ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Liebe: Peggy Kouroumalos – Immer diese Versuchungen

KUNST + PSYCHE

Liebe: Peggy Kouroumalos – Immer diese Versuchungen

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 146

Kraft, Hartmut

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Swine. Bleistift und Ölfarbe auf Holz. 25,4 × 21 cm. Rückseitig mit maschinenbeschriftetem Aufkleber zum Künstler, Titel, Jahr et cetera, monogrammiert P. K. und datiert 2006. Foto: Eberhard Hahne
Swine. Bleistift und Ölfarbe auf Holz. 25,4 × 21 cm. Rückseitig mit maschinenbeschriftetem Aufkleber zum Künstler, Titel, Jahr et cetera, monogrammiert P. K. und datiert 2006. Foto: Eberhard Hahne

Eine nur spärlich bekleidete junge Dame sitzt barbusig auf dem Schoß eines Mannes, der aus einem Schweinekostüm herausschaut. Dieses eigentümliche Motiv der jungen kanadischen Künstlerin Peggy Kouroumalos bedarf zu seiner Entschlüsselung eines Rückgriffs auf die Kunstgeschichte. Eine erotische, verführerische Szene in Verbindung mit einem Schwein lässt sofort an die „Versuchung des Heiligen Antonius“ denken. Er wird stets mit einem Schwein als Begleittier dargestellt. Berühmt sind die künstlerischen Umsetzungen seiner Versuchungen durch die ihn quälenden Dämonen, durch Reichtum, Völlerei – und vor allem durch schöne Frauen. Hieronymus Bosch, Pieter Breughel, Jacques Callot bis hin zu Alfred Kubin, Max Ernst und Salvador Dalí haben seit mehr als 500 Jahren eindrucksvolle, dramatische Darstellungen dieses Themas gemalt. Das Schwein als Begleittier des Heiligen kann dabei verstanden werden als das von ihm gezähmte Unreine, Unkeusche, Faule und Lasterhafte.

Aus drei ganz unterschiedlichen Betrachtungsweisen heraus kann dieses Thema bis heute Aufmerksamkeit beanspruchen:

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 Es ist kirchengeschichtlich bedeutsam, da der Heilige den Gläubigen als leuchtendes Vorbild vor Augen geführt wurde, als einer, der allen Versuchungen des Teufels widerstanden hatte.

 Medizinhistorisch relevant ist das nach ihm benannte „Antoniusfeuer“, das als Strafe für sündigen Lebenswandel angesehen wurde. Erst im 17. Jahrhundert wurde entdeckt, dass es sich in Wirklichkeit um eine Vergiftung durch Mutterkornalkaloide handelt. Diese führen zu einem „brennenden“ Schmerz durch Gefäßverengungen, vor allem an den Extremitäten.

 Drittens aber ist dieses Thema eine Fundgrube für Psychotherapeuten. Die Wiederkehr der verdrängten sexuellen, aggressiven und narzisstischen Wünsche in Form von Fantasien, Träumen, gar Halluzinationen ist wohl kaum je prägnanter dargestellt worden als auf den Bildern der genannten Künstler. Unter dem Deckmantel der Schilderung schauerlicher Sünden erlaubte das Thema die Darstellung von „unzüchtiger“ Nacktheit, Wollust und sadistischer Aggression.

Vor diesem geschilderten Hintergrund muss das hier gezeigte Bild überraschen. Der Heilige wird hier nicht in Begleitung des von ihm domestizierten, „bewältigten“ Schweins gezeigt – er ist stattdessen in dieses hineingeschlüpft! Dieses vermeintliche Kostüm sitzt ihm so eng an, dass es im Bereich des Unterkörpers ununterscheidbar in seine menschliche Gestalt übergeht. Dieser Heilige hat sich mitnichten seiner sexuellen Triebe entledigt, er steht sozusagen mittendrin im Geschehen. Besonders pikant wird die Szene noch dadurch, dass dieses Paar auf einem hohlen Baumstamm sitzt, dem klassischen Symbol für abgestorbene, abgetötete Sexualität. Welch ein Irrtum, könnten wir sagen. Vielleicht bleibt es ja beim Tête-à-tête, obwohl die Schweinepfote schon auf der Innenseite des nackten Oberschenkels der attraktiven Dame ruht. Möglicherweise hält es diesen Antonius, wie immer mit Bart dargestellt, aber auch nicht in seinem Kostüm. Der Kampf ist stets unentschieden, die Wiederkehr des Verdrängten immer zu erwarten – sie liefert bis heute Stoff für spannende Bilder. Ein unendliches Thema. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Peggy Kouroumalos

Kanadische Künstlerin griechischer Abstammung, über die bislang noch kein monografischer Katalog existiert. Ausstellungen seit 2004, 2006 Diplom am Ontario College of Art and Design. Lebt in Montreal, Kanada.

1.
Kraft H: Die Versuchung des Heiligen Antonius. Lo Spirito del Lago. Köln: Salon Verlag 2004.
2.
Philipp M, Westheider O (Hrsg.): Schrecken und Lust. Die Versuchung des Heiligen Antonius. Katalog Bucerius-Kunstforum Hamburg. München: Hirmer 2008.
3.
Reik Th: Flaubert und seine „Versuchung des Heiligen Antonius“. Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie. Minden: Bruns 1912.
1. Kraft H: Die Versuchung des Heiligen Antonius. Lo Spirito del Lago. Köln: Salon Verlag 2004.
2.Philipp M, Westheider O (Hrsg.): Schrecken und Lust. Die Versuchung des Heiligen Antonius. Katalog Bucerius-Kunstforum Hamburg. München: Hirmer 2008.
3. Reik Th: Flaubert und seine „Versuchung des Heiligen Antonius“. Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie. Minden: Bruns 1912.

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