ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Börsebius: Zypern und der Tabubruch

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Börsebius: Zypern und der Tabubruch

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-684 / B-600 / C-600

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Seit einigen Wochen wollte ich das Thema Zypern hier bereits thematisieren und habe jedes Mal davon abgelassen, weil zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen zu viel hätte passieren können. Heute wissen wir, dass die Sorge wohlbegründet war; was sich an Chaos und Hickhack im Monat März ereignete, geht wirklich nicht auf die berühmte Kuhhaut.

Nun ist immerhin klar, dass die Laiki-Bank aufgelöst, die Bank of Cyprus drastisch verkleinert wird, Großinvestoren bluten müssen, und Spareinlagen unter 100 000 Euro vorerst (!) gesichert sein sollen. Also traue ich mich doch, einen Börsebius zu dieser gesamteuropäischen Horrorgeschichte zu verfassen; wohl wissend, dass sich noch viel Unvorhergesehenes ereignen kann, zumal die zyprischen Banken auch nach dem unvermeidlichen Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch geschlossen sind.

Es fällt gleichwohl schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. In diesem Drama war Selbstverständliches einfach nicht mehr selbstverständlich. Und viele Akteure, obgleich des Pokerspiels nicht mächtig, warfen sich Knüppel zwischen die Beine. Etliche glaubten, versteinerte Minen ersetzten die Ahnungslosigkeit allenthalben.

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Wahr ist wohl, dass die zyprischen Banken der Regel „pass gut auf das anvertraute Kapital auf“ schlicht nicht folgten, sondern die Kundeneinlagen in hochriskante Papiere steckten. Das musste einfach schiefgehen. Wahr ist aber auch, dass die Kunden dies hätten wissen müssen: Wenn mir eine Bank über vier Prozent Zinsen (auf Schwarzgeld) bietet, dann kann sie nichts anderes tun, als das Kapital hochriskant anzulegen. Bei einigem Nachdenken hätte auch denen, die heute jämmerlich in die Fernsehschirme weinen, klar sein müssen, dass Spekulationskapital auch mal vor die Hunde gehen kann. Und muss. Das wissen die Deutschen nicht erst seit der Herstatt-Pleite und so manch anderer Spekulation (Solaraktien, Mittelstandsanleihen, geschlossene Immobilienfonds). Im Übrigen wundere ich mich schon sehr, dass dieser einfache Sachverhalt für so viel Verwunderung sorgt, sowohl bei den Marktteilnehmern als auch den Politikern und den Finanzmarktbeobachtern.

Was mich wirklich ängstigt, ist die mentale Annäherung so mancher Politiker an die Zwangsabgabe, die in der zyprischen Elendsgeschichte plötzlich ins Spiel kam, und vor der nun jeder behauptet, es sei nicht seine Idee gewesen. Aber nun ist sie in der Welt und könnte – im Zweifel – als Steuer wohl auch hierzulande erhoben werden. Es ist ein Irrsinn, einerseits zu erklären, die Einlagen seien bis 100 0000 Euro geschützt, und andererseits zu behaupten, eine Zwangsabgabe würde dem nicht widersprechen.

Der Tabubruch ist da, der Tabubruch ist immens. Frau Merkel, sind die Spareinlagen wirklich noch sicher?

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