ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Wolfgang Ewald Hallmann: Maler, Grafiker, Provokateur: Blalla schneidet sein Leben in Linol

KULTUR

Wolfgang Ewald Hallmann: Maler, Grafiker, Provokateur: Blalla schneidet sein Leben in Linol

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-675 / B-595 / C-595

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

. . . und erzählt in 149 Episoden von biografischen Höhepunkten und Abstürzen. Die Blätter sind jetzt in Kassel und später in Bremen, Bonn und Heidelberg zu sehen.

Zwischen März und September 1995 arbeitete Wolfgang Ewald Hallmann, der sich Blalla nannte, an seinem Curriculum Vitae (CV) – als habe er vor seinem Tod noch etwas abschließen müssen. Es entstanden 149 Linolschnitte, alle auf 34 × 25 cm Blättern im Bildformat 28 × 19 cm, dazu kurze Texte. Blalla starb anderthalb Jahre später, am 2. Juli 1997, mit 56 Jahren, an einem Dickdarmkarzinom. Sein CV verschweigt wenig, beschreibt in harten Bildern und schnörkellosen Texten das unstete Leben, die langanhaltende Psychose, die sexuellen Obsessionen, die flüchtigen Beziehungen zu Frauen, unterbrochen von gelegentlichen Lichtblicken. Auffallend die zwiespältige Sicht des Religiösen: Blalla scheint einerseits fasziniert zu sein von christlicher Lehre und katholischen Riten (obwohl selbst protestantisch), anderseits abgestoßen von deren Amtsträgern. Sie werden als heuchlerisch und lüstern erlebt. Heute, im Zeichen von sexuellem Missbrauch und Vatileaks mutet Blalla ahnungsvoll an, zu seinen Lebzeiten galten viele seiner Werke als skandalös und pornografisch.

Begegnung mit dem Tod

Anzeige

Der Zyklus der 149 Linolschnitte ist jetzt in Kassel zu sehen. Bezeichnenderweise im Museum für Sepulkralkultur. Dem Tod ist Blalla in seinem Leben schließlich oft begegnet, wenn er auch allem Anschein nach ein „trotz allem“ dem Leben zugewandter, trinkfreudiger Mensch gewesen ist. Witzig, mit Lust an der Provokation. Vor allem aber ein ausgezeichneter Maler. Kein Vertreter der Art brut, wenn man auch geneigt ist, ihn wegen seiner schizophrenen Psychose zwischen 1969 und 1979 dazu zu rechnen. Das aber stimmt nicht. Blalla war ein „gelernter“ Maler und Grafiker. Aus der Psychose tauchte er geheilt wieder auf. Der Kölner Sammler und Psychiater Dr. med. Hartmut Kraft spricht sogar von einer „PlusHeilung“. Gemeint ist, dass der Künstler nach seiner Gesundung zur schöpferischen Höhe gelangte. Die Kasseler Ausstellung, die anschließend auf Wanderschaft geht, nährt sich von Krafts Sammlung. Dieser hat nicht nur die Linolschnitte, sondern auch bezeichnende Gemälde aus den wichtigsten Schaffensperioden beigesteuert. Im Katalog, der erstmals alle 149 biografischen Blätter versammelt und auch als eigenständiges Buch gelesen werden kann, führt Kraft in Blallas Leben und Werk ein und setzt sich ebenfalls mit dessen Psychose auseinander. Der Ausstellungsbesucher (oder Leser) mag sich anschließend einer Aufgabe unterziehen, die Museumsleiter Prof. Dr. Reiner Sörries bei der Eröffnung am 24. Februar seinen Zuhörern aufgab: Versuchen Sie doch mal, Ihr eigenes Leben auf 149 Ereignisse zu konzentrieren!

Lust an der Provokation

Blalla ist schwer einzuordnen. Die Linolschnitte sind nach seiner eigenen Einschätzung von Frans Masereel beeinflusst. Sie gleichen aber auch Comics. Manche der Gemälde erinnern an Max Ernst; das gilt sowohl für die surrealen Landschaften wie auch den untergründigen Witz. Andere an die beängstigenden Welten von Hieronymus Bosch. Das auch, weil Blalla die malerischen Techniken fast altmeisterlich anwandte. „Informell geht schnell, und monochrom ist monoton“, lautet denn auch eine Blalla’sche Spruchweisheit, mit der er eine modische Richtung seiner Zeit ironisiert, der er nicht folgte.

Die Lust an der Provokation, am Obszönen, ja Pornografischen hat sicherlich mit Blallas innerer Entwicklung zu tun. Sie ist aber auch Ausdruck einer Zeit, in der „Spontis“ und die außerparlamentarische Opposition die Autoritäten infrage stellten. Vielfach zu Recht. Man, und so auch Blalla, suchte und fand unter der bürgerlichen Decke die immer noch verbreitete Denkart der Nazis oder heimlich ausgelebte sexuelle Wünsche. Mit seiner Malerei, übrigens auch seinem Theater (aber das wäre ein Kapitel für sich), versuchte er, das Verheimlichte aufzudecken. Blalla, der Aufklärer.

Norbert Jachertz

Die Ausstellung „Ecce BLALLA! Abstürze und Höhenflüge“ wird bis zum 21. April im Museum für Sepulkralkultur, Kassel, gezeigt (www.sepulkralmuseum.de); Telefon: 0561 91893-0) und wandert dann nach Bremen (5. Mai bis 14. Juli; Krankenhaus-Museum/KulturAmbulanz, Bremen-Ost), Bonn (6. November 2013 bis 2. Februar 2014; LVR-Landesmuseum) und Heidelberg (15. Mai bis 17. August 2014; Sammlung Prinzhorn).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema