ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Gesundes Leiden: Reliable und valide Diagnosen
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Gensichen und Linden kritisieren die Vergabe zu vieler Diagnosen, ausgelöst durch die symptom- und kriterienorientierte Vorgehensweise im ICD-10 und DSM-IV, vor allem in Bezug auf standardisierte Interviews, auf denen die gesamte Epidemiologie psychischer Störungen beruht. Als Alternative empfehlen sie eine Rückschau auf die guten alten Tage der Psychopathologie, flankiert mit Z-Kodierungen.

Leider schreiben sie fälschlich, das A-Kriterium der depressiven Episode nach ICD-10 verlange eine depressive Verstimmung – Fakt ist, dass nach den ICD-Forschungskriterien nur zwei der drei vorrangigen Symptome vorliegen müssen, es reichen eben der Interessenverlust und die Erschöpfung. Traurige Stimmung ist nach diversen Studien eines der weniger sensitiven Symptome, das viele Depressive überhaupt nicht aufweisen. Aus den Autoren spricht an verschiedenen Stellen eine gewisse Überheblichkeit, als ob sie wüssten, was „in Wahrheit“ eine Depression wäre – Diagnosen sind immer menschengemachte fehleranfällige und vorübergehende Konstrukte, welche für die Behandlung von Nützlichkeit sein sollen, die Kommunikation und Erforschung dieser Einheiten erleichtern sollen. Fast witzig in Zeiten evidenzbasierter Medizin sehnen sie sich nach „dem Experten“ zurück, der im Sinne „Eminenzbasierter Medizin der 1940er bis 70er“ alle Klarheiten in der Diagnostik beseitigt, an dem man sich zu orientieren hat . . . Die Autoren verschweigen, dass jedoch Reliabilität die Voraussetzung für Validität ist, das heißt, im früheren Schritt wäre die Reliabilität (hier Beurteilerübereinstimmung) der Experten zu belegen!

Es ist besser, reliable und nur eingeschränkt valide Diagnosen zu haben, als Diagnosen, die „valide“ im Geiste des Experten sind, jedoch völlig zufällig, da niemand genau die Gewichtungen, Symptomanzahl, Symptomart und die flankierend eingehenden psychopathologischen Beurteilungen kennt. Sie sind eine intransparente „Blackbox“ – also ein Gegner jeder Wissenschaft, untransparent, nicht wiederholbar usw. Natürlich kann der psychopathologische Befund reliabel zum Beispiel mit AMDP gestellt werden, ist jedoch sehr trainingsaufwendig. Daneben ist zu bedenken, dass psychopathologische Verhaltens- und Erlebensbeobachtungen nur einzelne Kriterien der Hunderte von psy-
chischen Diagnosen validieren können. Die meisten Kriterien müssen notwendigerweise auf Selbstauskunft der Patienten beruhen und sind somit nur mittels ICD-/DSM-Diagnostik reliabel und hoffentlich möglichst valide zu beurteilen . . .

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Dr. Robert Mestel, 87730 Bad Grönenbach

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