ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2013Tanorexie: Mit Hilfe von Emotionen die Haut schützen

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Tanorexie: Mit Hilfe von Emotionen die Haut schützen

PP 12, Ausgabe April 2013, Seite 181

Sonnenmoser, Marion

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Wer sich übertrieben lange und häufig in die Sonne oder unter die Sonnenbank begibt, riskiert Hautkrebs. Therapeutische Ansätze, wie das „Morphing“, bei dem Betroffenen gezeigt wird, wie unvorteilhaft sie in einigen Jahren aussehen, können einen heilsamen Schock auslösen.

Foto: dpa
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Gebräunte Haut gilt als attraktiv. Wer sich dafür jedoch übertrieben häufig und lange in die Sonne oder unter eine Sonnenbank legt, riskiert, an Hautkrebs zu erkranken. Trotz dieser Gefahr, die als allgemein bekannt gilt, setzen sich sehr viele Menschen übermäßig der Sonne aus. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von der Anpassung an soziale Normen (Schönheitsideal „braun sein“) und der Entspannung in der Sonnenwärme bis hin zum Vorliegen einer psychischen Störung oder einer nicht stoffgebundenen Sucht, der sogenannten Tanorexie (siehe auch PP 4/2009).

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Psychoedukative Ansätze

Die Tanorexie wurde bisher noch in kein diagnostisches Klassifikationssystem aufgenommen, und es existieren auch noch keine klinischen Therapieempfehlungen, Manuale oder störungsspezifischen Interventionen. Dennoch gibt es mittlerweile zahlreiche Ansätze, um die Tanorexie einzudämmen oder sie zu verhindern. Die meisten davon setzen Psychoedukation ein, also Informationen und Aufklärung über UV-Strahlen, schädliche Sonnenexposition und Risiken durch übermäßiges Sonnenbaden (Hautalterung, Hautkrebs) sowie über Strategien zur Vermeidung von Schäden durch UV-Licht (Sonnencremes, Schatten, schützende Kleidung, kurze Sonnenexposition). Sie gehen davon aus, dass allein ein Zuwachs an Wissen zu einer Verhaltensänderung führt. Es zeigte sich jedoch in neueren Studien und Metaanalysen, dass die Psychoedukation zwar zu einer Änderung von Einstellungen und Absichten führt, allerdings nur mäßig und kurzfristig. Eine langfristige, dauerhafte Verhaltensänderung ist damit hingegen kaum zu erzielen, weil konkurrierende Antriebe wie etwa soziale Normen oder Suchtverhalten letztlich meist stärker sind als die Vernunft.

Verschiedene Zielgruppen

Aus diesem Grund kombinieren Gesundheitspsychologen seit einigen Jahren die Psychoedukation mit anderen Methoden und passen die Interventionen außerdem stärker an bestimmte Zielgruppen an. Beispielsweise gibt es Programme, die sich an Eltern oder Erzieher von Kindergarten- und Grundschulkindern richten. Im Rahmen dieser Programme werden die Erziehungsberechtigten über die Gefahren von UV-Strahlung für den kindlichen Organismus aufgeklärt, und sie werden darin instruiert, Kinder nicht nur zu informieren und ihnen Vorbilder zu sein, sondern sie auch gezielt zu belohnen, wenn sie sich gegen UV-Strahlen schützen. Eine weitere Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, bei denen übermäßiges Bräunen als Ausdruck eines Schönheitskults und als Bedürfnis, sich der sozialen Norm anzupassen, gedeutet werden kann. Bei ihnen wird versucht, den Druck, gut aussehen zu müssen, zu verringern und die soziale Norm „braun ist schön“ zu hinterfragen.

Ein Beispiel dafür ist eine Intervention mit 211 jungen Frauen, die von den Psychologinnen Kristina Jackson und Leona Aiken von der Arizona State University (USA) durchgeführt wurde. „Den Teilnehmerinnen wurden Fotos von gebräunten und nicht gebräunten Models und Schauspielerinnen gezeigt, und es wurde diskutiert, ob man unbedingt braun sein müsse oder ob nicht auch blasse Haut attraktiv sein kann“, berichten Jackson und Aiken. Auch Psychologen um Heike Mahler von der University of California (USA) setzten an Normen an, indem sie 125 Studentinnen berichteten, dass viele gleichaltrige junge Frauen sich gezielt vor der Sonne schützen. Sie versuchten damit zu erreichen, dass die Studentinnen sich am Verhalten der anderen Frauen orientierten und sich dann ebenso verhielten.

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch bei Personen, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit häufig der Sonne ausgesetzt sind (Bademeister, Bauarbeiter), wird seit einigen Jahren noch eine weitere Methode eingesetzt: die UV-Fotografie. Dieses fototechnische Verfahren erlaubt es, Veränderungen und insbesondere Schäden der Haut wie Flecken und Falten, die durch Sonneneinstrahlung hervorgerufen wurden und mit bloßem Auge (noch) nicht zu sehen sind, sichtbar zu machen. Die UV-Fotografie wird oft kombiniert mit Fotos von Personen mit Hautkrebs oder mit einer Gegenüberstellung von Fotos von älteren Personen, die gleich alt sind, wobei die eine Person jahrelang der Sonne ausgesetzt war und die andere nicht. Darüber hinaus wird das Morphing zu Hilfe genommen. Es handelt sich dabei um ein computergestütztes Verfahren, bei dem ein Bild von einer Person gezielt verzerrt wird. So kann man innerhalb weniger Sekunden anhand eines kurzen „Verzerrungsfilms“ einen Eindruck davon erhalten, wie beispielsweise ein heute Zehnjähriger mit 40 aussehen wird oder eben wie die Haut altert, wenn man sich täglich mehrere Stunden in die Sonne oder ins Solarium begibt.

Betroffene sehen sich selbst

Solche Demonstrationen sind in der Regel sehr eindrucksvoll. Ihre Wirkung erzielen sie auch deshalb, weil es um die Betrachter persönlich geht: Die Betrachter sehen nämlich nicht irgendeine Person, deren Haut von der Sonne geschädigt wird, sondern sich selbst. Außerdem können sie in die eigene Zukunft blicken und direkt erkennen, wie unvorteilhaft sie in einigen Jahren aussehen werden, wenn sie sich nicht vor der Sonne schützen. Dies löst oft einen Schock, Betroffenheit, Ängste und Abscheu aus. Solche Emotionen sind zwar nicht angenehm, aber gerade weil sie aufwühlen und unter die Haut gehen, sind sie in der Lage, ein wirkliches Umdenken und ernsthafte Verhaltensänderungen zu bewirken. Das zeigt etwa eine Studie von US-amerikanischen Psychologen um Frederick Gibbons von der Iowa State University (USA), die mit Hilfe von UV-Fotografie nicht nur das Denken der Probanden über das Sonnenbaden radikal ändern konnten, sondern auch bewirkten, dass die Probanden nach dem Anblick der Bilder viel seltener als zuvor ein Solarium aufsuchten.

Darüber hinaus ist es wichtig, Alternativen zum Bräunen und den damit verbundenen, vermeintlichen Vorteilen und Annehmlichkeiten anzubieten. Die Psychologinnen Sharon Danoff-Burg und Catherine Mosher von der University at Albany (USA) sammelten Vorschläge unter 164 Studierenden, wie verschiedene angenehme Effekte des Bräunens, wie zum Beispiel die Verbesserung des Aussehens, die Entspannung beim Sonnenbaden und das Treffen anderer Leute am Strand oder im Solarium, durch weniger gesundheitsschädigende, alternative Verhaltensweisen erzielt werden könnten. Die Befragten meinten, dass man zum Beispiel auch ungebräunte Haut schön finden oder der Hautbräune mit unschädlicher Bräunungscreme nachhelfen könne, dass man ebenso bei einem Hobby oder mit Hilfe von Entspannungstechniken zur Ruhe kommen könne und dass man andere Leute beispielsweise auch im Fitnessstudio oder im Verein treffen könne. Um eine positive Haltung gegenüber dem Schutz der Haut zusätzlich zu fördern, kann nach Meinung der Wissenschaftlerinnen betont werden, dass man die Haut relativ einfach und preiswert schützen kann, dass dies jedem möglich ist und dass eine verminderte UV-Exposition viele Vorteile mit sich bringt. Es geht also darum, den Schutz der Haut nicht als etwas Lästiges und Aufwendiges, sondern als etwas Positives und leicht zu Bewältigendes zu vermitteln.

Emotionen wirken intensiver

Die beschriebenen Ansätze haben den Nachteil, dass sie zum Teil aufwendig in der Durchführung sind und bisher nur an kleinen, ausgewählten Gruppen und in temporär befristeten Studien erprobt wurden. Darüber hinaus beruhen die Ergebnisse oft auf Selbstaussagen, und es gibt auch so gut wie keine Erkenntnisse über Langzeiteffekte. Trotzdem befinden sie sich prinzipiell auf dem richtigen Weg, denn sie konzentrieren sich zum einen auf bestimmte Zielgruppen, zum anderen versuchen sie, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern ebenfalls Normen zu verändern und Emotionen auszulösen. Und da Emotionen oft viel intensiver nachwirken und handlungsleitender sind als reines Wissen, könnte hierin der Schlüssel auch für viele weitere gesundheitspsychologische Interventionen liegen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0413

1.
Danoff-Burg S, Mosher C: Predictors of tanning salon use: Behavioral alternatives for enhancing appearance, relaxing and socializing. Journal of Health Psychology 2006; 11(3): 511–20.
2.
Gibbons F, Gerrard M, Lane D, Mahler H, Kulik J: Using UV photography to reduce use of tanning booths. Health Psychology 2005; 24(4): 358–63.
3.
Jackson K, Aiken L: Evaluation of a multicomponent appearance-based sun-protective intervention for young women. Health Psychology 2006; 25(1): 34–46.
4.
Mahler H, Kulik J, Butler H, Gerrard M, Gibbons F: Social norms information enhances the efficacy of an appearance based sun protection intervention. Social Science and Medicine 2008; 67(2): 321–9.
5.
Turrisi R, Hillhouse J, Mallett K, Stapleton J, Robinson J: A systematic review of intervention efforts to reduce indoor tanning. In: Heckman C, Manne S (eds): Shedding light on indoor tanning. New York: Springer 2012, 135–46.
6.
Williams A, Grogan S, Buckley E, Clark-Carter D: A qualitative study examining women’s experiences of an appearance-focussed facial-ageing sun protection intervention. Body Image 2012; 9(3): 417–20.
1.Danoff-Burg S, Mosher C: Predictors of tanning salon use: Behavioral alternatives for enhancing appearance, relaxing and socializing. Journal of Health Psychology 2006; 11(3): 511–20.
2.Gibbons F, Gerrard M, Lane D, Mahler H, Kulik J: Using UV photography to reduce use of tanning booths. Health Psychology 2005; 24(4): 358–63.
3.Jackson K, Aiken L: Evaluation of a multicomponent appearance-based sun-protective intervention for young women. Health Psychology 2006; 25(1): 34–46.
4.Mahler H, Kulik J, Butler H, Gerrard M, Gibbons F: Social norms information enhances the efficacy of an appearance based sun protection intervention. Social Science and Medicine 2008; 67(2): 321–9.
5.Turrisi R, Hillhouse J, Mallett K, Stapleton J, Robinson J: A systematic review of intervention efforts to reduce indoor tanning. In: Heckman C, Manne S (eds): Shedding light on indoor tanning. New York: Springer 2012, 135–46.
6.Williams A, Grogan S, Buckley E, Clark-Carter D: A qualitative study examining women’s experiences of an appearance-focussed facial-ageing sun protection intervention. Body Image 2012; 9(3): 417–20.

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