ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2013Informationsinfrastrukturen: Rohstoff der Zukunft

POLITIK

Informationsinfrastrukturen: Rohstoff der Zukunft

Dtsch Arztebl 2013; 110(14): A-649 / B-576 / C-576

Krüger-Brand, Heike E.

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Für den Umgang mit Massendaten fehlen nachhaltige Strategien. Nicht das Sammeln, sondern das Nutzbarmachen der Daten ist dabei die große Herausforderung.

Der Daten-Tsunami in der Medizin rollt“, erklärte Prof. Dr. med. Otto Rienhoff, Direktor der Abteilung Medizinische Informatik der Universitätsmedizin Göttingen, bei der 5. TMF-Jahrestagung Mitte März in Heidelberg. Im Mittelpunkt der vom TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. ausgerichteten Veranstaltung stand die Frage, ob die Medizin ausreichend auf „Big Data“ vorbereitet ist und welche Informationsinfrastrukturen hierfür erforderlich sind. Zu Letzteren zählen etwa Wissensdatenbanken, Register, Objektsammlungen, Archive und Bibliotheken.

Die Medizin zählt zu den besonders datenintensiven Disziplinen: Durch die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte zum Beispiel in der Bildverarbeitung oder bei der Genomsequenzierung und die zunehmende Vernetzung der Forschung fallen immer größere Datenmengen an, die verarbeitet werden müssen. Hierfür spielen etwa das KKS-Netzwerk (Koordinierungszentren für Klinische Studien), Register, zentrale IT-Infrastrukturen und zunehmend auch Biomaterialbanken eine wichtige Rolle. Darauf verwies Prof. Dr. med. Guido Adler, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg. „Biobanken sind strategisch wesentlich für die klinische Forschung. Eine Fakultät, die keine Biobank aufbaut, wird in zehn Jahren einen Nachteil haben“, betonte Adler. Die Kosten dafür würden jedoch häufig unterschätzt: „Sie sind hoch, nicht nur zu Beginn, sondern auch im Verlauf.“ Hierfür seien eine nachhaltige Finanzierung und Zugangsregelungen erforderlich.

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Das Thema „Big Data“ wird jedoch derzeit nicht nur innerhalb der Medizin, sondern auch in anderen Wissenschaftsbereichen diskutiert. Hintergrund ist eine Empfehlung des Wissenschaftsrates vom Juli 2012, in der dieser „eine strategische Weiterentwicklung des Gesamtsystems der Informationsinfrastrukturen in Deutschland“ für „dringend erforderlich“ erachtet (Kasten). „Informationen haben einen immer größeren Wert, und auch der Zugang zu ihnen ist wertvoll“, erläuterte Prof. Dr. Antje Boetius vom Wissenschaftsrat. Informationsinfrastrukturen werden in allen Fächern benötigt, sie seien in Form von Archiven und Sammlungen faktisch die Wissensbewahrer.

Dabei ist inzwischen nicht mehr vorhersehbar, wozu die Masse an gespeicherten Daten einmal gut sein wird. Beispiel Lebenswissenschaften: Die Menge an biologischer Information, die der Forschung zur Auswertung zur Verfügung steht, wächst rasant, ebenso die Leistungsfähigkeit der Datenspeicher – nach dem Moore’schen Gesetz verdoppelt sich der Speicherplatz von Computerchips durchschnittlich alle 20 Monate. Und während die Kosten für Sequenzierung und Datenspeicherung kontinuierlich sinken, sind die Kosten, diese Daten zusammenzuführen, auszuwerten und für die Nutzung aufzubereiten, ungleich höher und steigen weiter.

Fachübergreifende Strategie erforderlich

Die „Spielregeln“, wie künftig mit Informationsinfrastrukturen umgegangen werden soll, sind Boetius zufolge unklar. Wer soll über Förderung und Weiterentwicklung der Forschung und Fachkulturen, über die Frage der Daten, der Objektbewahrung und des Informationstransfers entscheiden, wer über die Prioritäten angesichts knapper Kassen? „Das sind fachübergreifende Fragen“, betonte Boetius. „Strategien für die langfristige Sicherung von zentralen Informationsinfrastrukturen fehlen uns.“ Den raschen standortunabhängigen Zugang zu Daten- und Wissensbeständen zu gewährleisten, sei eine öffentliche Aufgabe. Zu lösen sind dabei vielfältige Probleme, darunter die langfristige Sicherung der Daten (Haltbarkeit der Speichermedien), die flexible Anpassung an neue Bedarfe und Methoden (Beispiel: mobiler Zugang), die Finanzierung sowie die internationale Anbindung.

Heike E. Krüger-Brand

Empfehlungspapier

Der Wissenschaftsrat empfiehlt eine ausreichende Grundfinanzierung für die wissenschaftliche Informationsinfrastruktur durch Bund und Länder. Errichtung, Betrieb und Finanzierung müsse dabei über Ländergrenzen hinweg und auch im internationalen Verbund geregelt werden. Zentrale Aufgabenfelder sind:

  • Lizenzierung (Veröffentlichung durch Verlage)
  • Hosting/Langzeitarchivierung
  • nichttextuelle Materialien (wie Biobanken)
  • Retrodigitalisierung/kulturelles Erbe
  • virtuelle Forschungsumgebungen (zum Beispiel die Frage der Metadaten zu Proben)
  • Open Access
  • Forschungsdaten und
  • Informationskompetenz/Ausbildung.

Der Wissenschaftsrat hat ein zweistufiges Koordinierungsmodell vorgeschlagen: einerseits die stukturbildende Koordinierung der Aufgabenfelder durch fach-, forschungsfeld- und medienbezogene Initiativen, andererseits die Koordinierung des Gesamtprozesses durch einen noch zu etablierenden Rat für Informationsinfrastrukturen als Austauschplattform.

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz will bis zum Juni 2013 entscheiden, ob es ein solches fachübergreifendes Koordinierungsgremium geben soll.

Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020, Drs. 2359.12, Berlin 13. Juli 2012, www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2359-12.pdf

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