ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Ambulante Weiterbildung: Von der Rotation profitiert jeder

POLITIK

Ambulante Weiterbildung: Von der Rotation profitiert jeder

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-639 / B-567 / C-567

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Weiterbildung in der Arztpraxis: Prävention, Gesundheitsuntersuchungen oder Impfungen gehören in der Hausarztpraxis zum Alltag. Darüber lernen angehende Fachärzte im rankenhaus wenig. Foto: Your Photo Today
Weiterbildung in der Arztpraxis: Prävention, Gesund­heitsuntersuchungen oder Impfungen gehören in der Hausarztpraxis zum Alltag. Darüber lernen angehende Fachärzte im rankenhaus wenig. Foto: Your Photo Today

Immer mehr Erkrankungen werden ambulant behandelt. Für Ärztinnen und Ärzte in der Facharztweiterbildung stellt sich die Frage, ob sie im Krankenhaus noch all das lernen können, was sie für die Versorgung brauchen.

Für angehende Hausärztinnen und Hausärzte ist selbstverständlich, was jetzt auch für andere Fachgebiete diskutiert wird: die Weiterbildung im ambulanten Bereich. Wer den Facharzt für Allgemeinmedizin anstrebt, muss zwei Jahre seiner Weiterbildungszeit in einer Hausarztpraxis ableisten, damit er die gesamte Bandbreite des hausärztlichen Tätigkeitsspektrums kennenlernt.

Anzeige

Dr. med. Dorothea Dehnen hat diesen Weg eingeschlagen. Sie befindet sich im vierten Jahr ihrer Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin. Nach zwei Jahren in der Inneren Medizin im Krankenhaus arbeitet sie inzwischen als Ärztin in Weiterbildung in der Hausarztpraxis von Priv.-Doz. Dr. med. Birgitta Weltermann. Die Praxis ist dem Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Essen angeschlossen, den Weltermann leitet.

Was ist in der Praxis anders als in der Klinik? „Man hat eine intensive 1:1-Betreuung durch den Lehrarzt. Das empfinde ich als sehr positiv“, sagt Dehnen. Sie schätzt es, dass sie ihre Patienten direkt mit ihrer Weiterbilderin besprechen kann, sie bei diagnostischen Verfahren unmittelbar hinzuziehen oder sich von ihr anleiten lassen kann.

In die Praxis – aber freiwillig

Dazu komme, dass man in der Allgemeinmedizin alle Altersgruppen betreue, zum Teil auch im häuslichen Umfeld. „Man kann so bei der Therapie auch die familiäre und soziale Situation mit berücksichtigen“, meint Dehnen. Einen hohen Stellenwert in der ambulanten Weiterbildung habe auch die Prävention. „Damit hat man im Krankenhaus ja eher weniger zu tun.“ Gesundheitsuntersuchungen, Krebsvorsorge, Impfungen oder Ernährungsberatung spielten im Praxisalltag eine große Rolle.

Dabei denkt die angehende Hausärztin auch gern an ihre Zeit im Krankenhaus zurück. „Ich hatte eine gute Klinikzeit, habe dort viel über Notfall- und Intensivmedizin gelernt.“ Würde sie auch einen Teil ihrer Weiterbildung im ambulanten Bereich verbringen, wenn es nicht Pflicht wäre? „Ich finde es sinnvoll, einmal in die Praxis zu rotieren – aber freiwillig“, erklärt Dehnen. „Über das Kassenarztsystem lernt man im Krankenhaus überhaupt nichts. Dabei ist das wichtig, unabhängig davon, ob man Allgemeinmedizin macht oder nicht.“ Damit es nicht zum Sprung ins kalte Wasser werde, wenn man sich später doch einmal niederlassen wolle.

Ohne Pflicht geht es nicht

Ähnlich sieht das Dehnens Chefin, Birgitta Weltermann: „Ich finde es wünschenswert, dass jede Weiterbildung eine ambulante Rotation beinhaltet.“ Das Verständnis für den jeweils anderen Sektor, für dessen Limitationen und Stärken sei besser, wenn man dort selbst einmal gearbeitet habe. „Außerdem gibt es viele Krankheitsbilder, die inzwischen ambulant genauso gut behandelt werden wie stationär.“

Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), geht noch einen Schritt weiter und attestiert den Kliniken Lücken bei der Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses. In den Krankenhäusern gebe es beispielsweise kaum noch Hauptabteilungen für HNO- oder Augenheilkunde. Viele Operationen fänden nur noch ambulant statt. Das führe dazu, dass die Weiterzubildenden in den Krankenhäusern vor allem auf grundversorgende Anteile der Patientenbetreuung, wie sie einen Großteil der täglichen Praxisarbeit ausmachten, nicht vorbereitet würden. Für die Thüringer Hausärztin steht deshalb fest: „Wir werden eine Verpflichtung zur ambulanten Weiterbildung brauchen. Ohne eine solche wird es nicht gehen.“ Es könne nicht sein, dass in Fächern, deren Versorgungsgeschehen ganz überwiegend von ambulanten Leistungen bestimmt werde, die Weiterbildung ausschließlich an Krankenhäusern stattfinde.

An diesem Punkt scheiden sich jedoch die Geister. Der Deutsche Ärztetag, der die Rahmenvorgaben für die Weiter­bildungs­ordnung beschließt, hatte sich im vergangenen Jahr gegen eine Pflicht zur ambulanten Weiterbildung ausgesprochen. Nach dem Willen der Befürworter einer solchen Verpflichtung hätten Assistenzärzte aller Fachrichtungen mit Patientenkontakt künftig sechs Monate in einer Arztpraxis arbeiten müssen. Fiel die Entscheidung damals denkbar knapp aus, glaubt Rudolf Henke heute, dass sich die Zahl derjenigen verkleinert, die eine Pflicht zur ambulanten Weiterbildung fordern. Der Vorsitzende des Marburger Bundes (MB) betont, die Ärztegewerkschaft lehne eine solche Pflicht ab. Natürlich spreche nichts dagegen, niedergelassene Ärzte stärker in die Weiterbildung einzubinden. „Aber es sollte keinen Zwang geben“, meint Henke. „Wir haben ja den vergeblichen Versuch erlebt, ein Pflichttertial Allgemeinmedizin im praktischen Jahr zu etablieren. Da war der Protest der Medizinstudierenden riesig. Ich kann nur empfehlen, das als Mahnung zu sehen.“

Vonseiten der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) heißt es diplomatisch: „Eine satzungsgemäße Verankerung von festen Weiterbildungszeiten im ambulanten Sektor, die in den Weiter­bildungs­ordnungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern verpflichtend geregelt ist, wird es nicht geben, solange die Umsetzung dieser Forderung weiterhin unklar ist.“ Mit anderen Worten: Solange die Finanzierung nicht gesichert ist, wird es keine Weiterbildungspflicht im ambulanten Bereich geben. Denn noch ist es so, dass niedergelassene Ärzte, die einen Weiterbildungsassistenten anstellen, weder mehr Patienten behandeln noch mehr Leistungen abrechnen dürfen. „Warum sollte ich jemanden beschäftigen, der mich Geld kostet, der aber keine eigenen Erträge erwirtschaften darf?“, fragt MB-Vorsitzender Henke. Wie im Krankenhaus müsse es auch in der Arztpraxis selbstverständlich sein, dass die Leistungen, die jemand während seiner ärztlichen Weiterbildung erbringt, auch vergütet werden. „Dafür müssen Honorarbegrenzungen fallen“, fordert Henke.

Extrageld für Weiterbildung?

KBV-Vorstand Feldmann würde am liebsten das Förderprogramm, das es für die Allgemeinmedizin bereits gibt, weiterentwickeln und auf andere Facharztgruppen der Grundversorgung ausdehnen. Doch ihre Vorstellungen gehen noch weiter: „Ich möchte, dass für jeden Weiterzubildenden eine Summe Geld zur Verfügung steht, die er an seine jeweilige Weiterbildungsstätte mitnimmt“, erklärt Feldmann. „Mit anderen Worten: Jeder Arzt in Weiterbildung bekommt einen ,Rucksack‘ finanzieller Förderung, der für die Weiterbildungsdauer die Förderung unabhängig von der Weiterbildungsstätte garantiert.“ Die KBV prüfe derzeit auch die Optionen eines Stiftungsmodells.

Gute Stellensituation

Bei der Bundes­ärzte­kammer beschäftigt sich eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe mit dem Thema. Denn auch dort ist man der Ansicht, dass nicht die Attraktivität der Arztpraxis als Weiterbildungsstätte das Problem ist, sondern die Vergütung der Weiterzubildenden. Deren angemessene Bezahlung könne nicht flächendeckend gewährleistet werden, solange die Weiterzubildenden in den Arztpraxen keine eigenen Erlöse erzielten und Praxisbudgets nicht im entsprechenden Umfang gesteigert werden könnten. In dieser Frage sei man ebenso wie bei der umstrittenen Pflicht zur ambulanten Weiterbildung in einem intensiven Austausch mit der KBV. Die Arbeitsgruppe will dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer voraussichtlich Ende April erste Beratungsergebnisse vorlegen.

Während man in der Frage der Finanzierung noch nach Lösungen sucht, haben Neuerungen wie Weiterbildungsverbünde bereits für mehr Flexibilität in der Weiterbildung gesorgt. Der Verbund in Essen, dem Weltermann und Dehnen angehören, umfasst 39 Kliniken und akademische Lehrpraxen (siehe auch DÄ, Heft 24/2012). „Die Verbundweiterbildung hat es mir natürlich relativ leicht gemacht, zwischen den Versorgungsbereichen zu wechseln“, sagt Dehnen. Dazu komme die gute Stellensituation auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt. Sie erleichtere auch interessierten Kollegen aus anderen Fächern einen Wechsel in die Praxen niedergelassener Ärzte. „So weit verbreitet wie in der Allgemeinmedizin ist das allerdings noch nicht“, sagt sie auch mit Blick auf den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis.

Heike Korzilius

Das fordert der Ärztetag

Im vergangenen Jahr hat sich der 115. Deutsche Ärztetag dafür ausgesprochen, die Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Ärztinnen und Ärzte zu fördern. Eine Pflicht zur ambulanten Weiterbildung lehnte er jedoch mit 120 zu 99 Stimmen ab.

Auch in diesem Jahr wird sich der Deutsche Ärztetag mit dem Thema beschäftigen. Denn er hatte den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer damit beauftragt, Ende Mai in Hannover Vorschläge für Änderungen an der Weiter­bildungs­ordnung vorzulegen, die berücksichtigen, dass im Krankenhaus zunehmend hochspezialisierte Leistungen erbracht werden und wichtige Bereiche der Grundversorgung in vielen Fächern nur noch ambulant abgedeckt werden.

Zugleich hatte der Deutsche Ärztetag 2012 die Kassenärztliche Bundesvereinigung, Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenkassen und Politik aufgefordert, die finanziellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass mehr Weiterbildung ambulant stattfinden kann. Kritisiert wurde damals auch, dass weder die Diagnosis Related Groups im Krankenhaus noch der Einheitliche Bewertungsmaßstab in den Arztpraxen die Weiterbildung ökonomisch abbilden. Es müsse zwingend eine angemessene Finanzierung zur Sicherstellung der Weiterbildung gewährleistet sein, hieß es in einem Beschluss.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema