ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Suizidalität: Aufmerksam für Gegenübertragungsempfindung

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Suizidalität: Aufmerksam für Gegenübertragungsempfindung

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 185

Moser, Tilmann

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Die Suizidhandlung dient der Abwehr einer narzisstischen Katastrophe und ist zugleich eine Konfliktlösung, indem der Gefahr, einer vernichtend fantasierten Situation passiv und hilflos ausgeliefert zu sein, aktiv zuvorgekommen wird. Aber einer solche Verzweiflungslösung geht in der Regel, wenn es sich nicht um einen reinen Bilanz-Selbstmord handelt, eine Vielzahl möglicher früher Traumatisierungen voraus, die zu einer Summe seelischer Katastrophen führen: endlose Leere, Hass und Selbsthass, enttäuschte Verschmelzungssehnsucht und niederschmetternde Trennungserfahrungen, unerträgliche Gefühle von Schuld und Ausgeschlossensein.

Gerisch ist sowohl eine hervorragende Theoretikerin als auch eine erfahrene Therapeutin, die wertvolle Hinweise auf Behandlungsprobleme gibt. Nicht immer kündigt sich drohender Suizid lärmend an, sondern er kann sich schleichend nähern. Deshalb analysiert Gerisch die schwierigen Gegenübertragungsprobleme in scheinbar stagnierenden Analysen, die den Therapeuten unter schweren Druck setzen können. Aber wie einst Winnicott verzweifelten Müttern erlaubte, schwierigen Kindern gegenüber auch gelegentlich Hass zu fühlen, so hält sie aufkommenden Gegenübertragungshass für ein wichtiges Indiz dafür, welche mörderischen Prozesse sich in den Seelen von definitiv lebensmüden Menschen abspielen: Destruktive Introjekte bekämpfen Reste eines lebendigen Selbst mit vernichtendem Eifer, und die Autorin formuliert nicht umsonst die Frage: „Wer tötet wen?“, denn gegen wen sich der zwangsläufig entstehende Hass aufgrund kumulativer Traumata richtet, entscheidet sich oft nur situativ: Er kann sich gegen das Selbst wie gegen andere zentrieren, und oft erscheint die Selbsttötung als ultimative Rettung der eigenen Person vor der vorsprachlichen Verzweiflung über frühe Ablehnung oder Missbrauch.

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Deshalb macht Gerisch nachdrücklich aufmerksam auf die Vor-anzeichen im Therapeuten in den „somatisierten Gegenübertragungsempfindungen, wie etwa Ekel, Müdigkeit, vegetative Empfindungen, bis zu Herzrhythmusstörungen oder unwillkürliche Muskelkontraktionen“. Sie weiß, dass der Körper eine Deponie vorsprachlicher Erfahrungen darstellt, die den Therapeuten infizieren können, weil er sich der projektiven Identifizierung mit einzelnen präverbalen Zuständen des Patienten nicht entziehen kann.

Das Taschenbuch ist die Ernte aus jahrzehntelanger Beschäftigung mit Suizidalität und gleichzeitig eine Schatztruhe von Reflexionen über frühe Traumatisierungen. Tilmann Moser

Benigna Gerisch: Suizidalität. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 140 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro

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