ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Angststörungen: Überblick über wissenschaftlichen Stand

BÜCHER

Angststörungen: Überblick über wissenschaftlichen Stand

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 186

Flassbeck, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Buch ist in einem verdichtet elaborierten Kode geschrieben, der in Deutschland mit Wissenschaftlichkeit assoziiert ist: trockene Kost. Zum Thema der Angst kann man fachlich und auch persönlich als angstgeplagter Mensch nicht genug wissen. Angst ist in der Vielschichtigkeit menschlicher Persönlichkeit und Soziabilität allgegenwärtig. Eigentlich ein nicht trockenes Thema. Die Herausgeber haben mit dem Anspruch publiziert, dass der Kenntnisstand über Angststörungen durch Forschungsanstrengungen beträchtlich angewachsen sei. Folgerichtig kommt eine Reihe von Experten zu Wort. Werden sie der thematischen Komplexität gerecht?

Zum Inhalt: Das Buch beginnt mit einem Kapitel, das den historisch gesellschaftlichen Wandel der pathologisierenden Sichtweise von Angst aufzeigt. Zwei Kapitel über Diagnostik und Epidemiologie beschreiben Klassifizierung, Häufigkeiten, Verläufe und Komorbiditäten. In den folgenden fünf Kapiteln werden Forschungsschwerpunkte vertieft: Ergebnisse der Tierforschung, Genetik, humanelektrophysiologische Messmethoden, humanexperimentelle Paradigmen und Mechanismen der Veränderung von Angstnetzwerken. Die vier abschließenden Kapitel behandeln Ansätze der Therapie von Angststörungen: Pharmakologie, Verhaltenstherapie, psychodynamische Ansätze und die Therapie bei Kindern und Jugendlichen.

Anzeige

Das Werk ist ein Extrakt der benannten Schwerpunkte und gibt einen hervorragenden Überblick über den wissenschaftlich klinischen Stand. Wer es noch genauer wissen möchte, kann in der reichhaltig angeführten Literatur nachschlagen. Das Buch taugt als Standardwerk und sollte in keiner Fachbibliothek fehlen. Allerdings mangelt es an allgemein-, sozial- und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Die Bindungsforschung zum Beispiel wird nur am Rand erwähnt, obwohl sie grundlegende Angstmechanismen aufgedeckt hat. Abgesehen von den beiden letzten Kapiteln, werden Ängste allein lerntheoretisch funktional betrachtet. Die betroffenen Menschen und ihre Lebensbezüge erfahren wenig Beachtung. Eine ganzheitlich personenzentrierte Herangehensweise und systemische Konzepte würden den Behandlungsteil des Buches bereichern.

Man wünscht sich, dass das Werk weitere Auflagen erleben wird und es inhaltlich ergänzt wird. Und vielleicht kann der Sprachstil überarbeitet werden, damit die Texte auch für einen interessierten Praktiker, der seinen wohlverdienten Feierabend nutzt, um sich weiterzubilden, goutierbar werden. Jens Flassbeck

Rainer Rupprecht, Michael Kellner (Hrsg.): Angststörungen. Klinik, Forschung, Therapie. Kohlhammer, Stuttgart 2012, 320 Seiten, kartoniert, 49,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema