Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In früheren Zeiten wäre man das Problem BSE wohl nicht nur naturwissenschaftlich angegangen. Vielleicht hätte man einen Boten zum Delphischen Orakel gesandt, und die Pythia hätte wie einst bei Oedipus schaudernd versucht, ihn wegzuschicken, und der Bote hätte nur von der Inschrift über dem Eingang zum Tempel "Erkenne Dich selbst" berichten können und wäre vielleicht verstanden worden.
Wir sollten nicht so tun, als sei der Rinderwahnsinn nur ein medizinisches Problem oder ein tragisches Schicksal Europas. Er ist nur eine Teilerscheinung eines größeren, viel tiefer sitzenden menschlichen Problems. Zuerst kommt der Menschenwahnsinn (HSE) und dann der Rinderwahnsinn (BSE).
Alles ist schneller geworden, mußte angeblich schneller werden: die Autos, die Sportler, die Rechner, die Symphonien, die Gesundheitsreformen, die Partnerwechsel, die Stellungnahmen der Ethikkommissionen, die Änderungen des EBM, die Paradigmenwechsel – und die Rindermast. Dabei hat man aus friedlichen Pflanzenfressern Zwangskannibalen gemacht.
Kein ärztliches Problem? Im Gegenteil: Die Prionen des Zeitungeistes sind längst in unser aller Großhirn inkubiert und grübeln über einen neuen Einsatzort nach, und sie nehmen sich dabei viel Zeit – im Gegensatz zu unserem Zeitgeist. Aber vielleicht beschleunigt sich auch unsere Einsicht, wenn wir merken, daß es ans Portemonnaie geht, denn längst ist nicht nur der Honorartopf der Kassenärzte gedeckelt. Dieses Morbiditätsrisiko müssen wohl alle mittragen – pekuniär und epidemiologisch.
Es ist an der Zeit, unsere eigene HSE zu bekämpfen und in unseren Herzen und Begriffen mit den Kühen und den übrigen Mitvertebraten etwas behutsamer umzugehen, die schließlich schuldlos nach einem freudlosen Leben mit Krankheit und Schlachtung gestraft sind.
Und wir sollten mit unserer Hybris die Olympischen Götter nicht allzusehr herausfordern.
Die Gattin des Göttervaters, Hera, soll so schöne Augen gehabt haben, daß Homer bisweilen von der kuhäugigen Hera spricht. Zeus verliebte sich in die liebreizende Tochter des Agenor. Er näherte sich ihr als wunderschöner Stier und entführte sie auf seinem Rücken übers Meer zu einem fernen Gestade, welches übrigens heute noch nach der Geliebten des Zeus benannt ist: Europa.
In einer anderen Liebesgeschichte des Göttervaters verliebt sich dieser in Io, die Tochter des Königs Inachos von Argos. Um sie vor der Eifersucht Heras zu verstecken, verwandelt er sie in eine schöne Kuh. Doch Hera durchschaut das Spiel und läßt das armselige Geschöpf von Argus bewacht durch eine Bremse über den ganzen Erdkreis verfolgen, bis diese unglückliche Kuh in ihrer Ruhelosigkeit dem Wahnsinn verfällt. Die Küste, die nach ihr benannt ist, ist die Ionische Küste – Wiege unserer Philosophie und Kultur. Daran sollten wir denken, wenn demnächst zwischen "Lindenstraße" und "Tatort" im Fernsehen riesige Scheiterhaufen mit Bergen von toten Rindern brennen. Doch sollten wir die Katharsis dieses von vielen ersehnten Rituals nicht überschätzen. Erlöst werden nur die geschundenen Rinder, nicht aber unsere Seelen. Bernhard Käfer, Köln
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote