ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Friederike Brion und der Dichter Lenz: „Ein unglücklicher Poet, der halb verrückt wurde . . .“

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Friederike Brion und der Dichter Lenz: „Ein unglücklicher Poet, der halb verrückt wurde . . .“

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 172

Krämer, Sandra

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Friederike Brion – Silberstiftzeichnung von Johann Wilhelm Tischbein (1750–1812). Foto: picture alliance
Friederike Brion – Silberstiftzeichnung von Johann Wilhelm Tischbein (1750–1812). Foto: picture alliance

Friederike Brion ist durch ihre Beziehung zu Goethe in die Literaturgeschichte eingegangen. Weniger bekannt ist: Psychologische Analysen zum „Wahnsinn“ bei Jacob Michael Reinhold Lenz diagnostizierten die unerfüllte Liebe zu ihr als Auslöser.

Die am 3. April 1813 verstorbene Friederike Brion aus Sesenheim steht in der Literaturwissenschaft vor allem für eine der größten Liebesepisoden der deutschen Dichtung und Inspirationsquelle poetischer Werke (Sesenheimer Lieder, Die Neue Melusine, Die Liebe auf dem Lande und andere). Aber auch für Medizin und Psychologie ist die Tochter des Sesenheimer Pfarrers Johann Jakob Brion von Interesse. Verbindet man mit ihr doch eine der Krankheitsgeschichten, die die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit seit der Goethezeit beschäftigt: Der Verfall des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (17511792) in den Wahnsinn. Georg Büchners posthum veröffentlichte Novelle Lenz ist die bekannteste Literarisierung dieser Fallbeschreibung „über einen Freund Goethes, einen unglücklichen Poeten Namens Lenz, (. . . ) der halb verrückt wurde.“ (1).

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Liaison mit Goethe

Lenz hatte das 1768 in Königsberg begonnene Theologiestudium gegen den Willen seines Vaters, Pfarrer und Generalsuperintendent in Livland, abgebrochen. Fortan lebte er als freier Schriftsteller und machte auf seinen Reisen die Bekanntschaft mit literarischen Größen der Zeit. 1772 kam Lenz in Begleitung der Barone Kleist von Straßburg nach Sesenheim. Von eben dort war Johann Wolfgang von Goethe nach einer mehrmonatigen Liaison mit besagter Pfarrerstochter am 7. August 1771 gen Frankfurt am Main abgereist. Vielmehr war er, wie schon so oft, geflohen vor einer ihn liebenden Frau. Über dieses abrupte Ende der Sesenheimer Episode geht Goethe später in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit mit sich selbst hart ins Gericht, wissentlich Friederike das Herz gebrochen zu haben. Bei der von Liebeskummer geplagten Friederike wiederum suchte nun Lenz in „den trübsten Stunden meines Lebens diejenige Aufmunterung (. . . ), deren Eindrücke mich über das Grab hinaus begleiten werden.“ (2). Lenz warb jedoch vergebens um Friederike. August Stöber sah in dieser „Bekanntschaft der schönen Friederike Brion, der jüngsten Tochter des dortigen Pfarrers (. . . )“ mehr als nur eine belanglose Episode: „Heiße, ewige Liebe schworen sie sich beide. Lenz trank einen vollen Kelch der süßesten Wonne, die sich leider in der Folge in den bittersten Schmerz auslöste und seinem ganzen Leben jene traurige Wendung gab, welche ihn verzerrte. Der Gedanke an seine Geliebte absorbierte ihn ganz; in ihm gingen alle anderen Gedanken unter. (. . . ) Im Sommer 1776 (. . . ) brach sein, oft in dumpfes Hinbrüten, in bange Schwermuth versunkenes Gemüth in vollen Wahnsinn aus, der zuweilen zur tollsten Raserei wurde.“ (3).

Lenz verlässt Weimar

Im April 1776 war Lenz nach Weimar gegangen, wo er auf eine Stelle bei Hofe durch die Vermittlung Goethes hoffte. Dieser verschaffte ihm eine Hauslehrerposition bei Charlotte von Stein, äußerte sich jedoch bereits sehr bedenklich über den ehemaligen Freund: „Lenz ist unter uns wie ein krankes Kind, wir wiegen und tändeln ihn, und geben und lassen ihm vom Spielzeug was er will.“ (4). Ende des Jahres kommt es zum Bruch zwischen den vormaligen Dichterbrüdern, und Lenz muss Weimar im Dezember verlassen. Ziel- und mittellos sowie physisch und psychisch erschöpft reist er durch Süddeutschland, das Elsass und die Schweiz und erbittet Aufnahme bei verschiedenen Gönnern, unter anderem Goethes Schwager Johann Georg Schlosser, dem Physiognomiker Johann Christian Lavater und dem Apotheker Christoph Kaufmann. Im November 1777 erleidet Lenz erstmals öffentlich einen Anfall, gefolgt von einem Suizidversuch. Man schickt ihn daraufhin zu dem Seelsorger Johann Friedrich Oberlin nach Steintal, verbunden mit der Hoffnung, dass Lenz in der abgeschiedenen Umgebung und unter dessen Anleitung gesunden und zu seiner eigentlichen Berufung als Pfarrer zurückkehren werde. Sein fortschreitender Krankheitsverlauf wurde durch Oberlin, der Lenz vom 20. Januar bis 8. Februar 1778 in seinem Pfarrhaus beherbergte, dokumentiert (5).

Auch wenn Oberlin Lenz tagsüber durch Beschäftigungen wie Zeichnen, Malen, Bibellesen und Gespräche beruhigen kann und vermerkt: „er zeigte immer großen Verstand und ein ausnehmend theilnehmendes Herz; wenn die Anfälle der Schwermuth vorüber waren, schien alles so sicher und er selbst war so liebenswürdig“, muss der Seelsorger schnell erkennen „wenn (ihn) die Melancholie überfällt, (ist er) Ihrer nicht Meister“. Lenzens Angstgefühle artikulieren sich Nächtens in lautem Reden, ziellosem Hin- und Herlaufen im Zimmer, Herumirren auf dem Feld und Baden im Brunnen. Einige Tage nach seiner Ankunft unternimmt er den Versuch „nach vorhergegangenen eintägigen Fasten, Bestreichung des Gesichtes mit Asche, Begehrung eines alten Sacks, (. . . ) ein zu Fouday so eben verstorbenes Kind, (. . . ), auf(zu)wecken“. Der Name des Kindes – „Friederike“. Seine religiösen Wahnvorstellungen steigern sich zu Schuldgefühlen. Er macht Andeutungen über eine Frau, der er die Ehe versprochen und anschließend ihren Tod verschuldet habe: „(Er) stand in der erbärmlichsten Stellung, redete gebrochene Worte: Ach! Ist sie todt? Lebt sie noch? – Der Engel, sie liebte mich – ich liebte sie, sie war’s würdig – o, der Engel! – Verfluchte Eifersucht! ich habe sie aufgeopfert – sie liebte noch einen Andern – aber sie liebte mich – ja herzlich – aufgeopfert – die Ehe hatte ich ihr versprochen, hernach verlassen – o, verfluchte Eifersucht!“ Um welchen „Engel“ es sich hierbei handelt, erfährt Oberlin „um Mitternacht“. Lenz „rannte durch den Hof, rief mit harter holder Stimme einige Sylben, (. . . ) Friedericke (. . . ) mit äußerster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung.“ Anderntags berichtet er ihm „mit ausnehmender Freundlichkeit“: „das Frauenzimmer“ von dem er gesprochen habe, sei „gestorben“. Auf Oberlins Frage, woher er dies wisse, antwortete Lenz: „Hieroglyphen. – Hieroglyphen!“ In einem Brief „an die Mutter seiner Geliebten“ lässt Lenz dieser dann mitteilen, „er könne ihr diesmal nicht mehr sagen, als daß ihre Frederike nun ein Engel sey und sie würde Satisfaction bekommen“. Lenz bezichtigt sich gegenüber Oberlin jedoch nicht nur des Mordes, sondern will Strafe durch körperliche Gewalt. So bittet er den Pfarrer, ihn durch Schlagen mit Gersten zu bestrafen und verrenkt sich bei einem Sturz aus dem Fenster den Arm. Nach wiederholten Selbstmordversuchen und Gebaren „sich den Kopf an die Wand zu stoßen“, engagiert Oberlin Wächter, die alsbald der Sache nicht mehr Herr werden, und, „weil sie ihn nicht aus den Händen lassen durften“, selbst „Hilfe begehrten“. Von „drei Begleitern und zwei Fuhrleuten“ lässt Oberlin Lenz schließlich nach Straßburg bringen, wissentlich: „Alles was wir hierin gethan, haben wir vor Gott gethan, und so wie wir jedesmal allen Umständen nach glaubten, daß es das Beste wäre.“

Krankheitsbild: Schizophrenie

Oberlin statuierte mit seinem Bericht an Lenz ein Exempel, an dessen Krankheitsverlauf sich „die Folgen der Prinzipien die so manche heutige Modebücher einflößen, die Folgen seines Ungehorsams gegen seinen Vater, seiner herumschweifenden Lebensart, seiner unzweckmäßigen Beschäftigungen, seines häufigen Umgangs mit Frauenzimmern“ ablesen ließen. Ausgerechnet der Autor der Leiden des jungen Werthers ist es dann, der Lenz als ein „besonders abschreckendes Beispiel dieser kranken Neigung“, die er dort beschrieben habe als „das Innere eines kranken jugendlichen Wahns“ benennt (6). Ein junger Mensch, „der sich in schwärmende Träume verliert, (. . . ), biss er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet wird“ (7).

Mit ihren moralistischen Erklärungen der Melancholie, die ihnen als selbst verschuldete Folge normwidriger Verhaltensweisen erscheint, folgen die Zeitgenossen gängigen Denkmustern der Aufklärung. Erst Georg Büchners Erzählung Lenz (1839) löst sich von diesem Kausalitätsprinzip und richtet stattdessen seinen Blick einfühlend-verstehend-deskriptiv auf das innere Geschehen und die innere Wahrnehmung seines Protagonisten. In dieser Form nimmt die Novelle die Konstituierung des Krankheitsbildes der Schizophrenie vorweg, wie sie später von Emil Kraepelin und Eugen Bleuler beschrieben wird. Medizinhistorisch betrachtet, ist Büchner somit seiner Zeit voraus. Jedoch kann auch er, der Lenzens Krankheit nicht unmittelbar aus dem problematischen Verhältnis zu Friederike ableitete, nicht verhindern, dass der Verleger Karl Gutzkow bei der Erstpublikation der Novelle, den Blick des Lesers in einer Fußnote auf das Verhältnis Lenzens mit Goethes Friederike lenkt (8).

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2013; 12(4): 172–3

Anschrift der Verfasserin:
Sandra Krämer M. A.
Schottweg 1, 22087 Hamburg,
skraemer@smd.uni-ulm.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0413

1.
Brief Georg Büchner an die Eltern im Oktober 1835 aus Straßburg. In: Lehmann WR, Pörnbacher K, Schaub G u. a. (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988: 310.
2.
Brief Jacob Michael Reinhold Lenz an Friederike Brion vom 27. März 1780 aus St. Petersburg. In: Freye K, Stammler W (Hrsg.): Briefe von und an J. M. R. Lenz. Band 2, Leipzig 1918: 146–9.
3.
Stöber A: Der Dichter Lenz. In: Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 250 vom 19.10.1831. In: Ders.: Der Dichter Lenz und Friederike von Sesenheim. Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderen von Lenz und Göthe. Basel 1842.
4.
Brief Goethe an Merck vom 16. September 1776. In: Eibl K u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band II/28, Frankfurt am Main 1986: 65.
5.
Johann Friedrich Oberlins Aufzeichnungen vom 8. Februar 1778 wurden von dem Rechtsanwalt Daniel Ehrenfried Stöber (1779–1835), der den Nachlass Oberlins sichtete, veröffentlicht. Im Folgenden zitiert nach der Edition von August Stöber: Der Dichter Lenz, im Steintale (1839). In: Lehmann WR, Pörnbacher K, Schaub G u. a. (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe, München 1988: 520–30.
6.
Goethe J W: Aus meinen Leben – Dichtung und Wahrheit, III. Teil, 13. Buch. In: Borchmeyer D u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band I, 14, Frankfurt am Main: 605–50.
7.
Brief Goethe an Gottlieb Friedrich Ernst Schönborn vom 1. Juni 1774. In: Eibl K: u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band II, 28. Frankfurt am Main 1986; 374–80.
8.
Dedner B, Gersch H, Martin A (Hrsg.): Lenzens Verrückung. Chronik und Dokumente zu J. M. R. Lenz von Herbst 1777 bis Frühjahr 1778. Tübingen 1999.
9.
Falck P Th: Friederike Brion (1752–1813). Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin 1884.
10.
Hohoff C: Jakob Michael Reinhold Lenz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1999.
11.
Irle G: Büchners „Lenz“ – eine frühe Schizophreniestudie. In: Ders.: Der psychiatrische Roman. Stuttgart 1965: 73–83.
12.
Metz A: Friederike Brion. Eine neue Darstellung der „Geschichte in Sesenheim“. München 1911.
13.
Seele A: Friederike Brion „Ein allerliebster Stern“ am ländlichen Himmel. In: Ders.: Frauen um Goethe. Reinbek bei Hamburg 2000, 15–23.
1.Brief Georg Büchner an die Eltern im Oktober 1835 aus Straßburg. In: Lehmann WR, Pörnbacher K, Schaub G u. a. (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988: 310.
2.Brief Jacob Michael Reinhold Lenz an Friederike Brion vom 27. März 1780 aus St. Petersburg. In: Freye K, Stammler W (Hrsg.): Briefe von und an J. M. R. Lenz. Band 2, Leipzig 1918: 146–9.
3.Stöber A: Der Dichter Lenz. In: Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 250 vom 19.10.1831. In: Ders.: Der Dichter Lenz und Friederike von Sesenheim. Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderen von Lenz und Göthe. Basel 1842.
4. Brief Goethe an Merck vom 16. September 1776. In: Eibl K u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band II/28, Frankfurt am Main 1986: 65.
5.Johann Friedrich Oberlins Aufzeichnungen vom 8. Februar 1778 wurden von dem Rechtsanwalt Daniel Ehrenfried Stöber (1779–1835), der den Nachlass Oberlins sichtete, veröffentlicht. Im Folgenden zitiert nach der Edition von August Stöber: Der Dichter Lenz, im Steintale (1839). In: Lehmann WR, Pörnbacher K, Schaub G u. a. (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe, München 1988: 520–30.
6.Goethe J W: Aus meinen Leben – Dichtung und Wahrheit, III. Teil, 13. Buch. In: Borchmeyer D u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band I, 14, Frankfurt am Main: 605–50.
7.Brief Goethe an Gottlieb Friedrich Ernst Schönborn vom 1. Juni 1774. In: Eibl K: u. a. (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band II, 28. Frankfurt am Main 1986; 374–80.
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9.Falck P Th: Friederike Brion (1752–1813). Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin 1884.
10.Hohoff C: Jakob Michael Reinhold Lenz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1999.
11.Irle G: Büchners „Lenz“ – eine frühe Schizophreniestudie. In: Ders.: Der psychiatrische Roman. Stuttgart 1965: 73–83.
12.Metz A: Friederike Brion. Eine neue Darstellung der „Geschichte in Sesenheim“. München 1911.
13.Seele A: Friederike Brion „Ein allerliebster Stern“ am ländlichen Himmel. In: Ders.: Frauen um Goethe. Reinbek bei Hamburg 2000, 15–23.

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