ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Berufsperspektive Schmerztherapeut: Interdisziplinär und flexibel

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Berufsperspektive Schmerztherapeut: Interdisziplinär und flexibel

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-685 / B-601 / C-601

Böger, Andreas

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Die Schmerzmedizin versteht sich als Querschnittfach und hat Anteile aus verschiedenen Fachgebieten.

Es gibt wohl wenige Felder in der Medizin, die so auf eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen sind, wie die Schmerzmedizin. Gleichzeitig droht gerade in diesem Fachgebiet in den nächsten Jahren eine erhebliche Versorgungslücke.

Während zu Recht die Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin im Fokus der politischen und berufsständischen Aktivitäten steht, zeigt sich – von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – ein zunehmender Rückgang von schmerztherapeutisch interessierten und versierten Ärztinnen und Ärzten „in der Fläche“. Die wenigen Schmerzzentren und -ambulanzen haben immer längere Wartezeiten. Dabei ist das Querschnittsfach „Schmerzmedizin“, dem neben der Therapie auch die Schmerzdiagnostik und Schmerzforschung angehören, gerade auch für junge Kolleginnen und Kollegen äußerst interessant. Es wurde allerdings erst kürzlich als Pflichtfach in den universitären Ausbildungskatalog aufgenommen. Die großen Schmerzgesellschaften DGS (Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin) und DSG (Deutsche Schmerzgesellschaft, vormals DGSS) bieten spezielle Fortbildungen für den Nachwuchs an.

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Grundlage für die Zusatz-Weiterbildung „Spezielle Schmerzmedizin“ ist ein Facharzt eines klinischen Gebiets. Traditionell sind insbesondere Fachärzte für Anästhesie, Fachärzte für Neurologie und Fachärzte für Allgemeinmedizin an dieser Weiterbildung interessiert. Ein gutes Diversitätsmanagement in Bezug auf Fachdisziplin und Alter der Mitarbeiter sorgt für eine gesunde Mischung des Teams. Schon in der normal einjährigen Weiterbildung ist in der Regel eine Teilzeittätigkeit oder eine flexible Tätigkeit möglich.

Die Klinik für Schmerzmedizin des Roten-Kreuz-Krankenhauses Kassel ist mit 35 stationären Behandlungsplätzen eines der bundesweit größten Schmerzzentren. Hier arbeiten mehrere Ärztinnen in Teilzeit, auch eine flexible Anstellung im stationären Bereich und im angegliederten Medizinischen Versorgungszentrum Schmerzzentrum Kassel ist möglich. Denn in Kassel werden innovative Konzepte für eine optimale Weiterbildung entwickelt und erprobt, damit sich Weiterbildung, Job und Privatleben gut miteinander vereinbaren lassen.

Inhalte der Weiterbildung zum speziellen Schmerztherapeuten sind sowohl diagnostische als auch therapeutische Techniken aus der Neurologie, Anästhesie, Orthopädie und Psychologe. Die Schmerzmedizin versteht sich als Querschnittsfach und hat Anteile aus den verschiedensten Fachgebieten. So entstammen Diagnostik und Therapie der Kopfschmerzen hauptsächlich der Neurologie; die Untersuchung und Behandlung der Rückenschmerzen umfasst Inhalte der Orthopädie, Neurologie, Anästhesie und Manuellen Medizin. Neben den invasiven Techniken können sowohl Elektromyographie, Biofeedback und psychotherapeutische Techniken als auch Osteopathie, Manuelle Medizin und Akupunktur erlernt werden. Die Therapie basiert auf einem biopsychosozialen Konzept, das bezüglich der effizienten Vermittlung an den Patienten großen Gestaltungsspielraum zulässt.

Während für den ambulant tätigen Arzt Patienten mit chronischen Schmerzen oft lästige „Zeitfresser“ sind, hat man in einem Schmerzzentrum meistens ausreichend Zeit für den Patienten. Auch verteilt sich die Last immer auf mehrere Schultern, in Kassel zum Beispiel auf das „Quartett“ aus Arzt, Psychologe, Physiotherapeut und Bezugspflegekraft.

Viel Wert wird in der schmerzmedizinischen Weiterbildung in der Regel auf eine gute Ausbildung in der Arzt-Patienten-Kommunikation, im Zeitmanagement, in der Achtsamkeit (auch gegenüber sich selbst) und auf Grundlagen der Abrechnung schmerztherapeutischer Leistungen und Praxismanagement gelegt, denn statistisch arbeiten die meisten speziellen Schmerztherapeuten nach der Ausbildung in eigener Praxis oder in einer Schmerzambulanz.

Dr. med. Andreas Böger,

Chefarzt Klinik für Schmerzmedizin,
Rotes-Kreuz-Krankenhaus Kassel

„Neues Lebensgefühl“

„Im Anschluss an die Elternzeit für mein zweites Kind habe ich in der Schmerzklinik des Roten-Kreuz-Krankenhauses in Kassel eine 50-Prozent-Stelle angetreten. Ursprüngliche Idee war es, jeden Wochentag vier Stunden zu arbeiten. Um einen freien Tag zu haben, wurde das Modell auf ein Viertagemodell à fünf Stunden geändert. Angenehm finde ich den, im Vergleich zur Anästhesie, relativ späten Arbeitsbeginn, der es mir ermöglicht, meine Kinder gegen acht Uhr in den Kindergarten zu bringen. Andererseits ist man als Stationsarzt in der Schmerztherapie für seine Patienten und die Organisation des Tagesablaufs selbst verantwortlich. Man muss zusehen, die Arbeit in den fünf Stunden zu schaffen, sonst bleibt sie liegen. Das war in der Anästhesie im OP-Betrieb anders, da man problemlos von einem Kollegen abgelöst werden konnte. Sehr angenehm ist der freie Tag – und die Tatsache, dass wir im Team so flexibel sind, dass ich diesen Tag auch durchaus mal gegen einen anderen Tag tauschen kann. Diese Freiheiten sind für mich ein neues Lebensgefühl. Rufdienste machen wir in der Schmerzklinik von zu Hause aus. Auch das ist sehr familienfreundlich. Fachlich gesehen ist die Schmerztherapie ein anderes Arbeiten als die Anästhesie. Man hat einen sehr intensiven Patientenkontakt, führt viele Gespräche, muss gründliche körperliche Untersuchungen vornehmen und arbeitet oft mit Medikamenten aus dem neurologischen und psychiatrischen Fachbereich. Das ist fachlich spannend und horizonterweiternd.“ Dr. med. Anne Bogert (35)

Dr. med. Miriam Butz (39) und Dr. med. Anne Bogert (35). Foto: privat
Dr. med. Miriam Butz (39) und Dr. med. Anne Bogert (35). Foto: privat

„Ideale Mischung“

„Als Psychiaterin und Psychotherapeutin mit drei Kindern benötige ich eine Teilzeitstelle mit der familientechnisch notwendigen Flexibilität. Dabei möchte ich interessante und anspruchsvolle Aufgaben, auch gerne Führungsaufgaben übernehmen und im Team arbeiten. Geht das? Ich habe meinen Platz als Oberärztin in der Schmerzmedizin des RotenKreuz-Krankenhauses in Kassel gefunden. Hier genieße ich es, psychotherapeutische Fertigkeiten anzuwenden, meinem seit Studienzeiten bestehenden Interesse an der Neurologie nachzukommen, lerne orthopädisch/manuelle Diagnostik kennen und kann sowohl intensive Gespräche mit Patienten führen als auch mal Hand anlegen. Mein Arbeitsalltag ist durch die vielfältigen Tätigkeitsfelder wie die Betreuung stationärer Patienten, ambulantes Arbeiten, die Leitung psychoedukativer Gruppen, Teambesprechungen et cetera sehr abwechslungsreich. Natürlich ist der Sechsstundentag meiner Dreiviertelstelle manchmal für die vielfältigen Aufgaben zu kurz, durch die enge Teamarbeit besteht jedoch die Möglichkeit, Unaufschiebbares zu delegieren und sich andererseits auch einmal Freiräume zu schaffen, um zum Beispiel Schulveranstaltungen der Kinder zu besuchen. Auch wenn dieser Balanceakt zwischen Familie und Beruf einiger Planung und eines guten Zeitmanagements bedarf, stellt dieses Modell für mich die ideale Mischung aus beruflicher Tätigkeit, Familie und Freizeit dar.“ Dr. med. Miriam Butz (39)

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