichen niemals Punkt b) und die Mafia (weder a noch c) geradezu philanthrop aus. Solch ein Erfolgsmodell schreit geradezu nach einer Fortsetzung!

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Aber wie könnte sie gestaltet werden? Vielleicht mit einem Risikorubel: Ärzte müssen künftig für jedes Kilo Übergewicht die Betroffenen um zehn Euro erleichtern. Jedes Abhusten eines Nikotinabhängigen schlägt mit fünf Euro zu Buche. Jedes Milligramm Blutzucker über der Norm kostet ein Euro. Jedoch: Findet man so viele Doktoren, die bei Hausbesuchen die Blutzuckermessstreifen kontrollieren, besser den Blutzucker selbst abnehmen? Den Patienten qualitätskontrolliert wiegen? Abhusten obsessiv abzählen? Nein, das ist angesichts des Ärztemangels nicht durchführbar. Viel besser ist es, den Arzt als Quell allen Übels, weil diagnosestellend, für die entstandenen Kosten zu belangen. Der Doktordollar hat aber auch nicht viel Sinn, weil bei uns nicht viel zu holen ist. Wie wär’s mit einer Abgabe aufs Kranksein? Sozusagen eine Seuchensteuer? Eine Maladenmark? Nein, das kommt ganz und gar nicht infrage, weil dies zutiefst ungerecht ist. Es trifft ja nicht alle.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch ich muss eingestehen, es fällt mir kein Nachfolgemodell ein, das der Praxisgebühr würdig wäre. Wir dürfen aber sicher sein, dass solch ein Erfolg Nachkommen gebiert, daher: Entlassen Sie niemanden, üben Sie weiter das Beschwichtigen, trainieren Sie Ihre Angestellten im Geldeintreiben, und schmeißen Sie den Safe nicht weg.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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