ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Berichte an den Gutachter: Braucht es immer einen Konflikt?

THEMEN DER ZEIT

Berichte an den Gutachter: Braucht es immer einen Konflikt?

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 171

Jungclaussen, Ingo; Stang, Martina

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Die Antrags-Supervisoren Ingo Jungclaussen und Martina Stang geben Ratschläge zum Berichteschreiben in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und in der analytischen Psychotherapie.

Psychotherapeuten stellen sich innerhalb der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (TP) im Bericht an den Gutachter häufig die Frage: „Braucht man in der TP denn immer einen Konflikt?“ Oder: „Darf ich strukturelle Störungen auch mit TP behandeln, oder muss ich den Patienten in eine analytische Psychotherapie (AP) überweisen?“ Richtig ist, dass der klassische Indikationsbereich für die TP lange nur rein neurotische, konfliktbedingte Störungen umfasste. Daraus wurde abgeleitet, dass (schwere) strukturelle Störungen nicht mit der TP behandelt werden dürften beziehungsweise man für eine TP-Indikation immer einen Konflikt benötige. Diese Auffassung ist in dieser Pauschalität inzwischen ausdrücklich überholt und falsch.

Zunehmendes Umdenken

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Vor allem durch den Einfluss von Gerd Rudolf und seiner ab 2004 veröffentlichten „Strukturbezogenen Psychotherapie“ hat zunehmend ein Umdenken stattgefunden, welches auch in den Faber-Haarstrick-Kommentar der Psychotherapie-Richtlinien eingeflossen ist. In der 6. Auflage (2003) wurden „strukturelle Störungen, welche vor allem das interpersonelle Verhalten beeinflussen“ als Störungsbilder für die TP-Indikation genannt.

In der wichtigen Neufassung der Psychotherapie-Richtlinien aus dem Jahr 2009 wurden dann neben den „aktuell wirksamen neurotischen Konflikten“ auch explizit „strukturelle Störungen“ in den offiziellen Indikationsbereich der TP mit aufgenommen. In der heute gültigen 9. Auflage des Kommentars (2012) werden für die TP ausdrücklich „strukturelle Ich-Defekte“ genannt, die ein „abgesetztes, aktuell wirksames Krankheitsgeschehen in der Psychodynamik darstellen“.

Dass strukturbezogenes Arbeiten in die Methode der TP einbezogen wurde, hat Ermann zu dem Begriff der „modifizierten TP“ geführt (2004, 2007); im Übrigen ein Begriff, der inzwischen auch im Zusammenhang mit Traumafolgestörungen in den Faber-Haarstrick offiziell eingeflossen ist. Allerdings sind an strukturbezogenes Arbeiten in der TP wichtige Voraussetzungen geknüpft:

  • Symptombezogen: Strukturelle Probleme müssen in der TP aktuell und konkret symptomwertig sein und ein krankheitswertiges Leiden hervorrufen.
  • Psychodynamisch: Die strukturelle Störung muss in einer aktualgenetischen Dimension vorliegen, das heißt durch den zugespitzten Druck eines aktuellen Auslösers muss ein bestimmtes strukturelles Defizit die aktuelle Lebensführung beeinträchtigen und zu Symptomen führen.
  • Abgrenzbarkeit: Die aktuelle Krankheitsentstehung soll in der TP möglichst abgrenzbar sein. Wenn hingegen mehrere strukturelle Defizite krankheitswertig sind, muss der Zielbereich eingegrenzt werden.
  • Auf die Zielsetzung bezogen: Im Psychotherapie-Kommentar werden für die TP eng „umschriebene Zielsetzungen“ verlangt. Das heißt, es ist mit der TP vereinbar, wenn durchaus nur partielle strukturelle Verbesserungen zu erwarten sind. Es sollte aber deutlich werden, dass und wie diese dem Patienten verhelfen, sein Leben und seine sozialen Beziehungen besser zu meistern.
  • Methodisch: Aus der Vorgabe begrenzter Zielsetzungen (das heißt keine globale strukturelle Veränderung wie in der AP) leiten sich methodische Anforderungen für die TP ab. Gemeint ist das zentrierte/fokussierte Vorgehen: Sie wählen also aus der Fülle der strukturellen Fähigkeiten (zum Beispiel OPD-Strukturachse) zur Fokusbildung einen oder maximal zwei Teilbereiche aus (zum Beispiel Affekt- und Selbstwertregulation). Dieser sollte zum einen mit den zeitlichen und methodischen Möglichkeiten der TP realistisch umzusetzen sein und zum anderen dem Patienten in seiner momentanen Lebensführung derzeit am meisten helfen.

Strukturelle Veränderungen

Inzwischen darf man auch in der TP in der Zielsetzung umgrenzte (!) strukturelle Veränderungen anstreben. Dies entspricht den Psychotherapie-Richtlinien und wertet die TP deutlich auf. Mehr noch: Durch ihr interpersonales und aktiveres Vorgehen scheint die TP geradezu prädestiniert für ambulantes strukturbezogenes Arbeiten zu sein, so dass die Versorgung strukturell beeinträchtigter Menschen, für die aus den unterschiedlichsten Gründen eine analytische Behandlung nicht zugänglich ist, in der ambulanten Versorgung gesichert werden kann.

Dipl.-Psych. Ingo Jungclaussen,

Antrags-Supervisor, Köln

Dipl.-Psych. Martina Stang,

Psychoanalytikerin und
Antrags-Supervisorin, Berlin

Jungclaussen, Ingo: Handbuch Psychotherapieantrag – psychodynamisches Verstehen und effizientes Berichteschreiben in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Schattauer Verlag 2012.

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