ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Ludwig Wille: Psychiatrie ohne Zwang

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Ludwig Wille: Psychiatrie ohne Zwang

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 176

Goddemeier, Christof

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Illustration: Elke Steiner
Illustration: Elke Steiner

Wille zufolge sollten psychisch Kranke am besten bei Familien in der Nähe einer Anstalt wohnen.

Der Arzt und Psychiater Ludwig Wille (1834–1912) zählt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den Fortschrittlichen seines Fachs. Die maßgeblichen Vertreter der Anstaltspsychiatrie, Heinrich Damerow, Carl Flemming, Christian Roller und Bernhard Laehr beharren auf einem patriarchalen Führungsstil und halten am Prinzip der weit abgelegenen Anstalt fest. Sie können sich auch nicht vorstellen, die von John Conolly propagierte zwangfreie Behandlung in deutschen Anstalten einzuführen. Demgegenüber fordern Wille, Ludwig Meyer und Wilhelm Griesinger, Stadtasyle einzurichten, Zwangsmaßnahmen abzuschaffen sowie Behandlungs- und Pflegeformen außerhalb der Anstalt anzubieten.

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Im bayerischen Buchdorf geboren, studiert Wille in München und Erlangen Medizin und promoviert über das Thema „Ist die Melancholie eine psychische Depressionsform?“. 1863 wechselt er an eine Privatklinik in Göppingen. Dort äußert er sich noch zurückhaltend über eine zwangfreie Behandlung, doch fünf Jahre später präsentiert er die von ihm geführte schweizerische Heilanstalt Rheinau als Einrichtung, die vollkommen auf Zwang verzichtet.

Wilhelm Griesinger hatte zusätzlich zur Versorgung in Anstalten die Verpflegung psychisch Kranker in Familien und den Aufenthalt in einer „agricolen Colonie“ vorgeschlagen. Doch in den 1860er Jahren lehnt man in Deutschland extramurale Behandlungs- und Pflegeformen überwiegend ab. Wille teilt Griesingers Vorschläge. Das Modell der agricolen Colonie hat er bereits während seiner Göppinger Zeit kennengelernt. Wille zufolge sollten die Kranken am besten bei Familien in der Nähe einer Anstalt wohnen. So können deren Mitarbeiter bei der Organisation und Betreuung mitwirken.

Nach Griesingers Tod 1868 ist die Psychiatrie für den Rest des 19. Jahrhunderts vorwiegend neuropathologisch ausgerichtet. Wille ist skeptisch. „Ich glaube demnach noch nicht, dass die Psychiatrie als Wissenschaft dadurch viel gewonnen hat, wenn wir die Bezeichnung psychische Störungen, Psychosen einfach mit der ,der Krankheiten des Vorderhirns’ vertauschen“, schreibt er. In den 1890er Jahren setzt Emil Kraepelin sich mit seiner klinisch orientierten psychiatrischen Krankheitslehre durch.

Den größten Teil seines Berufslebens verbringt Wille in der Schweiz. Neben Arbeiten zur Psychopathologie konstatiert er 1873 das Fehlen einer „spezielle[n] Bearbeitung des Greisenalters“ und beschreibt detailliert die psychischen Störungen fortgeschrittenen Alters. Ab 1875 ist Wille Professor an der Basler Universität.

Umstrittene Berühmtheit erlangt sein Gutachten über den Dichter Gottfried Keller. Der hatte sein Vermögen öffentlichen Institutionen vermacht. Dagegen protestiert sein Vetter Friedrich Scheuchzer, Arzt und Nationalrat, mit der Begründung, Keller sei wegen Gehirn- und Rückenmarkschwundes testierunfähig gewesen. Wille kommt zum Schluss, dass kein Zerfall des Hirngewebes, sondern eine Hirnfunktionsstörung des Greisenalters vorgelegen habe – zum Zeitpunkt der Testamentsabfassung aber sei Keller „des Vernunftgebrauchs nicht beraubt gewesen“. Mit dieser Beurteilung ist Scheuchzer nicht einverstanden und fordert ein neues Gutachten. Ludwig Frank, Direktor in Münsterlingen, nimmt den Auftrag jedoch nicht an, „weil ich mich zu sehr als Grünschnabel ansehe und gegen Wille nichts auszurichten vermag“.

Christof Goddemeier

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