ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2013Iatrogene Chronifizierung durch Pseudodiagnose
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Unter anderem geht die Leitlinie auch auf iatrogene Chronifizierungsfaktoren und ungünstiges Behandlerverhalten ein. In der versicherungsmedizinischen Tagesarbeit bei einer größeren privaten Kran­ken­ver­siche­rung fällt mir seit Jahren noch ein anderes diagnostisch/therapeutisches Vorgehen bei somatoformen Körperbeschwerden auf, das zu einer iatrogenen Chronifizierung beiträgt.

Dabei handelt es sich um die Belegung somatoformer, funktioneller und nicht-spezifischer Körperbeschwerden mit Pseudodiagnosen im Rahmen alternativmedizinischer Behandlung.

Ich möchte dies anhand des Beispiels der Pseudodiagnose „Darmmykose/Candidamykose“ verdeutlichen. Diese Pseudodiagnose wird von Alternativmedizinern regelhaft schon dann gestellt, wenn vereinzelt Candida albicans im Stuhl nachgewiesen wird. Wie Sie wissen, kann Candida bei circa 50–70 % aller gesunden Probanden im Darm nachgewiesen werden, ohne dass eine behandlungsbedürftige Krankheit vorliegt. Die Pseudodiagnose Candidamykose wird trotzdem regelmäßig als Ursache für alle möglichen bestehenden körperlichen Beschwerden wie Müdigkeit, Obstipation, Meteorismus, Harnwegsinfekte, Kreislaufbeschwerden, Muskelschmerzen und Schmerzen verschiedenster Lokalisation herangezogen.

Die Behandlung erfolgt oftmals mittels Infusionen von Vitaminen und Spurenelementen, durch Colon-Hydrotherapie oder die Gabe von Antimykotika.

All dies entspricht ungünstigem Behandlerverhalten und trägt zur iatrogenen Chronifizierung der Beschwerden bei. Eine solche Behandlung ist bestenfalls wirkungslos, kann im Fall des Einsatzes von Colon-Hydrotherapie oder Antimykotika aber auch ernste adverse Wirkungen haben.

Auf jeden Fall lenkt eine solche Pseudodiagnose und -therapie von der eigentlich wirksamen und medizinisch notwendigen psychotherapeutischen Behandlung ab und verzögert oder verhindert eine solche letztlich.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0270a

Dr. med. Rainer Hakimi
Stuttgart
rainer.hakimi@hallesche.de

Interessenkonflikt

Der Autor ist leitender Gesellschaftsarzt der Halleschen Kran­ken­ver­siche­rung.

1.
Schaefert R, Hausteiner-Wiehle C, Häuser W, Ronel J, Herrmann M, Henningsen P: Clinical Practice Guideline: Non-specific, functional and somatoform bodily complaints. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(47): 803–13 VOLLTEXT
1.Schaefert R, Hausteiner-Wiehle C, Häuser W, Ronel J, Herrmann M, Henningsen P: Clinical Practice Guideline: Non-specific, functional and somatoform bodily complaints. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(47): 803–13 VOLLTEXT

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