ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Fachkräftemangel: Der Ärztemangel ist keine Naturkatastrophe
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Das Thema „Ärztemangel“ wird im DÄ regelmäßig thematisiert. Mich ärgert dabei aber doch sehr, wie dieses Phänomen dargestellt wird, nämlich wie eine unvermeidliche Naturkatastrophe, gegen die man sich rüsten müsse, aber deren Ursache unbeeinflussbar sei. Das stimmt einfach nicht. Auch wenn das DÄ als Hofmedium ärztlicher Institutionen sicher nicht dazu prädestiniert ist, diese kritisch zu hinterfragen, sollte auch einmal die Kampagne der Bundes­ärzte­kammer und weiterer ärztlicher Institutionen in den 90er Jahren erwähnt werden, als man glaubte, eine gefährliche „Ärzteschwemme“ mit allen Mitteln bekämpfen zu müssen. Die Wurzeln für den jetzt lauthals beklagten Fachkräftemangel wurden damals systematisch gelegt.

Ich selbst hatte sieben Jahre als Assistenzarzt der Neurologie und Psychiatrie gearbeitet, war angestellt in einer Praxis tätig, und mir lagen zwei Angebote vor, nach der Facharztprüfung in eine Gemeinschaftspraxis einzusteigen. Aus der wurde aber nichts, weil die zuständige Ärztekammer einem meiner vormaligen Chefs nachträglich einen Teil der Weiterbildungsbefugnis entzog und mir so über Nacht ein halbes Jahr Psychiatrie fehlte. Da die Praxis in einem gesperrten Bezirk lag, musste mich der Praxisinhaber auf Betreiben der KV entlassen. Ich wurde arbeitslos und fand in ganz NRW keine Anstellung. Mal wollte man mich nicht, weil die emanzipierte Chefärztin es ungehörig fand, dass meine Ehefrau nicht arbeiten ging, mal testete ein Chef aus, wie weit er den kirchlichen Träger seiner Klinik provozieren konnte, und meistens wollte man einfach niemanden, der bereits einmal in einer Praxis gearbeitet hatte (und somit in der Lage war, eigene Entscheidungen zu treffen).

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Arbeitslos mit drei kleinen Kindern wandte ich mich an die BÄK um Unterstützung. Statt einer Antwort schickte man mir kommentarlos ein Buch „Alternative Berufswege für Ärzte“ samt einer Rechnung, die dem kompletten Tagesetat unserer Familie entsprach.

Nach diesen Erlebnissen ist es sicher nicht überraschend, dass ich – dem Vorschlag der BÄK folgend – die ärztliche Karriere an den Nagel hängte und in die Industrie ging. Wenn ich jetzt lese, dass der Verband der Neurologen PR-Kampagnen macht, um junge Kollegen für das Fach zu gewinnen, dann finde ich das in Anbetracht meiner Erfahrungen unglaublich. Es versteht sich von selbst, dass ich damals kein Einzelfall war.

Wer aber jetzt glaubt, heute sei alles anders, irrt. Derzeit muss ich mich beruflich verändern und habe bei meiner zuständigen Ärztekammer nachgefragt, ob es eine Beratung gebe, um gegebenenfalls wieder ärztlich zu arbeiten . . .

Bei dieser Politik muss man sich nicht wundern, dass junge Menschen zwar Medizin studieren, aber kein Interesse haben, sich das bieten zu lassen. Und was machen Kliniken und ärztliche Institutionen? Sie werben lieber Ärzte aus anderen Ländern an, statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Was für eine Verschwendung an Ausbildung und Potenzial. Es ist einfach ein Skandal . . .

Dr. F. Jürgen Schell, 55131 Mainz

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